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Gedenken

04.11.2019

„Frieden ist das Wertvollste, was wir besitzen“

„Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen.“In Binswangen wurde der Volkstrauertag bereits an diesem Sonntag begangen. Alle Generationen gemeinsam gedenken hierbei regelmäßig der Opfer von Kriegen, Terror und Gewalt.
Bild: Brigitte Bunk

Die Binswanger begehen bereits am gestrigen Sonntag den Volkstrauertag. Redner weisen darauf hin, dass es jedes Opfer verdient, dass man sich seiner erinnert

Während der Zeremonie zum Volkstrauertag in Binswangen verliest Roland Karl ein offizielles Schreiben, so wie viele Angehörige es während des Zweiten Weltkriegs erhalten haben. Sein Großonkel hatte drei Wochen nach seinem 20. Geburtstag sein Leben verloren. Der Gemeindebürgermeister brachte damals dessen Vater das offizielle Schreiben, in dem gegen Ende zu lesen ist: „Möge die Gewissheit, dass Ihr Sohn sein Leben für die Größe und Zukunft unseres deutschen Volkes eingesetzt und hingegeben hat, Ihnen ein Trost sein und Kraft geben und Sie aufrichten in den schwersten Stunden Ihres Schmerzes.“

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Reiner Bühler, Vorsitzender des heutigen Friedens- und Heimatvereins Binswangen, stellt die Frage: „Was denken Sie? Hat sich der Empfänger des Briefes darüber gefreut, dass der Sohn, der Mann, der Vater als Held gestorben ist?“ Große Trauer, blanke Wut auf diesen unsäglichen nutzlosen Krieg waren wohl die inneren Gefühle der Angehörigen, meint er und wendet sich an die jungen Menschen in der Pfarrkirche St. Nikolaus. „Die meisten Gefallenen waren junge Burschen wie ihr heute, zwischen 18 und 30 Jahren.“ Und Bühler überlegt, wie die jungen Leute heutzutage angesprochen und überzeugt werden könnten, dass es Zeit sei, sich für den Frieden auf der Welt einzusetzen. Bürgermeister Anton Winkler unterstreicht: „Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen.“ Deshalb verdiene es jede Geschichte, erzählt zu werden, und jedes Opfer verdiene es, dass man sich seiner erinnert. Daraufhin gibt er einen Einblick, wie sich der Krieg auf das Nachbarland Polen auswirkte, auf das dieses Jahr geblickt wird.

Aus organisatorischen Gründen wurde der Volkstrauertag bereits am Sonntag in Binswangen begangen. Und weil es regnete, fand die vom Musik- und Gesangverein musikalisch umrahmte Zeremonie gleich im Anschluss an den Gottesdienst in der Pfarrkirche statt, Bürgermeister Anton Winkler hatte den Kranz zuvor am Ehrenmal niedergelegt. Pfarrer Rupert Ostermayer betete mit den Gläubigen für die Gefallenen, Vermissten und Angehörigen der beiden Weltkriege, die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt.

Den Rückblick auf das Entstehen des Volkstrauertags, der so, wie wir ihn heute kennen, seit 1952 in Deutschland begangen wird, gab Reiner Bühler. Er wollte nicht einfach ein Gedicht aufsagen, wie es sonst die Schulkinder machten und ein Mädchen wenig später noch tat. So erinnerte er daran, dass bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg der 1919 gegründete Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge den Volkstrauertag als Gedenktag für die Kriegstoten des Ersten Weltkriegs eingeführt habe. Dieser Tag sollte ein Zeichen der Solidarität derjenigen, die keinen Verlust zu beklagen haben, mit den Hinterbliebenen sein. Eine 100-jährige Tradition, mit der die jungen Generationen heute nicht besonders viel anzufangen wissen, ist ihm bewusst. Vielleicht, weil junge Menschen das Gefühl nicht kennen, dass ihre Liebsten irgendwo an der Front einen sinnlosen Tod in einem sinnlosen Krieg gestorben sind? Vielleicht, weil der Krieg sie nur in den Nachrichten erreicht, die sie wegschalten, da er meistens weit weg ist? So wirft er in die Runde: „Seien wir ehrlich – wie viele junge Menschen würden heute dieser kurzen Gedenkstunde beiwohnen, wenn sie es nicht aus Pflichtbewusstsein ihrem Verein gegenüber tun würden?“ Bühler blickt dabei auf die Fahnenabordnungen, Musiker und Chormitglieder. Es sei harte Arbeit, den Frieden zu bewahren. Doch für Bühler ist es das wert, denn: „Frieden ist das Wertvollste, was wir besitzen dürfen.“

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