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Kunst

13.06.2017

Schrittmacher der Wertinger Kunstszene

Herbert Dlouhy in seinem Atelier in Hirschbach. Die Stadt Wertingen widmet ihm anlässlich seines 75. Geburtstages eine Ausstellung in der Städtischen Galerie in Wertingen.
Bild: Bärbel Schoen

Herbert Dlouhy zeigt in Wertingen anlässlich seines 75. Geburtstages alte und neue Bilder, Objekte, Installationen

Herbert Dlouhy feierte im Februar seinen 75. Geburtstag. Nicht nur aus diesem Anlass widmet die Stadt Wertingen dem Künstler eine Ausstellung in der Städtischen Galerie. Dlouhy kann als der Schrittmacher zeitgenössischer Kunst in der Zusamstadt bezeichnet werden. Als Initiator der Künstlerstammtische und als Kunst-im-Schloss-Juror hat er entscheidenden Anteil daran, dass Wertingen heute den Ruf einer Kunststadt genießt, die Kunstförderung mit Verve vorantreibt.

Ihnen steht die ganze Galerie im ehemaligen Amtsgerichtsgebäude zur Verfügung. Was werden Sie zeigen?

Herbert Dlouhy: Auf keinen Fall eine Retrospektive. Ich zeige alte und neue Bilder, aber unabhängig vom Entstehungsjahr. Meine Bilder treten in Dialog zueinander. Mir geht es vor allem um die Prozesshaftigkeit. Der Blick soll nicht allein auf das Werk fixiert sein. Es ergibt sich dann eine neue Sicht der Dinge...

...wie auf der Einladung zur Vernissage steht – „Fundus und die neue Sicht der Dinge“. Sie schöpfen aus einem riesigen Fundus. Ungezählte, sicher Tausende von Bildern, Objekten und Installationen lagern im Atelier in Hirschbach. Wie schwer ist die Wahl?

Dlouhy: Jede Ausstellung ist ja an sich eine Installation. Der Plan ist eine komplizierte und aufwendige Denkform. Ein Panoptikum des Gedächtnisses. Die Arbeiten von Jahrzehnten sind alle ineinander verwoben. Die Gegenwart ist nur begreifbar durch die Vergangenheit, und umgekehrt ist es genauso. Durch Eigen- und Fremdbetrachtung verändern sich die Dinge wieder. Für mich ist es aufregend, alte Ausstellungsstücke wieder einmal in die Hand zu nehmen und sie zu vergegenwärtigen.

Geben Sie ein Beispiel!

Dlouhy: Aus einer früheren Installation mit dem Titel „Flucht und Vertreibung“ werde ich eine neue, eine merk-würdige Installation erstellen. „Am Sonnenstrand“ steht eine Rattan-Liege, ein Relikt aus dem Elternhaus meiner Frau Ilse, alte Schuhe, Fotos meiner eigenen Flucht, Betttücher, Kissen, Koffer, Kreuz, meine Hände in Gips gegossen und eine Tasche, die ich als Kind trug, dazu wähle ich witzige Dinge aus, wie etwa das Maskottchen einer Fußball-WM.

Da kommt aber kein Urlaubsgefühl auf. Das wirkt eher gruselig, fast beängstigend.

Dlouhy: Ich will keine Deutung geben. Jeder soll sich selbst ein Bild machen. Anlass war für mich das Kinderschicksal im vorletzten Jahr als an einem türkischen Strand ein dreijähriger Junge tot angespült worden war. Das hat mich erschüttert.

Soll Kunst provozieren, muss sie berühren oder ist sie Selbstzweck?

Dlouhy: Das würde ich nicht definieren. Ich bin kein Lehrmeister. Ohne wären wir jedenfalls sehr arm. Kunst bietet die Möglichkeit, wachzurufen. Veränderungen und Innovationen rufen immer Ängste hervor. Seit Urzeiten ist das so und macht den Menschen aus. Kunst ist ein Beitrag für unsere Kultur.

Dann müssten Sie angesichts der Kürzungen des Kunst-Unterrichts an Schulen auf die Barrikaden steigen?

Dlouhy: Tatsächlich ist es um die Stellung der Kunst in der Schule schlecht bestellt. Dabei müsste die Förderung bereits in der Vorschule passieren. Es geht doch nicht darum, Kinder zu beschäftigen, sondern in ihnen die Kreativität zu wecken, Potenziale zu entfalten. Kunstunterricht, der gängelt, ist furchtbar.

Verarmt die junge Generation?

Dlouhy: Heute holen Manager oft Dinge nach, die sie als Kind nicht ausleben durften. Sie spüren im Alter plötzlich, dass etwas verloren gegangen ist. Dann wächst das Bedürfnis, seiner Kreativität, seinem Inneren nachzuspüren.

Sie studierten neben Pädagogik und Freie Künste auch Philosophie. Inwieweit fließt die kunstphilosophische Betrachtung in Ihre Arbeit ein?

Dlouhy: Ich habe mich intensiv mit Sokrates und Platon auseinandergesetzt. Beim Nachdenken über das Gedächtnis darf man Augustinus nicht außer Acht lassen. Ich trage nicht die Bilder der Erinnerung in mir, sondern die Sache selbst. Die Kunst gewinnt an Selbstständigkeit. Was unser Leben ausmacht, muss verinnerlicht werden.

Erinnern Sie sich noch an die Anfänge der zeitgenössischen Kunst in Wertingen? In den 1968er Jahren waren sie noch ziemlich bescheiden.

Dlouhy: Oh ja. Ich erinnere mich sehr deutlich. Das waren intensive Zeiten. Im Cafe Demharter stellte ich erstmals aus – mit vier Bildern. Damals gab es sonst nichts. Mit dem Künstlerstammtisch sollte sich das langsam ändern. Während der Treffen wurde viel über Kunst diskutiert. Das war gut so.

Weil sich die Stadträte mit Ihren Ideen schwer taten? 1984 lösten sie mit der Anregung, im Festsaal des Schlosses moderne Werke dauerhaft hängen zu wollen, kontroverse Debatten aus. Damals unterschieden sich die „Geschmäcker“ sehr.

Dlouhy: Ohne Altbürgermeister Dietrich Riesebeck wären wir mit der Kunst nicht weit gekommen. Auch die heimischen Banken öffneten sich und ermöglichten regelmäßige Ausstellungen. Und dann gab es Kooperationen mit der Industrie im Landkreis. Für die Symposien durften wir sogar Werkhallen nutzen. Zum Beispiel bei Denzel, Gartner und Berchtold. Die Künstler kamen bis aus Russland, Tschechien, Bulgarien und den Niederlanden.

Das war weithin ein Signal für Freisinn, geistige Toleranz und Aufgeschlossenheit. Ihre neue Idee, Kunst in der Landschaft zu installieren, kam jedoch bei manchem Bürger jedoch nicht gut an. Ihre Stelen mit dem Titel „Sonnenzeichen“ wurden besudelt mit toten Tieren. Wie sehen Sie heute, fast 40 Jahre später, den Angriff?

Dlouhy: Dass meine Werke eine aggressive Reaktion auslösten, war verheerend. Vor allem haben mich die Worte an den Stelen schwer getroffen: „Erst das Schwein, die Kuh, dann der Künstler selbst dazu“. Ich empfand das als Morddrohung und habe Anzeige erstattet. Der Täter wurde nie ausfindig gemacht. Weil die Geschichte durch die bundesweite Presse ging, bin ich bekannt geworden. Das ist die positive Seite. Heute stehen meine Stahlstelen in Bayreuth an einem schönen Platz.

Ausstellung Vom 25. Juni bis 9. Juli in der städtischen Galerie Wertingen (neben dem Schloss), Schulstraße 10. Vernissage am Sonntag, 25. Juni um 11.15 Uhr. Die Laudatio hält Dr. Andreas Link. Musikalische Umrahmung: „Little Fire – still burning“ mit Paul Bränmdle und Dr. Frieder Brändle

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