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Deutschland hinkt beim Trend um den E-Roller hinterher

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Kommentar Von Lea Thies
17.05.2019

Wir warten noch – und alle anderen rollen schon. Doch am Freitag tut sich vielleicht etwas in Sachen E-Roller.

Keep it simple, stupid – das ist der Leitsatz des weltweit bekannten KISS-Prinzips: Halte die Dinge so einfach wie möglich. Unter Ingenieuren, Designern, Managern und Problemlösern ist dieses Erfolgsrezept weitverbreitet. Selbst Apple-Gründer Steve Jobs, einer der erfolgreichsten Innovatoren der Geschichte, predigte stets, einfach zu denken, was zwar nicht einfach sei, aber dabei helfe, Berge zu versetzen.

Im Bundesverkehrsministerium allerdings scheint „Keep it simple“ noch nicht überall angekommen zu sein. Zumindest kann dieser Eindruck entstehen, wenn man die Entstehungsgeschichte der Elektrokleinstfahrzeugeverordnung mitverfolgt hat, über die der Bundesrat heute endlich abstimmt. Obwohl sie für die Zukunft des Verkehrs immens wichtig ist, war sie weniger von KISS geprägt, sondern vielmehr von einer Art KICC: Keep it complex, complicated. Was in vielen anderen europäischen Ländern schnell und recht unbürokratisch ablief, gestaltete sich hierzulande als kompliziert und langwierig. Deutschland hatte die Chance, Vorreiter in Elektrokleinstmobilität zu sein – stattdessen hat es aufgrund der Bürokratie nun die Rolle des Nachzüglers inne.

Eigentlich hatte Deutschland die Chance erkannt

Das ist besonders schade, weil die Bundesregierung schon in der letzten Legislaturperiode den Trend und das Zukunftspotenzial der emissionsarmen und platzsparenden Vehikel erkannt hatte. 2014 gab sie bei der Bundesanstalt für Straßenwesen eine entsprechende Verkehrsstudie in Auftrag – danach ging es aber im Schneckentempo weiter. Als die Ergebnisse dann erst Ende 2018 veröffentlicht und diskutiert wurden, waren sie zum Teil schon wieder veraltet. Anstatt sich mit anderen Ländern konstruktiv auszutauschen, arbeitete Deutschland an einem Sonderweg.

Die Folge: Als bei uns noch über Lichtbestimmungen, Höchstgeschwindigkeiten, Bremsanlagen und Versicherungsmodalitäten der Mini-Kraftfahrzeuge gesprochen wurde, waren in Frankreich, Österreich und der Schweiz Menschen schon längst auf Elektrotretrollern unterwegs. In vielen Ländern wurden diese Vehikel einfach wie Fahrräder oder Mofas eingestuft und entsprechend versichert.

Ein klarer Fall von Überregulierung

Selbstverständlich ist es die Aufgabe eines Gesetzgebers, zum Schutz der Bürger Neuerungen zu prüfen und zu regulieren – aber er kann es, wie in diesem Fall, auch überregulieren. Beispielsweise schlug Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in einem Verordnungsentwurf vor, Elektrotretroller bis 12 km/h auf Gehwegen fahren zu lassen – und kassierte dafür von allen Seiten Kritik. Dabei hätte er bloß den einzigen Nachzüglervorteil nutzen und mal nach Frankreich schauen müssen, um zu sehen, welch Chaos die Vehikel auf den Gehwegen ausgelöst haben und deshalb nun von den Trottoirs verbannt wurden.

Für Verwirrung und Verzögerung sorgt auch der Anforderungskatalog vom Team Scheuer, den die meisten Elektrotretroller gar nicht erfüllen – und möglicherweise nie erfüllen werden. Zum Beispiel bei der Beleuchtung, dem Tempo oder den Bremsen. Ein Insider sagt gegenüber unserer Redaktion: „In Asien brummen die Fabriken, weltweit gibt es einen Run auf Elektrotretroller – und nun kommt Deutschland mit seinen Extrawünschen. Für den winzigen Markt lohnt sich das Umrüsten für die Hersteller doch gar nicht.“

Die E-Roller-Kunden haben ein Problem

Besonders problematisch: Weil es aus Berlin immer hieß, „die Zulassung kommt bald“, kauften sich tausende Kunden bereits E-Tretroller. Selbst wenn der Bundesrat der Verordnung heute zustimmt, dürfen die meisten ohne Umrüstung nicht im öffentlichen Raum bewegt werden. Wer’s dennoch tut, begeht eine Straftat, ganz simpel.

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17.05.2019

https://www.youtube.com/watch?v=T2SK_60VpHs

>> People In San Francisco Are Pissed Over Electric Scooters <<

Ich denke der Titel ist verständlich...

Permalink
17.05.2019

>> Ein klarer Fall von Überregulierung <<

Sicher kein klarer Fall von Überregulierung...

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17.05.2019

Man muß nicht auf jeden Trend aufspringen. Wie etabliert sind die e-tret-roller denn an den Orten die sie schon länger zulassen? Wirkliche Erkenntnisse sehe ich eher im Artikel vom LT über die Maßnahmen die Paris ergreift ( wahrscheinlich gezwungenermaßen und nicht aus anti-tret-roller-tum ) vom 11./12. Mai auf der ersten Seite.

Die Verkehrssicherheit für alle steigert ein hinzufügen von e-kleinstfahrzeugen nicht unbedingt. Ob man dann bereit ist die Regeln anzupassen?

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17.05.2019

Die Hoffnung, die sich mit diesen elektrischen Tretrollern verbinden ( Einsparung von Autofahrten) muss isch erst noch erfüllen. Gibt es denn da nicht schon Erfahrungswerte aus dem (vergleichbaren) Ausland, mit denen man aufwarten könnte?

Dass eine große Zahl von Autofahrern bereit sein könnte, die immer gern zitierte letzte Meile zu und von der nächtgelegenen ÖPNV-Haltestelle zu überbrücken und dafür ihr Kfz stehen zu lassen, darf zumindest bezweifelt werden, weil die Geräte dazu obwohl vergleichweise handlich - schlicht zu schwer sind (mind. 8 kg meist über 10 kg). Es sei denn es stünden tatsächlich all überall diese Geräte bereit. Aber ist das wirklich wünschenswert?

Wahrscheinlicher ist, dass genau das Gegenteil eintritt. Die E-Tretroller werden ein zusätzlicher Energieverbraucher, indem Fußgänger zu bequem zum Laufen, auf diese umsteigen. Da lässt man dann auch gerne Fitnessarmband Fitnessarmband sein, macht es doch schließlich Spaß mit bis zu 20 km/h durch die gegend zu düsen. Das muss man auch auf dem Fahrrad erst mal schaffen.

Die Kritik an den Überlegungen bzw. der Prüfung, wo und in welcher Gestaltung man diese Teile bei uns zulassen möchte kann ich bis auf die Idee des Verkehrsministers, sie auf dem Gehweg fahren zu lassen nicht teilen. Und die lapidare Aussage, dass die Hersteller sie ohne Licht ausliefern und man das so hinnehmen müsse erst recht nicht. Wieso müssen Fahrräder beleuchtet sein und diese Fahrezuge dann nicht? Wie sollte man das denn halbwegs sinnvoll begründen, wenn diese künftig auf Radwegen und Straße unterwegs sein werden bei Nacht?

Dann muss eben nachgerüstet werden. Rennräder/MTBs werden auch ohne die für eine Teilnahme am Straßenverkehr notwendigen Ausrüstungsutensilien verkauft - trotzdem muss man sie haben, wenn man damit im Alltag unterwegs sein will.

Lieber vorab geprüft und ein ausgewogenes Gesetz als nach vielen Pannen und Unfällen nachbessern müssen.

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17.05.2019

Mit diesen E-Helferlein degeneriert sich unsere Gesellschaft immer mehr. Wenn schon Kinder nicht mehr laufen wollen und sich von den Dingern rum fahren lassen. Ganz zu schweigen von dem immensem Sondermüll der da produziert wird.

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