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Corona-Pandemie

01.10.2020

Berufseinstieg mitten in der Corona-Krise - Junge Menschen berichten

Absolventen sehen sich dieses Jahr mit großen Hürden konfrontiert: Firmen stellen nicht ein, Arbeit wird digital, Praktika sind rar. Vier Betroffene erzählen.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Plus Wer dieses Jahr mit Schule, Ausbildung oder Studium fertig wurde, steht wegen der Covid-19-Pandemie vor völlig neuen Herausforderungen. Vier Berufseinsteiger erzählen.

"Willkommen an Bord" hätten sicher einige Unternehmen gerne zu neuen Auszubildenden und Mitarbeitern gesagt, wenn die Kapazitäten denn dieses Jahr für weitere Stellen gereicht hätten. "Willkommen an Bord" hätte auch Florian Bergmann gerne zu seinen Gästen gesagt, hätte das Kreuzfahrtschiff, auf dem er arbeiten wollte, abgelegt.

Der 21-Jährige hat dieses Jahr seine Ausbildung zum Hotelkaufmann abgeschlossen. "Die Gastro hat es mir relativ früh angetan", sagt Bergmann. Drei Jahre lang war er in dem Allgäuer Luxusresort Sonnenalp in Ausbildung – am besten hat es ihm gefallen, in Tracht an der Rezeption zu stehen, seine Gästen zu begrüßen und ihnen bei ihren Anliegen zu helfen.

Florian Bergmann hat heuer seine Ausbildung zum Hotelkaufmann abgeschlossen. Den Wunsch, auf einem Schiff arbeiten zu können, musste er heuer verschieben.
Bild: Bernd Hohlen

Nun steckt das Gastgewerbe in der schwersten Krise seit der Nachkriegszeit. "Auch nach dem Neustart ist die Branche von einem Normalgeschäft noch weit entfernt", sagt Sandra Warden, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Der Traum des Hotelkaufmanns Bergmann, mit dem Schiff die Welt zu bereisen und nebenbei Geld zu verdienen, ist erst einmal geplatzt. Statt rund um Europa und dann in die Karibik zu schippern, ist jetzt wieder Bewerbungen schreiben angesagt. Bergmann nimmt es jedoch gelassen: "Sobald das Schiff ablegt, bin ich mit an Bord und bis dahin brauche ich eben einen Plan B oder auch C", sagt der Allgäuer.

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Jobs in der Automobilbranche sind heuer durch die Corona-Krise sehr rar

Weniger hoffnungsvoll schaut dagegen der Augsburger Student Christian Felber, 26, auf seine Jobchancen. Seine Fachgebiete sind Chemie und Physik. Wegen Corona hat sich der Abgabetermin seiner Masterarbeit in Materialwissenschaften verschoben und auch die Korrektur zieht sich in die Länge. Vor allem beschäftigen ihn aber aktuell zwei Probleme: Zum einen müssen viele Firmen sparen, weshalb weniger neue Stellen frei werden. Zum anderen hat sich Felber einen Schwerpunkt gesucht, der schon vor der Pandemie immer weniger gefragt war: die Automobilbranche, genauer klassische Autos mit Verbrennermotor. "Ich habe mich sehr stark auf metallische Werkstoffe spezialisiert. Bei E-Motoren gibt es aber nicht mehr so viel Teile aus Metall, die kaputt gehen können", sagt Felber.

Christian Felber ist Student in Augsburg und forscht im Bereich der Automobillbranche. Er schätzt seine Jobchancen derzeit schlecht ein.
Bild: Bernd Hohlen

Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht die Situation für Berufseinsteiger ebenfalls kritisch: Im März und April habe es eine "Entlassungswelle" gegeben, doch die war relativ schnell wieder vorbei. Neuanstellungen gebe es dagegen immer noch deutlich weniger, sagt der Arbeitsmarktforscher. Er befürchtet, das könne für die Betroffenen auch auf lange Sicht Nachteile haben: "Bei jungen Leuten, die in so einer schwierigen Phase in die Ausbildung oder den Arbeitsmarkt kommen, sind langfristig die Arbeitslosenquoten höher und die Verdienste niedriger", sagt Weber.

Wirklich krisensicher schienen eine Zeit lang nur Berufe, die mit dem Schlüsselwort "systemrelevant" gekennzeichnet wurden. Für Sydney Schneider war das trotzdem nicht der ausschlaggebende Punkt, die Ausbildung als Pflegefachfrau zu beginnen. "Ich wollte schon als Kind Ärztin werden", sagt die 19-Jährige. Vor einem Jahr hat Schneider dann ein Praktikum in der Altenpflege gemacht und gemerkt, wie viel Spaß es ihr mache, anderen Leuten zu helfen. Alexander Daniel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe beobachtet ebenfalls, dass Einsteiger in die Pflegebranche sich im Zuge der Corona-Krise eher noch in der Berufsentscheidung bestärkt gefühlt haben. Das schließt er aus Gesprächen, aber auch aus dem Anstieg der Bewerberzahlen.

In der Ausbildung zur Pflegefachfrau haben Auszubildende anfangs keinen Kontakt zu Corona-Patienten

Auszubildende Schneider geht seit 1. September in die Berufsschule und freut sich auf den Klinik-Alltag. Im ersten Ausbildungsjahr ist es nicht vorgesehen, direkt mit Corona-Patienten zu arbeiten, sagt Schneider. Große Angst, sich anzustecken, habe sie aber nicht: "Sonst würde ich den Job nicht machen."

Sydney Schneider hat sich heuer für den Beruf der Pflegefachfrau entschieden. Eine Branche, die durch die Corona-Krise sehr gefordert ist.
Bild: Sydney Schneider

In der Würzburger Berufsschule gilt Maskenpflicht und die Klassen sind in kleine Gruppen unterteilt, die sich untereinander nicht mischen sollen. "Manche praktische Übungen gehen deshalb nicht, aber es gibt ja digitale Alternativen", sagt die angehende Pflegefachfrau. In der vergangenen Woche haben sie etwa in separaten Gruppen die stabile Seitenlage geübt und sich dabei gefilmt. Die Lehrkraft hat anschließend das Video ausgewertet. "Das ist eigentlich sogar ein Vorteil. Wir haben zusätzliches Lehrmaterial", sagt Schneider.

Bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Augsburg war die Systemrelevanz oder Krisensicherheit für die Schulabsolventen seit Beginn des Jahres meist unerheblich. Für die Eltern der Schüler, die für 2021 suchen, ist es schon wichtiger geworden. Insgesamt habe die Agentur dieses Jahr aber eine größere Unsicherheit bei der Berufswahl beobachtet: Da fast alle Praktika seit März 2020 weggefallen sind, konnten Schüler und Schülerinnen die Berufe nicht erproben – und dadurch auch ihre Motivation und Eignung für den jeweiligen Beruf nicht so gut begründen, heißt es.

Abdullah Mohamad hat dieses Jahr eine Umschulung bei dem Malerbetrieb Haußmann in Gersthofen begonnen. Der 32-jährige Syrer hat schon bevor er nach Deutschland kam im Libanon zwei Jahre als Maler gearbeitet. Jetzt will er sein Fachwissen vertiefen. "Die Arbeitsweise hier in Deutschland ist oft ganz anders", sagt Mohamad. "Langsamer", meint er – "genauer", ergänzt sein Ausbilder Christian Haußmann und beide lachen. Die beiden verstehen sich gut, es sei eher wie Familie und kein klassisches Angestelltenverhältnis, sagt Mohamad.

Im Frühjahr gab es während der Ausgangssperren im Handwerk besonders viele Aufträge

Abdullah Mohamad ist studierter Jurist und hat sich heuer zum Maler umschulen lassen. Er hatte im Frühjahr in der Corona-Krise mehr Aufträge als sonst.
Bild: Haußmann

Das Handwerk war allerdings nicht immer Mohamads Leidenschaft: In seiner Heimat Syrien hat er Jura studiert. Da ihm das Studium in Deutschland jedoch nur teilweise anerkannt wird, entschied er sich dafür, erst einmal Geld zu verdienen und begann nach verschiedenen Tätigkeiten im März als Helfer für den Malerbetrieb zu arbeiten. Noch einen Monat zuvor überlegte Malermeister Haußmann, ob er Kurzarbeit anmelden müsse. Tatsächlich gab es dann im Frühjahr mehr Aufträge als sonst. "Als die Leute zu Hause waren, haben sie handwerkliche Projekte in Angriff genommen", sagt Haußmann. Obwohl er selbst die Ausbildungsprämie der Bundesregierung nicht in Anspruch nehmen konnte, findet er finanzielle Hilfe durch den Staat wichtig.

Auch Wirtschaftswissenschaftler Enzo ist überzeugt, dass es staatliche Unterstützung braucht: "Bisher lag der Fokus vor allem auf der Erhaltung von Jobs. Aber wir müssen uns darauf konzentrieren, neue Jobs zu schaffen." Den vier Berufseinsteigern sind die schwierigen Umstände während der Krise bewusst. Student Felber findet, dass Unternehmen trotzdem den Austausch mit Bewerbern suchen sollten. Und die angehende Pflegefachfrau Schneider wünscht sich, dass die Arbeitsbedingungen im Pflegebereich besser werden. Maler Mohamad hat sich mit seinem neuen Job angefreundet und überlegt, in zwei Jahren den Meister zu machen. Und Hotelkaufmann Bergmann ist gespannt auf die Reise – sowohl die berufliche als auch die auf dem Kreuzfahrtschiff.

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