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Kreis Günzburg

30.04.2017

Das Einkaufswagen-Imperium aus der Region

Der neueste Kunststoff-Einkaufswagen der Firma Wanzl.
Bild: Guntram Schindler, Wanzl

Die Leipheimer Metallwarenfabrik Wanzl ist mit ihrem Klassiker Weltmarktführer. Aber Ausruhen gilt nicht in der digitalen Umbruchszeit. Ein Coup macht die Firma noch größer.

Manchmal hilft auch eine besondere Mahlzeit. So war es bei der Metallwarenfirma von Rudolf Wanzl zu Beginn der siebziger Jahre. Das Werk 2 war in Leipheim errichtet worden, um die vielen Aufträge noch abarbeiten zu können. Aus bis heute nicht nachvollziehbaren Gründen forderte die Hausbank in Augsburg binnen weniger Wochen den Baukredit zurück. Wanzl sollte sein Werk verkaufen.

In dieser bedrohlichen Situation wandte sich der Firmenchef an die örtliche Sparkasse in Günzburg und schilderte die Situation. Kurz vor der Bewilligung des Kredits erschienen der Bankdirektor und sein Stellvertreter in der Mittagszeit im Privathaus der Familie. Beide Herren wurden eingeladen, mit der Familie zu essen – Brotsuppe und danach Stampfkartoffeln mit Grieben, Zwiebeln und Knoblauch. Noch am selben Tag wurde der Kredit bewilligt: 2,5 Millionen Mark. Später erklärte der Sparkassendirektor, warum: „Wenn eine Familie so zusammenhält und so bescheiden zu Mittag isst, kann überhaupt nichts schiefgehen.“ Was sich so schön liest, hätte damals das Ende des Unternehmens bedeuten können. Dessen sind sich die Verantwortlichen bewusst, die sich auf ihrer Weltmarktführerschaft bei der Herstellung von Einkaufswägen (jährlich rund 2,5 Millionen) nicht ausruhen, sondern ständig an einer breiteren Produktpalette arbeiten.

Das Unternehmen bietet beispielsweise für Lebensmittelmärkte komplette „Shop-Lösungen“ für die Verkaufsflächen an. Je emotionaler Produkte angeboten werden – so die an sich banale, aber eben oft nicht umgesetzte Erkenntnis –, desto eher greift der Kunde zu. Statt blanken Metalls wird daher häufiger individuelles Dekor gewünscht. Die Bilder saftiger Früchte, die das Obstregal umgarnen, sprechen eben mehr an. Die Backwarenregale im Discounter, die mehrmals am Tag mit frischer Ware befüllt werden, bietet Wanzl ebenso an wie demnächst eine designte Kassenzone.

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Wer rausgeht, muss vorher reinkommen. Und auch für die Eingangsbereiche bietet Wanzl Zugangslösungen – etwa für Supermärkte und Fitnessstudios oder in Flughafengebäuden. Eines dieser Modelle überprüft am Handgelenk den Venenverlauf von Zugangsberechtigten, „denn die Vene“, sagt Marketingchef Jürgen Frank, „ist bei jedem Menschen einzigartig“.

Einkaufswagen von Wanzl kommt kommunizierende Rolle zu

Die Markttrends insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel hat Wanzl ständig im Blick, schließlich sind sie für das Unternehmen, das Rudolf Wanzl junior nach der Vertreibung des Vaters aus Mähren vor 70 Jahren in Leipheim neu gegründet hat, der Treiber für Innovationen. Frank zählt Urbanisierung, Individualisierung und Digitalisierung zu den Megatrends. Auf diese Entwicklungen will Wanzl frühzeitig reagieren. Der Betrieb ist dabei, seinen Kunden passgenaue Angebote zu machen. Ein Projekt heißt „Wanzl connect“, das den Einkaufswagen eine kommunizierende Rolle zukommen lässt. Mithilfe von Elektronik (die unter der Grifffläche des Wagens verbaut ist) und einem Gerät – in der Regel an der Decke des Marktes – ist ein ständiger Datenaustausch möglich. Damit kann der Einkaufswagen im Markt und auf dem Parkplatz lokalisiert werden.

In Verbindung mit seinem Smartphone und der heruntergeladenen App findet der Ladenkunde schnell Artikel. Und wenn er mag, erhält er zu einer Ware, die vor ihm im Regal platziert ist, zusätzliche Informationen. Im September soll es losgehen. Jetzt läuft gerade die Testphase in drei Ladengeschäften an. Ein Supermarkt in Wales ist mit dem Live-Betrieb bereits gestartet. Östlich von Stuttgart wird der zweite technisch aufgerüstet. Ein Discounter im Kreis Günzburg komplettiert das Trio.

1670 Beschäftigte bei Wanzl in Leipheim

Wie die digitale Zukunft im stationären Einzelhandel aussehen kann, stieß im vergangenen Monat bei der Euroshop in Düsseldorf auf großes Interesse. Bei der seit 1966 stattfindenden Messe ist Wanzl seit Anfang an dabei und holt nicht nur die Kunden aus aller Welt zusammen, sondern auch einen Teil der 4900 Mitarbeiter weltweit. Davon arbeiten 1670 Beschäftigte in den drei Werken in Leipheim (Kreis Günzburg). Auch daran ist die Entwicklung der Firma abzulesen: Vor einem halben Jahrhundert präsentierte sich das Unternehmen bei der Euroshop auf einer Fläche, die allenfalls einem großen Wohnzimmer Platz bietet. Jetzt zeigten 140 Mitarbeiter auf zwei Stockwerken und einer Grundfläche von 1200 Quadratmetern Interessierten die Wanzl-Welt. Und diese Welt ist noch etwas größer geworden. Wanzl hat jetzt das vor allem in Skandinavien tätige Unternehmen Expedit übernommen. Es war bislang an der Börse in Nasdaq QMX Copenhagen gelistet und hat sich vom Hersteller von Blechregalen zu einem Gesamtanbieter für Ladenbaulösungen entwickelt. Für Expedit arbeiten 400 Beschäftigte, es wird ein Jahresumsatz von etwa 65 Millionen Euro erzielt.

Wanzl war seit dem Jahr 1988 an der dänischen Firma beteiligt. Als eine von Wanzls Kernstärken sieht Klaus Meier-Kortwig den „weitverbreiteten, jahrzehntelang bestehenden Kundenzugang in Europa, in den meisten Fällen durch eigene Niederlassungen. Über einen derartigen Marktzugang verfügt keiner unserer Wettbewerber“, urteilt der 48-Jährige, der im Januar 2015 die Nachfolge von Gottfried Wanzl als Vorsitzender der Geschäftsführung antrat. Skandinavien und die baltischen Staaten seien bisher weiße Flecken in der direkten Marktbearbeitung gewesen. „Mit der Übernahme von Expedit schließen wir diese Lücken“, sagt Meier-Kortwig zu den strategischen Überlegungen, die hinter der vollständig erfolgten Übernahme stecken.

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30.04.2017

So wie man die Fa Wanzl kaputt machen wollte, so ist es der Firma Stölzel vor vielen Jahren in Augsburg und der Fa. Walterbau ergangen. Banken haben leider die Macht, Firmen zu ruinieren ohne die Konsequenzen tragen zu müßen.

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