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Buttenwiesen

07.12.2019

Vergessene bäuerliche Welt im Hofmuseum

Alois Sailer und sein Nachbar Anton Hopfner. Die beiden haben den ehemaligen Kuhstall umgewandelt zum Ausstellungsraum.
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Alois Sailer und sein Nachbar Anton Hopfner. Die beiden haben den ehemaligen Kuhstall umgewandelt zum Ausstellungsraum.
Bild: Hertha Stauch

Kreisheimatpfleger Alois Sailer ordnet seinen Nachlass und den seiner verstorbenen Frau Martha. Im Bauernhäuschen in Lauterbach findet sich viel mehr, als landwirtschaftliches Gerät.

Es ist schon lange her, dass die Kühe hier im Stall schnaubten und das frische Klee zwischen ihren Zähnen zermalmten, das Alois Sailer am frühen Morgen vom Feld geholt hatte. Es ist lange her, dass der 84-Jährige mit dem eisernen Pflug die Erde aufriss. Leicht verrostet steht das Ackergerät in der Ecke. „Es war schwer, die Furchen gerade zu ziehen, aber die Kühe, die den Pflug gezogen haben, haben jedes Kommando verstanden.“ Jetzt ist Sailers kleine Landwirtschaft in Lauterbach im Begriff ein Museum zu werden. Vergangenen Sonntag präsentierte er es erstmals der Öffentlichkeit.

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Alois Sailer, Bauer, Lyriker, Mundartdichter, Erzähler, Kreisheimatpfleger, ordnet als 84-Jähriger sein Leben und seinen Nachlass im Elternhaus in der Deutschordensstraße in Lauterbach. In der schwäbischen Sölde – das Wohnhaus stammt von 1848, der angebaute Stall von 1949 – hat Sailer zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Frau Martha alles erhalten und mit Sammlungen angereichert, was zu einem schwäbischen Kleinbauernhof gehört. Schon das Haus allein hat musealen Charakter. Der gepflasterte Hausflur führt in die kleine Küche mit Herdstelle und in die Stube mit Herrgottswinkel. Über der Treppe die Schlafkammern, den Hausgang unten geht es weiter in den Stall und von dort in die Scheune. Ein Original, in dem Sailer zum Teil heute noch wohnt, ein Novum, das es in dieser Vollständigkeit nicht mehr gibt und das der Kreisheimatpfleger für die Nachwelt erhalten hat. „Es ist eine andere Welt, die vergessen ist“, sagt Alois Sailer.

Eine andere Welt war es damals in der Landwirtschaft

Er ist der Vertreter einer Generation, die die zunächst schleichende, dann immer rasanter vorangehende Umwandlung der Landwirtschaft vom bäuerlichen Hof zur Agrarindustrie erlebt hat. Sailer geht diesen Weg nicht mit, widmet sich vielmehr neben seiner Arbeit als Bauer seiner Leidenschaft, der schwäbischen Lyrik, in der die Liebe zur Heimat und ihren Menschen zum Ausdruck kommt.

Vergessene bäuerliche Welt im Hofmuseum

Als Heimatpfleger zunächst für den Altlandkreis Wertingen, später Landkreis Dillingen, setzt er sich bis heute für den Erhalt der schwäbischen Landschaft, Dorfstruktur und Bauweise ein. Und erinnert an die Lebensweise der Schwaben: Sitten und Bräuche, alte Weisheiten, Überlieferungen – die passenden Gegenstände dazu finden sich alle in den Sammlungen im Hause Sailer. Zeugnisse christlicher Bauernkultur, Sakramentalien vom Wachsstock über das Andachtsbildchen bis zum Weihwasserkessel zeugen neben bäuerlichem Arbeitsgerät aus Haus und Hof vom einstigen Leben in Schwaben. In hölzernen Ausstellungsvitrinen erzählen Kultgegenstände vom Glauben und den Ritualen der Bevölkerung: Kleine Ulrichskreuze wurden in den Acker gelegt, um die Wühlmausplage abzuwehren. Wachsstöcke die in der Kirche bei den Fürbitten angezündet wurden, gab es für jede Gelegenheit – grün für den Obstbau, gelb für das Getreide, blau für gesunde Heimkehr, rosa für die Erstgebährende.

Der Totenkult spielte eine große Rolle. Ein roter Wachsstock – die „rote Klag“ – galt dem Schutz vor höchster Not wie Tod und Feuer. Stücke dieses Wachsstockes wurden im Herrgottswinkel aufbewahrt. Sailers Ehefrau Martha hat viele dieser gesammelten Wachs- und Kultgegenstände restauriert.

Alois Sailers Hofmuseum erfährt Wertschätzung aus ganz Bayern

Die Lauterbacherin war eine Expertin für Klosterarbeiten und praktizierte diese Kunst mit Perfektion. Sie war bekannt für ihre Fatschenkinder und Reliquiare – Textilarbeiten die sie nicht nur selbst in höchster Vollendung fertigte, sondern auch in Seminaren lehrte. Ihre Schaffenskraft war Ausdruck tiefen religiösen Empfindens und Volksfrömmigkeit und nimmt noch heute im Haus Sailer großen Raum ein. Das „Hof-Museum“, wie Alois Sailer sein Werk nennt, ist deshalb viel mehr als eine Dokumentation bäuerlicher Arbeit in vergangener Zeit.

Die Arbeit von Martha und Alois Sailer findet Wertschätzung bei Experten in ganz Bayern, mit denen der Lauterbacher in Verbindung steht. Das Bayerische Nationalmuseum zeigt Interesse an den Sammlungen. Doch Alois Sailer will im Rahmen einer Stiftung sein Lebenswerk für seine Heimat in Lauterbach erhalten. Deshalb ordnet er das Inventar und präsentiert es als Ausstellung im ehemaligen Kuhstall. Anton Hopfer unterstützt mit handwerklichem Geschick seinen Nachbarn. Sailer sieht es als „Notwendigkeit, dass die Hochkultur des flachen Landes nicht noch flacher wird.“ Deshalb ist es ihm wichtig, dass, dass sein kostbarer Besitz an religiöser Volkskunst ebenso auf dem Hof bleibt wie seine literarischen und kunsthistorischen Sammlungen, die im Bauernhaus und im großen Gartenhaus untergebracht sind.

Hof-Museum Es ist geöffnet an den Adventssonntage und an den beiden Weihnachtsfeiertagen. Telefonische Anmeldung unter 08274/1200

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