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Behindertenwerkstätten

04.08.2019

Behindertenwerkstätten in der Region liefern für Fendt, Dehner und Co.

Pure Handwerksprodukte mit hohem Qualitätsstandard: Die Abstandslehnen für Wohnwagen von Fendt, die verhindern, dass die Polster an der Außenwand Feuchtigkeit ziehen und schimmeln.
Bild: Ulrich Wagner

Die Werkstätten der Stiftung Sankt Johannes beschäftigen Menschen mit einer Behinderung. In welchen bekannten Produkten sich ihre Arbeit findet.

Wenn Ulrich Siegmund über seine „Firma“ spricht, kann er sie mit Fug und Recht einen „Gewerbepark“ nennen – einen, in dem mehrere Branchen an mehreren Standorten vereint sind. Auf seiner Visitenkarte steht aber nicht General Manager, sondern Leiter „Bereich Arbeit Werkstätten“. Er ist verantwortlich für die Arbeit von rund 340 Menschen mit einer geistigen, körperlichen oder psychischen Behinderung und knapp 100, die deren Arbeiten organisieren und begleiten.

Wir sind – stellvertretend für knapp 20 derartige Einrichtungen in der Region – in den Werkstätten der Stiftung Sankt Johannes in Marxheim-Schweinspoint im Kreis Donau-Ries. Mitarbeiter von Schreinermeister Jürgen Schoderer sind dabei, für die Firma Dehner in Rain am Lech große beschichtete Platten auf handliche 60 mal 60 Zentimeter zuzuschneiden und abzuleimen, bevor sie in die Läden gehen. Dazu steht ihnen eine computergesteuerte Plattensäge zur Verfügung, eine von vielen modernen Apparaturen im Maschinenpark.

In jedem Dehner-Gartencenter finden sich Produkte aus Schweinspoint

Dehner vergibt sehr viele Aufträge nach Schweinspoint. In jedem Gartencenter finden sich Einrichtungsmöbel aus den Werkstätten. Podeste zur Präsentation von Rasenmähern, um nur ein Beispiel zu nennen. Jüngst entstanden Kisten in zwei unterschiedlichen Größen für den Verkauf von Blumenzwiebeln. Rustikal sollten sie ausschauen und stapelbar sein. „Überall wo Dehner-Läden sind, ist auch etwas aus Schweinspoint“, sagt Ulrich Siegmund über die langjährige enge Zusammenarbeit, die mit Außenarbeitsplätzen im Unternehmen selbst schrittweise vertieft wird. Hier gehe es generell darum, die Menschen mit einer Behinderung an den allgemeinen Arbeitsmarkt und sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse heranzuführen.

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Diese politische Vorgabe zur Inklusion wird im Bereich der Behindertenwerkstätten und von Angehörigen mit gewisser Skepsis verfolgt, weil viele Menschen mit einem Handicap eher ein geschütztes Umfeld und individuelle Betreuung brauchen, die die Leistungsgesellschaft nicht immer bietet. Aber Ulrich Siegmund betont: „Man muss ihnen ein Wahlrecht dafür geben, was sie tun können. Und wir sind ihre Begleiter.“

Ein anderes Beispiel der Inklusion ist Deibl Kreativ mitten in Rain am Lech. Im Januar 2017 hat die Stiftung Sankt Johannes ein ehemals privat geführtes Schreibwarengeschäft mit einer kleinen Druckerei für Werbeartikel übernommen. Zwölf Arbeitsplätze wurden dort geschaffen. „Das hat Zukunft für einen bestimmten Anteil unserer Klienten“, sagt Siegmund. Andere Behinderteneinrichtungen in der Region betreiben beispielsweise eigene Cafes oder Bistros, eigenen Obst- und Gemüseverkauf, ganze Lebensmittelmärkte oder bewirtschaften Schulmensen und prägen Kfz-Schilder.

Ein Produkt aus der Schreinerei in Schweinspoint: Das Vogelhäuschen von Dehner.
Bild: Ulrich Wagner

Fendt Caravan lässt Einzelteile in den Werkstätten bauen

Kurzer Szenenwechsel, Donauwörth. Auch dort gibt es eine kleine Schreinerei, wo Robert Wiedermann mit Menschen arbeitet, die ein psychisches Problem haben. Sie können sagen, dass jeder Wohnwagen von Fendt Caravan Teile enthält, die sie hergestellt haben. Es sind sogenannte „Abstandslehnen“ aus Sperrholz, der mit einem Stoff bezogen werden. Sie sorgen dafür, dass die Polsterlehnen im Sitz- und Schlafbereich des Caravans nicht direkt mit der kalten Außenwand in Berührung kommen. Ansonsten drohen Feuchtigkeit und Schimmel.

In kleinen Arbeitsgruppen arbeiten die Mitarbeiter an den Lehnen. Sie können die Pläne lesen. Die Einzelteile sind ihren Fähigkeiten entsprechend griffbereit sortiert. Für die unterschiedlichen Wohnwagentypen gibt es unterschiedliche Abmessungen, immer häufiger kommen auch Sonderwünsche. Es ist mit viel Handarbeit verbunden. Stolz stellt Wiedermann fest, mit seinen „puren Handwerksprodukten“ die Qualitätsstandards von Fendt zu übertreffen. Pro Tag werden rund 300 Lehnen produziert, die dann just in time direkt ans Produktionsband im Wohnwagenwerk in Mertingen geliefert werden.

Zurück in Schweinspoint: In einer anderen Abteilung wird aus einer runden superleichten Kohlefaserfolie maschinell eine „Kuchenform“ nach der anderen gepresst. Die Teile werden bei den Herstellern gebraucht, um später darin Keramikbremsscheiben für Sportwagen zu „backen“. Jede produzierte Bremsscheibe braucht ihre eigene Form. Die Arbeit für die Werkstätten geht also nicht aus.

Werkstätten müssen sich dem normalen Wettbewerb stellen

Die Gruppenleiter in den Werkstätten sind Siegmund zufolge wie Unternehmer tätig. Sie müssen die Aufträge einholen und sich dabei dem normalen Wettbewerb stellen, sie müssen die Arbeit ihrer behinderten Mitarbeiter organisieren und dabei die Einhaltung von Lieferterminen ebenso wie die Produktqualität sicherstellen.

Ulrich Siegmund leitet die Behindertenwerkstätten.
Bild: Ulrich Wagner

Einen außergewöhnlichen Exklusivauftrag hat die Näherei in Donauwörth. Der Münchner Stefan Karle hat mit seinem Start-up „Dop choice“ ein besonderes Lichtgitter aus schwarzen Stoffbahnen entwickelt, das zur Steuerung von Lichtstrahlen bei Foto- und Videoproduktionen eingesetzt wird. Ausgeklappt hat es in der Regel eine Größe von ein mal ein Meter, zusammengeklappt hat es die Größe eines schmalen Turnbeutels. Das größte bisher hergestellt Exemplar maß sechs mal sechs Meter. Karle wollte seine Idee ausdrücklich mit einer Werkstätte für behinderte Menschen verwirklichen. Siegmund: „Wir bringen beste Qualität und bekommen dafür eine reelle Zusammenarbeit.“

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