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Wurst-Skandal

11.10.2019

Arme Schweine: Warum die Mängel bei Wilke System haben

Weil Arbeitsbedingungen und Verdienst so schlecht sind, finden die fleischverarbeitenden Unternehmen kaum noch Personal. Mehr zahlen können sie aber nicht: Gegen Lidl, Aldi, Edeka und Co. sind höhere Preise nicht durchzusetzen, so beschreibt ein Gewerkschaftsvertreter das Dilemma.
Bild: Sina Schuldt/dpa

Plus Der Hygieneskandal beim Fleischerzeuger Wilke wirft auch ein Licht auf die Arbeitsbedingungen in einer Branche, die mächtig unter Druck steht.

Jetzt sind es schon drei Tote: Am Freitag gab Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) mit Verweis auf das Robert-Koch-Institut bekannt, dass eine weitere Person nach dem Verzehr von Waren der nordhessischen Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH an Listeriose verstorben ist. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Krankheitsfällen, die mit der Wurst in Verbindung gebracht werden. Neu ist zudem, dass die Opfer aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt stammen – und nicht, wie erst gemeldet, nur aus Südhessen.

Dort hat die Staatsanwaltschaft Kassel nun ein Ermittlungsverfahren gegen den Geschäftsführer der Firma, Klaus Rohloff, eingeleitet. Die Begründung: Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung, fahrlässigen Körperverletzung, Verstöße gegen das Lebensmittel- und Futtergesetzbuch. Der Betrieb hat inzwischen Konkurs angemeldet, der Konkursverwalter prüft, ob er eine Zukunft hat. Es sind eingeübte Prozesse, die nun ineinandergreifen. Entscheidungen am Schreibtisch, die aber über das Schicksal jener Menschen entscheiden, die bei dem Skandalbetrieb gearbeitet haben. Es bleibt die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Noch im Juli hat Wilke eine Kontrolle für das in der Branche übliche IFS-Zertifikat bestanden. Kann ein Fall Wilke jederzeit wieder passieren?

Schon lange vor dem Skandal war bei Wilke das Geld knapp. Das Jahr 2017 war ein Krisenjahr für die gesamte Branche. Die Rohstoffpreise stiegen rasant, aber im Handel waren Preiserhöhungen kaum durchzusetzen. Dazu kommt: Die Margen in der fleischverarbeitenden Industrie sind eng. Viele Unternehmen überlebten die Krise nicht. Die Zahlen im Jahresabschluss von Wilke, der im Bundesanzeiger veröffentlicht ist, sprechen eine klare Sprache: 2,6 Millionen Euro Verlust sind dort verzeichnet. Beigetragen haben dazu auch große Investitionen.

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Die deutsche Fleischindustrie wächst. In den vergangenen 20 Jahren ist die Fleischproduktion um gut 36 Prozent gestiegen. 8,5 Millionen Tonnen Fleisch haben die Unternehmen in Deutschland im Jahr 2017 erzeugt. Zehn Jahre zuvor waren es noch eine Million Tonnen weniger. Obwohl in Deutschland im internationalen Vergleich auch sehr viel Fleisch gegessen wird, kann so ein Wachstum nur durch Erfolge im Export zustandekommen. Deutschland ist der größte Schweinfleischlieferant Europas und die Nummer zwei bei Rind- und Kalbfleisch.

Skandal bei Wilke: Die schmutzige Arbeit erledigen meist Arbeiter von Subunternehmen

Doch der Wettbewerbsdruck ist extrem, die Margen sind schmal und der bürokratische Aufwand hoch. Deswegen ging die Ausweitung des Geschäfts einher mit einem Konzentrationsprozess. Das mit Abstand größte Unternehmen in der deutschen Fleischwirtschaft ist die Tönnies-Gruppe, ein Gigant mit einem Umsatz von rund 6,9 Milliarden Euro im Jahr 2017. Noch eine Zahl zur Einordnung: 16,6 Millionen Schweine hat das Unternehmen in jenem Jahr geschlachtet. Doch der Erfolg hat auch eine dunkle Seite.

Unangenehme Berichte über die Ausbeutung ungelernter Arbeitskräfte häuften sich. Bis heute gängige Praxis in der Branche ist das Ausgliedern der schmutzigen Arbeit in den Schlachthäusern an Leiharbeiter und Subunternehmer, die vor allem in Ost- und Südosteuropa Arbeiter mit dem Versprechen auf einen guten Verdienst ködern. Dieses Modell greift nun von den Schlachtbetrieben auf die Verarbeitungsbetriebe über. Am Fall Wilke zeigt sich, welche Folgen das haben kann.

Andreas Kampmann, zuständiger Regionalleiter der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) sagt, die Stammbelegschaft bei Wilke habe sich in den vergangenen Jahren halbiert: „Bei der letzten Betriebsratswahl 2018 waren es nur noch 148 Stammbeschäftigte. Es waren mal annähernd 300.“ Dafür wurden jeden Morgen immer mehr Leiharbeiter mit Kleinbussen an das Werk gekarrt. In der Firmenhierarchie unter ihnen rangierten die ebenfalls immer zahlreicheren Arbeitskräfte aus Osteuropa, die nach Recherchen der ortsansässigen Waldeckischen Landeszeitung hauptsächlich über einen nun auf Tauchstation gegangenen ungarischen Unternehmer nach Deutschland kamen.

Kampmann zufolge waren es früher hauptsächlich Ungarn, zuletzt seien es wohl überwiegend Rumänen gewesen, die auch ran mussten, wenn die anderen frei hatten: samstags, sonntags, feiertags. Die Landeszeitung zitiert einen Arbeiter mit der Aussage, Zwölfstunden-Schichten seien die Regel gewesen, ein freies Wochenende habe er seit dem Sommer nicht gehabt. Auch Arbeitsverträge hätten er und viele Kollegen erst hastig erhalten, als das Unternehmen schon geschlossen war. Untergebracht waren die Arbeiter, so Kampmann, „unter abenteuerlichen Umständen“ in der Umgebung des Werks.

Wie erklärt man die Regeln, wenn man keine gemeinsame Sprache spricht?

Warum dieses System so lange funktioniert hat, ist das eine. Das andere ist die Frage, ob dies auch die Hygienemängel erklären kann. Neben der Arbeitsbelastung und der fehlenden Wertschätzung ist ein Knackpunkt wohl die Kommunikation. „Wenn man häufig wechselnde Mitarbeiter hat, mit denen aus Sprachgründen kein Gespräch möglich ist, ist es eine Herausforderung, sie mit allen Arbeits- und Hygieneanforderungen vertraut zu machen“, sagt Kampmann. Auch die Reinigung bei Wilke sei von einer externen Firma erledigt worden. Doch die Mängel deuteten darauf hin, dass die Reinigung eben „nicht so stattgefunden hat, wie sie stattfinden muss“, so Kampmann.

Um die Aufarbeitung der Vorfälle bei Wilke muss sich nun die Justiz kümmern. Doch die strukturellen Probleme der Branche bleiben. Weil Arbeitsbedingungen und Verdienst so schlecht sind, finden die Unternehmen kaum noch Personal. Mehr zahlen können sie aber nicht: Gegen Lidl, Aldi, Edeka und Co. sind höhere Preise nicht durchzusetzen, so beschreibt Kampmanns Kollege Thomas Bernhard, NGG-Referatsleiter für die Fleischwirtschaft, das Dilemma. Der Export spielt für die meisten Firmen in dem Bereich, wie auch für Wilke, nur eine Nebenrolle.

Drei Menschen sind gestorben, wohl dutzende erkrankt. Über 100 Menschen bangen um ihren Arbeitsplatz. Dass Verbraucher, jemals wieder Wurst unter dem Namen Wilke kaufen, erscheint fraglich. Aber es gibt ja noch viele andere Marken.

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