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Wertingen

10.02.2020

Kein einziges Kind taucht in der Schule auf

In der Wertinger Realschule brennen am Montagfrüh nur die Lichter im Sekretariat und im Zimmer von Schulleiter Frank Rehli. Nachdem – wie auch in allen anderen Schulen des Zusamtals – kein einziges Kind kam, blieben auch alle Lehrer zu Hause und arbeiteten in „Heimarbeit“.
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In der Wertinger Realschule brennen am Montagfrüh nur die Lichter im Sekretariat und im Zimmer von Schulleiter Frank Rehli. Nachdem – wie auch in allen anderen Schulen des Zusamtals – kein einziges Kind kam, blieben auch alle Lehrer zu Hause und arbeiteten in „Heimarbeit“.
Bild: Birgit Hassan

Plus Ein ruhiger Montagmorgen im Zusamtal. Was die Lehrer mit dem Vormittag anfangen und wie sich der aufgrund des angesagten Sturms ausgefallene Schultag noch auswirkt.

Der Schultag im Zusamtal endet am Montag, wie er begonnen hat – mit einer Mischung aus Wolken, Regen, Sonne und zwischendurch heftigen Windböen. Während die Kinder alle – wie gestern Abend von Schulamt und Landrat angeordnet – zu Hause blieben, unterschied sich der Tag bei den einzelnen Lehrern, je nach Schule, Schulart und Schulleitern.

Niemand im Bus außer dem Fahrer

Morgens kurz nach halb acht herrscht ungewöhnliche Ruhe an der Bushaltestelle vor der Wertinger Stadthalle. Wo sonst ein Bus den anderen ablöst, steht im Moment ein einzelnes Fahrzeug. Einzig der Fahrer sitzt im Bus. Kein einziges Kind hatte er an diesem Montagmorgen an den Haltestellen angetroffen. „Die Frührunden haben wir alle abgefahren“, informiert später Heike Kraus vom Familienbusunternehmen Kraus in Höchstädt. „Immerhin mussten die Schulen ihre Betreuungspflicht abdecken.“ Da sich letztendlich am Montag kein einziges Kind auf den Weg in die Schulen des Zusamtals machte, wurden die Mittagsrunden der Schulbusse fallen gelassen.

Die Kleinbusse der Montessorischule haben ihre Fahrt dagegen erst gar nicht aufgenommen. Sie wurden am Abend bereits abbestellt, als klar war, dass die Schule ausfällt. Montessori-Geschäftsführerin Sonja Spiegler erzählt am Montag auf WZ-Anfrage, dass am Morgen noch ein paar vereinzelte Anrufe von Eltern eingingen. Anwesend waren nur die beiden Schulleiterinnen sowie ein Lehrer. Alle anderen hatte man bereits am Abend aufgefordert, in „Homeoffice“ zu arbeiten.

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"Heimarbeit" für viele Wertinger Lehrer

Ähnlich handhabten es das Wertinger Gymnasium und die Realschule. Am Gymnasium finden sich morgens zunächst die Kollegen ein, die einen „sicheren und zumutbaren Anfahrtsweg“ haben. Sebastian Bürle und Barbara Meyer vom Direktorat schicken auch diese 20 Kollegen wieder nach Hause, als kein einziger Schüler zur Betreuung auftaucht. Sie gehen somit wie ihre rund 60 anderen Kollegen zu Hause ihren Dienstpflichten nach – korrigieren und Unterricht vorbereiten.

In der Realschule herrscht um 8 Uhr absolute Ruhe. Nur im Zimmer von Schulleiter Frank Rehli und im Sekretariat brennen die Lichter. Für Rehli macht es keinen Sinn, Lehrer kommen zu lassen und gleichzeitig zu sagen, dass Autofahren gefährlich sei. So hatte er bereits am Sonntagabend neben den Schülern auch den meisten Lehrern abgesagt. Einzelne Kollegen, die wie er selbst in Wertingen wohnen, waren „auf Abruf“ eingeteilt. Was die Lehrer in „Heimarbeit“ zu tun haben, wissen sie in den Augen von Rehli selbst am besten. Er selbst wird später eine Schulaufgabe vorbereiten. Zunächst fährt er nach Bliensbach zu einem vereinbarten Gespräch. Mit dem Auto. „Lieber fällt mir ein Baum aufs Auto als auf den Kopf“, sagt er mit einem lachenden Auge, froh über das relativ ruhige Wetter an diesem Morgen.

Lehrer der Außenstellen kommen nach Wertingen

An der Grundschule nebenan sind inzwischen alle Lehrer eingetroffen, einzelne mit etwas Verspätung aufgrund der Wetterlage. Um zehn nach acht sperrt Vertretungshausmeister Bernhard Fülle wie gewohnt wegen des Sicherheitskonzepts die Eingangstüren ab. „Sonst gibt’s hier immer ein Gewusel, Action und Power“, sagt er. Die Stille an diesem Morgen empfindet er als gewöhnungsbedürftig. Schulleiterin Christiane Grandé wird den Vormittag nutzen, um mit ihren Kollegen neue Konzepte zu entwickeln und Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Vor kurzem sind die neuen Ipads eingetroffen. „Das trifft sich gut, so können wir uns heute mit ihnen anfreunden.“ Grandés Stellvertreter Hans-Jürgen Seifert hat inzwischen mit den Außenstellen Binswangen und Gottmannshofen telefoniert. Fazit: Auch hier keine Schüler. Die Lehrer werden somit nach Wertingen kommen.

In der Ulrich-von-Thürheim-Grundschule Pfaffenhofen hat Schulleiter Michael Bachmaier kurzerhand eine Fortbildung für seine Lehrer organisiert. „Jeder von uns hat seine Stärken, wir lehren uns heute gegenseitig“, erzählt er auf WZ-Anfrage. Zudem finden hier wie auch in der Grundschule Zusamaltheim mehrere Lernentwicklungsgespräche statt, die es inzwischen statt der Zwischenzeugnisse gibt. „Wir haben mit den Eltern telefonisch abgesprochen, ob sie mit ihren Kindern kommen wollen“, erklärt Zusamaltheims Rektorin Katja Chromik.

Situation im Kindergarten in Wertingen

Somit machen sich doch einige Kinder an diesem Montag auf den Weg zu ihrer Schule, ähnlich wie die Kindergartenkinder. Kurz vor acht Uhr überquert Franziska Beyer mit ihrem dreijährigen Sohn Noah den menschenleeren Pausenhof der Wertinger Grundschule. Er geht in die ausgelagerte Gruppe des Kindergartens Sonnenschein. Die 32-jährige Rieblingerin arbeitet selbst in einer anderen Gruppe des Kindergartens und geht davon aus, dass alles wie gewohnt laufen wird. „Ansonsten nehme ich meinen Sohn wieder mit und mache selbst frei.“

Tatsächlich läuft im Kindergarten Sonnenschein alles wie gewohnt – nur wesentlich ruhiger. „Viele Eltern haben angerufen und ihre Kinder für heute abgemeldet“, erzählt die stellvertretende Leiterin Anett Meier. Vor allem solche, bei denen die Geschwister „sturmfrei“ haben. Ununterbrochen ging so morgens im Kindergarten das Telefon. Nachdem sich die Zahl der Kinder gravierend verringerte, nimmt Meier das Angebot des Essensanbieters an und sagt kurzfristig alle Essen für den Tag ab. „Wir werden selbst was machen“, sagt sie. Zeit dafür bleibt, geht es in den Gruppen doch äußerst ruhig zu. In einer sind bis neun Uhr gerade mal drei Kinder gekommen.

Semmeln und Brezen bleiben liegen

Zum Leben erwacht das ganze „Städtle“ am Montag erst gegen Mittag. Kurz vor zwölf Uhr sind erstmals mehrere Kunden gleichzeitig im Bäckerladen Helmschrott in der Dillinger Straße. Die Regale und Körbe sind noch fast voll mit Broten, Semmeln und Brezen. Üblicherweise kaufen hier viele Kinder auf dem Weg zur Schule ihre Pausenbrotzeit ein. An diesem Montag fehlen nicht nur die Kinder. „Auch kaum Erwachsene sind gekommen“, sagt Verkäuferin Renate Kübler kurz vor Ladenschluss. Der ist montags bereits mittags um 12.30 Uhr. Der Rest an Brotwaren wird somit an diesem Tag an Hühner und Pferde gehen.

Lesen Sie dazu auch den folgenden Kommentar von WZ-Redakteurin Birgit Alexandra Hassan:

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