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Wertingen

27.11.2015

Röhrenradios – für junge Leute exotisch

Otto Killensberger, der Leiter des Wertinger Radiomuseums, demonstriert hier einen Trichterlautsprecher aus den 20er Jahren.

Das Radiomuseum Wertingen demonstriert die Geschichte von Funk und Telefonie.

Wertingen Als Otto Killensberger – heute ist er 63 Jahre alt – vor einem halben Jahrhundert in Meitingen den Werkunterricht von Lehrer Hubert Burkhart besuchte und dort ein Telefon mitbaute, da hat ihm der Umgang mit Technik gut gefallen. Aber der in Meitingen als Sohn des Gastwirts der Neuen Post geborene Gottmannshofener hätte nie gedacht, dass ihn Telefone und Radios in seinen alten Tagen auf Trab halten würden. Aber der frühere technische Leiter der Druckerei Krauß am Wertinger Marktplatz kam ins Rentenalter, und schon bald überredeten ihn Freunde – der verstorbene Stadtarchivar Jürgen Fiedler und der damalige Museumsreferent Alfred Sigg – sich ums Radiomuseum zu kümmern. Eigentlich gab es vor fünf Jahren noch gar kein Radiomuseum in Wertingen, sondern erst einige Dutzend alte Radioapparate, sozusagen ein randständiges Depot des Heimatmuseums.

Killensberger seufzt, wenn er an die Anfänge denkt: Damals war noch genügend Platz in den Räumen der früheren Berufsschule zwischen Realschule und Grundschule. Heute hortet Killensberger hier 700 Exponate: Nur die schönsten Stücke werden dem Publikum gezeigt, aber auf den Fluren und auf dem Dachboden stapelt sich die Durchschnittsware. Zu sehen sind vor allem Röhrenradios, die aus den 20er bis zu den 60er Jahren stammen. In einer zweiten Abteilung geht es um die Analog-Telefonie. Ergänzt werden diese beiden Sammelgebiete von Militärfunk und Musiktruhen, Schallplatten und Grammophonen, Musikboxen und technischem Gerät sowie umfangreicher Literatur zu den Sammelthemen.

700 Exponate und vollgestopfte Dachbodenspeicher – ist das nicht zu viel des Guten? Killensberger verweist auf seinen Terminkalender: „Wir werden vom Publikum fleißig besucht. Auch Augsburger und Münchner finden den Weg zu uns. Vor allem für die Schulklassen aus dem Schullandheim Bliensbach gehört ein Museumsbesuch schon fast zum festen Programm. Ein bisschen ärgert sich Killensberger, dass die Wertinger Schulen sich rar machen: „Unser Museum böte doch ideales Anschauungsmaterial für den Physikunterricht...“

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Mit Blick auf seine Schätze – in den meisten Räumen sind die Röhrenradios in mehreren Reihen übereinander gestapelt – prophezeit Killensberger, dass das Radiomuseum heute bereits interessant ist, aber in 20 Jahren wird es der Renner sein. Warum? „Heute kommen Kinder zu uns, die noch niemals eine Schallplatte gesehen haben. Viele junge Leute finden ein Telefon mit einer Wählscheibe vollkommen exotisch. In 20 Jahren werden junge Menschen die Röhrenradios anstaunen wie Relikte von einem anderen Stern!“

Das Wertinger Radiomuseum ist eine Rarität. Es ist nicht so, dass die Zusamstadt früher etwa eine Radiofabrik hatte oder sonst wie eine gewachsene Beziehung zu diesen Sammelobjekten. Die Basis waren vier Privatsammlungen: Heinz Hippele aus Geratshofen brachte 70 Radios ein, die Erben des verstorbenen Hans Wald aus Herbertshofen gaben 180 Radios, der Augsburger Heinz Maxzin stellte 42 alte Exponate zur Verfügung und schließlich erhielt das Museum die Telefonsammlung der früheren „Postlerhütte“ Augsburg mit 60 Sammlerstücken aus dem Bereich „Analog-Telefonie“. Hinzu kamen Einzelspenden, wertvolle Leihgaben und mitunter auch Ankäufe, die mit einem Minibudget und Geldspenden bewältigt werden: „Alte Radios sind ein beliebtes Sammelgebiet und für wirklich wertvolle Stücke werden mitunter absurd hohe Preise gezahlt. Da können wir nicht mithalten. Dennoch können wir in unserem Museum die Entwicklung der Technik gut dokumentieren.“ Häufige Vorträge sorgen dafür, dass die Sammlung nicht nur Schauwert hat, sondern dass das Thema auch von Fachleuten und Referenten vertieft wird.

Der Erfolg des Museums führte zu Raumnot. Die Nachfrage des Publikums sorgt saisonweise für prall gefüllte Terminkalender. Jüngst hatte Killensberger über zwölf Stunden Museumsdienst in einer einzigen Woche: Während der Lichternacht hatte man sechs Stunden lang geöffnet, dann wurden AH-Kicker und Schüler in Sonder-Öffnungszeiten durchs Museum geführt, und schließlich war auch die turnusmäßige Sonntagsöffnung zu betreuen. „Eine scharfe Woche – aber es ist natürlich nicht immer so viel los“, versicherte Killensberger.

Helfer sind willkommen. Schon jetzt gibt es einen Stamm von Mitarbeitern – natürlich alles Ehrenamtliche – die Killensberger zur Seite stehen. Nicht wenige sind Radioexperten mit großem praktischem und theoretischem Wissen. Es helfen: Willi Kempter (Herbertshofen), Heinz Wojtczyk (Herbertshofen), Heinz Maxzin (Augsburg), Siegfried Beck (Augsburg), Robert Riedel (Altenmünster), Bernd Schmied (Bocksberg) und Peter Bogner (Wertingen).

Gern würde Killensberger auch die Jugend aktiv ins Museumswesen einbinden: „Wir suchen Nachwuchs!“ Er scherzte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Arbeit im Museumswesen mitunter ganz schön abenteuerlich sei und belegte das mit einer Anekdote: Es galt voriges Jahr, eine Spende von 60 Radios aus Augsburg abzuholen. Drei Schüler halfen mit. Plötzlich schrie einer auf: „Oh – da ist eine Ratte!“ Tatsächlich, in einem der Radiogehäuse war allen sichtbar ein Vieh drin. Was tun? Schließlich stellte sich heraus, dass keine Ratte, sondern ein Siebenschläfer im Radio seinen Winterschlaf halten wollte. Die Museumsleute fingen das Tierchen ein, brachten es in einer Scheune in Wertingen unter und dort überwinterte es dann ungestört.

Das Radiomuseum ist jeden dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppenführungen können bei der Stadtverwaltung Wertingen unter Telefon 08272/84196 gebucht werden Im Internet: www.radiomuseum-wertingen.de.

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