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Serie „Geistreich“

13.06.2017

Von Macht und Menschen

Grund zum Optimismus: Enkelsohn Hannes, fünf Jahre alt, strahlt in die Welt. Dem kann sich auch Großvater Gerhard Burkard nicht entziehen.
Bild: Hertha Stauch

Gerhard Burkard ist ein Querdenker und hat seine Epigramme in einem Büchlein zusammengestellt. Dabei ist er dem Zeitgeist auf der Spur – pessimistisch, aber auch optimistisch

Optimist oder Pessimist? Gerhard Burkard neigt eher zu Letzterem, obwohl es seine Hoffnung ist, dass er sich in seinen Ansichten gewaltig täuschen möge. Der Unterthürheimer ist Kunst- und Geschichtskenner, bekannt durch seine Krippensammlung und Vorliebe für alte Dinge. Das, was unsere Vorfahren hinterlassen haben, ist ihm wertvolles Gut. Was weniger bekannt ist: Der 73-Jährige macht sich als fulminanter Beobachter zeitlebens Gedanken über die Menschen. Das menschliche Verhalten und der Zeitgeist sind denn auch Ausdruck seiner Epigramme – laut Duden Sinn- und Spottgedichte – die er jetzt in einem Büchlein zusammengefasst hat.

Herr Burkard, Sie haben dem Optimismus mehrere Reime gewidmet. Ich frage Sie jetzt nicht, ob Sie Pessimist sind, sondern, warum Sie kein Optimist sind?

Gerhard Burkard: Wenn man die Dinge aus dem Lauf der Geschichte betrachtet, dann muss man fast pessimistisch sein. Das Glas ist halb voll. Dass es so bleibt, müsste man immer wieder nachfüllen. Es ist aber nicht so, dass man aus dem Glas nichts nimmt. Das Glas ist halb leer, und sein Inhalt geht dem Ende entgegen. Mit Optimismus allein füllt es sich nicht auf.

Viele Ihrer Gedichte und nun auch Epigramme sind in den letzten 15 Jahren entstanden, nachdem Sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatten.

Burkard: Ich war im Zweifel, ob ich sie als Buch herausgeben soll, ich hatte es nicht vorgehabt. Aber dann habe ich Eckehard Ficht über meine Krippenausstellungen kennengelernt. Das ist ein Mäzen, der nun mein Büchlein in seinem besser-leben-verlag herausgebracht hat. Es ist eine Sammlung, die ich für Bekannte zusammengestellt habe, ist nicht im Handel zu erwerben.

Der Zeitgeist spielt darin eine große Rolle. Wo ordnen Sie denn unser derzeitiges Menschsein ein?

Burkard: Der Zeitgeist hängt sehr stark davon ab, in welchem Land wir leben. Ein Nomade in der Steppe denkt anders als ein Großstadtbewohner. Früher hing noch mehr als heute der Zeitgeist von der religiösen Anschauung ab. Und vor allem hängt er von der Bildung ab: Ist diese noch ihrer historischen Wurzeln verbunden, oder zählt nur das Neue? Auch der Wohlstand beeinflusst den Zeitgeist. Ein wohlhabender Mensch verhält sich anders, als ein armer Schlucker. Ein gesunder Mensch sieht die Welt anders, als ein kranker. Wenn wir vom Zeitgeist sprechen, so können wir für uns nur den meinen, der in der westlichen Welt zu Hause ist. Durch die Globalisierung wird er jedoch auch mehr oder weniger positiv wie negativ von anderen Kulturen beeinflusst.

Unsere mitteleuropäische Kultur – worauf gründet sie?

Burkard: Sie war bisher von drei Bergen geprägt. Die Akropolis steht stellvertretend für das griechische Erbe, welches die Schönheit der Natur, des Menschen und seinem künstlerischem Schaffen zum Ausdruck bringt. Ein zweites großes Erbe, das wir von den Griechen übernommen haben, ist das „Gutsein“. Der Grieche meinte hier das, was später der Lateiner in der Redensart vom „gesunden Geist in einem gesunden Körper“ zum Ausdruck brachte. Die alten Griechen prägten schon Jahrhunderte vor Christus den Begriff von „schön und gut“. Der zweite Berg ist das Kapitol in Rom. Von diesem haben wir die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens– römisches Gesetz und römische Staatsführung – übernommen. Der dritte Berg, Golgotha in Jerusalem, prägte 2000 Jahre lang das christliche Abendland, stark beeinflusst auch von maurischem und jüdischem Gedankengut. Kirche und Staat hatten in fast allen Lebensbereichen starken Einfluss. Ordnete sich der Einzelne unter, ging es ihm den Umständen entsprechend gut. War er aufmüpfig oder ketzerisch, drohten harte Strafen und der Scheiterhaufen.

Wann und wodurch ist dann diese Weltordnung durcheinander geraten?

Burkard: Nach den schrecklichen Kriegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Mensch kritischer und selbstbewusster geworden – religiös wie politisch. Das zweite Vatikanum versprach Erneuerung im Glauben und in der Kirche. Im weltlichen Leben waren die Ideale der Demokratie und Gerechtigkeit die obersten Ziele, besonders bei der Jugend. Die alte Clique der Vorkriegsgeneration verstand das zum größten Teil berechtigte Aufbegehren der 68-er Jugend nicht und erklärte sie zu Staatsfeinden. Wer etwas werden wollte, hatte sich anzupassen. Was gut oder schlecht war, bestimmten die Kapitalisten, denn sie waren die Herren über die Medien und konnten dadurch die Massen zu ihren Gunsten beeinflussen. Diese Tendenz dauert bis heute an und bestimmt hauptsächlich den jetzigen Zeitgeist.

Sie sprechen vom Einfluss der Medien...

Burkard: Medien und Werbung prägen gewaltig das Bild und den Geschmack der Leute. Das Alte, die Vergangenheit, zählt nur noch wenig. Überall besteht ein Einheitsstil – Gebäude, Kleidung – alles ist gleich gültig und somit gleichgültig geworden. Religion spielt keine große Rolle mehr, der Sport, vor allem der Fußball, ist zu einer Massenersatzreligion geworden. Die politischen Parteien werden mehr und mehr populistisch, man puscht Nebensächlichkeiten wie das Kopftuch der Muslime auf, um Wählerstimmen zu bekommen. Es geht nicht um Wahrheit, sondern um die nötigen fünf Prozent bei der nächsten Wahl. Die angeblich moralisch Besseren bringen plötzlich die christliche Leitkultur ins Spiel, es gelingt ihnen aber nicht einmal eine einigermaßen verständliche Definition dieser Leitkultur.

In einem Ihrer Epigramme sprechen Sie vom Machtmissbrauch: „Kriegt einer Macht, auf die er hofft, wird sie von ihm missbraucht dann oft, denn in der Macht steckt das Diktat, dass man sie nicht, sie einen hat.“

Burkard: Habgier und Machtgier sind die größten Übel und nehmen immer grassere Formen an. Lobbyisten geben sich bei den Parteien die Türschnallen in die Hand. Skandale stören nicht, denn bei der Fülle von Nachrichten vergessen die Wähler schnell. Kritisch werden sie erst, wenn sie es im eigenen Geldbeutel spüren. Ein Zauberwort ist „Wachstum“. Man vergisst dabei, dass in einer begrenzten Welt, wo fast schon jede Nische besetzt ist, Wachstum nur auf Kosten anderer möglich ist. Wenn einer wächst, muss der andere abnehmen. Skrupellos werden Ressourcen, Umwelt und Menschen ausgebeutet. Während auf der einen Seite der Dritten Welt großer Mangel herrscht, leben wir hier im Überfluss. Die Wohnungen sind vollgestopft, es muss immer wieder aussortiert werden. Entsprechend groß sind die Müllberge.

Die Menschen haben heute durch moderne Technik und Vernetzung alle Möglichkeiten der Information – man könnte meinen, dass sie in ihrer Meinungsbildung deshalb klüger geworden sind?

Burkard: Wie weit wir in unserer Meinungsbildung selbst manipuliert sind, können wir nicht beurteilen. Man hätte es im dritten Jahrtausend nicht mehr für möglich gehalten, dass Wahlen in der Türkei, auf den Philippinen, in den USA einen derartigen Ausgang nehmen können. In sozialen Netzwerken wie „facebook“ oder „twitter“ vestecken sich tausenderelei Gefahren. Die Leute können nicht nur manipuliert werden – nein, sie können es selbst tun.

Das alles klingt nun aber schon ziemlich pessimistisch, bei Ihrem Blick auf die Welt von heute...

Burkard: Es gibt schon eine ganze Reihe positiver Beispiele auch in unserer Zeit aufzuzählen, sonst wäre es ja nicht auszuhalten. Der allergrößte Teil unserer Mitbürger ist demokratisch gesinnt. Im sozialen Bereich wie im Vereinswesen herrscht nach wie vor ein großes Engagement. Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft sind immer noch bei den meisten Menschen selbstverständliche Tugenden. Man will Friede unter den Mitmenschen und Völkern. Naturschutz, Umweltschutz, Klimaschutz halten fast alle für notwendig, selbst wenn sie selbst aus Bequemlichkeit und Eigennutz häufig dagegen verstoßen. Fehlende Wahlbeteiligungen sind nicht nur negativ zu beurteilen. Viele Menschen trauen denen da oben nicht mehr. Sie wissen nicht, wen sie wählen sollen, selbst wenn sie wollten. Solange der „Kleine Mann“ die Machenschaften der Herrschenden noch durchschauen kann, ist die Zukunft nicht hoffnungslos.

Gerhard Burkard

geboren 1943 in Buchdorf bei Donauwörth, wuchs als Bauernbub auf, besuchte das Gymnasium Dillingen und dann die Pädagogische Hochschule. Bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung wegen einer schweren Erkrankung unterrichtete er in fast allen Jahrgangsstufen in der Grund- und Hauptschule. Sein Interesse galt schon immer der Literatur, Kunst und Geschichte. Im Ruhestand fing er mit dem Dichten an. Seine Werke sind in schriftdeutsch und schwäbischer Mundart abgefasst, aber über den Freundeskreis hinaus noch nicht veröffentlicht.

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