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Tourismus

11.08.2020

Der Urlaubsboom gleicht die Corona-Verluste nicht aus

Das Allgäu ist bei den Touristen dieses Jahr gefragt - dennoch kommen auch hier weniger Touristen als im Juni des vorigen Jahres.
Bild: Ralf Lienert

Nachdem lange gar kein Besucher mehr kam, ächzen viele Orte mittlerweile unter dem Ansturm. Doch von dem kurzzeitigen Hoch profitieren nicht alle gleich.

Wer in der Tourismusbranche arbeitet, braucht gute Nerven. Das gilt besonders in diesem Jahr: Nachdem im Frühjahr über Wochen der Fremdenverkehr vollkommen zum Erliegen gekommen ist, melden viele Orte in ganz Deutschland mittlerweile Vollauslastung – mit den entsprechenden Folgen. Zufahrtsstraßen sind verstopft, Wildparker machen nicht einmal vor Naturschutzgebieten halt und Restaurants und Biergärten müssen wegen der Hygieneauflagen sogar regelmäßig Gäste abweisen.

Aber selbst Boomregionen wie das Voralpenland oder die Küsten von Nord- und Ostsee werden in diesem Jahr wohl nicht mehr an das Ergebnis aus dem Vorjahr anschließen können, schätzt Norbert Kunz, der Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). Das spiegelt sich auch in den Zahlen, die das Bayerische Landesamt für Statistik kürzlich veröffentlicht hat: Im Juni kamen demnach rund 1,8 Millionen Gäste nach Bayern. 5,5 Millionen Übernachtungen konnten die Beherbergungsbetriebe verzeichnen. Doch der Vergleich mit dem Vorjahr zeigt: Sowohl Gästeankünfte (-54,7 Prozent) als auch Übernachtungen (-44,6 Prozent) waren im Vergleich zum Vorjahr noch kurz vor dem Ferienstart in vielen Bundesländern dramatisch niedrig.

Einen weiteren Trend verraten die Zahlen ebenfalls. So kamen 92,2 Prozent der Gäste aus Deutschland. Die größten Gruppen bei den ausländischen Besuchern machten traditionell Gäste aus Österreich (rund 26.000 Gäste), der Schweiz (22.000 Gäste) und den Niederlanden (16.000 Gäste) aus.

Das Allgäu ragt aus der Statistik heraus

Mit am besten schneidet in der bayernweiten Statistik das Allgäu ab. Im Vergleich zum Juni vor einem Jahr steht dort noch ein Minus von 36,8 Prozent – deutlich weniger als die -59,2 Prozent für das übrige Bayerisch-Schwaben. Ähnlich gut lief die Erholung nur noch in den Urlaubsregionen Chiemsee-Chiemgau, Berchtesgadener Land, Zugspitz-Region, Fränkisches Seenland und Bayerischer Wald.

Punktuell könnte sich das Minus im Vergleich zum Vorjahresmonat inzwischen schon in ein Plus gedreht haben. In einigen Gemeinden wie etwa in Grainau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen regt sich mittlerweile schon Widerstand gegen den Ansturm der Touristen. Demonstranten sperrten am Samstag zwei Stunden lang die Zufahrtsstraße zum Eibsee und der Zugspitz-Seilbahn. Auch im Allgäu meldet die Polizei massive Probleme mit Wildparkern und Wildcampern.

Doch vom Ansturm der Besucher haben die Touristikbetriebe weniger, als es scheint. Jochen Deiring, Bezirksgeschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, sagt: "Die Hotels und Übernachtungsbetriebe sind eine hohe Auslastung im August durchaus gewohnt. Was teilweise zu Problemen führt, ist die hohe Zahl an Tagesausflüglern." Viele Menschen, die in diesem Jahr keinen Urlaub gebucht haben und nun plötzlich anfangen, Urlaubsziele in der Nähe zu entdecken.

Um das Problem zu entschärfen, hat der Tourismusverband Oberbayern mittlerweile einen "Ausflugs-Ticker" für Sehenswürdigkeiten eingerichtet. Dort können weniger frequentierte Gegenden Werbung für sich machen – und die Gebiete mit einem hohen Besucheraufkommen die aktuelle Auslastung melden. Das Modell könnte nach den Vorstellungen von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) künftig auch auf ganz Bayern ausgedehnt werden. Doch ob das noch bis zum Ende der Schulferien klappt, scheint zweifelhaft.

In den Städten ist das Bild ein anderes: Viele Messen fallen aus

Bis dahin bleibe vor allem, an die Vernunft der Gäste zu appellieren, sagt Deiring: "Man kann auch abseits der Haupttouristenziele einen tollen Tag verbringen." Tatsächlich gibt es viele Beherbergungsbetriebe, die nach wie vor mit deutlichen Einbußen zu kämpfen haben. Der Städtetourismus hat sich noch nicht erholt. Gastgeber in den Städten sind zudem besonders betroffen vom Ausfall vieler Messen und Großveranstaltungen. In München etwa lag die Auslastung der Hotelbetten im ersten Halbjahr 2020 nur bei knapp unter 30 Prozent. Die Anzahl der Übernachtungen ist um mehr als die Hälfte auf rund 3,6 Millionen zurückgegangen. Deutschlandweit ist das Bild in den Städten ganz ähnlich. Auch in Berlin liegen die Gästezahlen aktuell bei 30 bis 40 Prozent des Vorjahresniveaus.

"Ein Fünftel aller touristischen Betriebe kämpft ums Überleben, sie sind weiter auf staatliche Hilfe angewiesen", sagt Tourismusverbands-Geschäftsführer Kunz und fordert eine Verlängerung des Kurzarbeitergelds und die weitere Aussetzung der Insolvenzantragspflicht. Auch Deiring warnt: "Was passiert, wenn im Herbst plötzlich keine Leute mehr kommen?" Zudem seien die Frühjahrsmonate, in denen das Geschäft so plötzlich zum Erliegen kam, in der Regel bereits gute Monate. Diese Umsätze könnten nicht mehr aufgeholt werden. (mit dpa)

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