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Einzelhandel
05.02.2021

Konsum in der Krise: So viel hat sich in einem Jahr im Einzelhandel verändert

Es ist leer geworden in den Städten. Kürzlich mussten sogar einige Supermärkte Regale mit Non-Food-Artikeln sperren. Das ist inzwischen aber aufgehoben.
Foto: Marlene Weyerer

Im Laufe eines Jahres hat sich vieles im Einzelhandel verändert. Eine Zwischenbilanz in Corona-Zeiten.

Der Tag ist grau. Und irgendwie auch der Stadtmarkt, hier, in Augsburg. Wo normalerweise ein buntes Treiben herrscht, huschen ein paar Menschen mit Schirmen durch den Regen. Händler sortieren ihre Ware, die davor schon ordentlich zur Schau stand. Der Markt, der 2020 still und leise 90 Jahre alt geworden ist, bietet Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und in normalen Zeiten sehr viel Trubel. Eine Frau aus Dinkelscherben kauft am Gemüsestand ein. Eingepackt in Maske, dicker Jacke und unter dem Schirm, ist sie kaum zu erkennen. „Ich kauf immer gerne auf Wochenmärkten ein“, sagt sie. Jetzt mit Corona sei es ihr besonders wichtig, ihre Lebensmittel draußen zu kaufen, um möglichst wenig in Supermärkte zu gehen. Essen besorgen muss man auch in der Pandemie.

Aber wie ist das Einkaufsgefühl? „Es macht keinen Spaß“, sagt eine weitere Frau und bringt das Drama, das sich im Einzelhandel abspielt, auf den Punkt. Sie drehe sich ständig um, um zu sehen, ob sie jemanden im Nacken habe, sagt sie. Gleichzeitig müsse sie aufpassen, niemandem zu nahe zu kommen.

Auf dem Augsburger Stadtmarkt sieht man niemand bummeln

„Die Leute sind zunehmend gestresster“, stellt die 60-Jährige fest. Nicht so die Händler: Wenn ein Kunde sein Obst und Gemüse kauft, unterhalten sich die Verkäufer oft noch länger mit ihm. Es steht sowieso niemand Schlange. Dabei wirkt allerdings auch das Ratschen nicht unbeschwert, Thema scheint überall nur noch Corona zu sein. Sind Äpfel und Salate eingepackt, verlassen die Kunden mit schnellen Schritten den Stadtmarkt. Bummeln sieht man hier niemanden.

Bummeln ist so ein Wort. Hat man gefühlt ewig nicht gehört. Bummeln gibt es nicht mehr, denn beim Bummeln kann man eine Handvoll Tüten tragen, aber sicher keine eng anliegende FFP2-Maske. Oder shoppen gehen. Noch so ein Ausdruck, der aktuell verschwunden ist.

Nun kann man darüber streiten, ob das ein Verlust für die Sprache ist. Ganz sicher ist es aber ein Anzeichen dafür, dass sich in unserem Alltag in relativ kurzer Zeit Gravierendes verschoben hat. Neue Begriffe haben sich eingeschlichen, neue Gewohnheiten. Lockdown zum Beispiel. Was das heißt, kann man kaum gleichwertig in ein deutsches Wort fassen. Man kann höchstens versuchen, es zu beschreiben. Mit Zahlen zum Beispiel.

Fotograf Daniel Biskup hat in den vergangenen Monaten Eindrücke der Corona-Krise in der Region eingefangen.
20 Bilder
Eindrücke in Bildern: Wie ein Jahr Corona unseren Alltag verändert hat
Foto: Daniel Biskup

Handelsverband Bayern: Über 1000 Händler in Schwaben von der Pleite bedroht

Über 1000 Händler allein in Schwaben sind nach Zahlen des Handelsverbandes Bayern mittlerweile von der Pleite bedroht. 3400 Stellen stehen auf der Kippe. „Alles hängt davon ab, wann und wie viel der Hilfsgelder jetzt fließen und wie lange die Schließungen noch dauern“, sagt Handelsverbandssprecher Bernd Ohlmann. Das ist Lockdown. Fachhändler wie Sportgeschäfte oder Spielwarenhändler müssen schließen, damit wir alle weniger Kontakte mit anderen Menschen haben.

Der Lockdown, er führt inzwischen zu bizarren Konflikten, die früher, vor Corona, kaum einer für möglich gehalten hätte. Bekannt wurde ein Fall aus dem Allgäu. In Kempten musste im Einkaufszentrum Fenepark auf Anordnung des Ordnungsamtes ein Supermarkt Regale mit Küchenartikeln, Spielzeug oder Sportausrüstungen sperren, weil sie – so das Argument – nicht zum üblichen Sortiment gehören. Dagegen klagte der Supermarkt und bekam vor dem Verwaltungsgericht Augsburg recht. Denn Feneberg biete nichts an, was das Unternehmen nicht auch sonst verkauft, urteilte das Gericht. Ein zweites Urteil unterstrich dies.

Das bayerische Gesundheitsministerium nahm die beiden Entscheidungen zum Anlass, die Vorgaben der Geschäfte zu ändern. Große Lebensmittelhändler und Drogeriemärkte dürfen wieder uneingeschränkt ihr Sortiment verkaufen, auch Spielwaren, Fotozubehör oder Blumen. Spielwarenhändler Christian Krömer aus Schrobenhausen bezeichnet dies als „Schlag ins Gesicht“ und spricht von Wettbewerbsverzerrung: „Wir Fachhändler verlieren nicht nur jetzt, sondern dauerhaft Kunden.“

Krömer beklagt, dass einige große Handelsunternehmen die Situation ausnutzen, um ihr Non-Food-Sortiment aufzustocken. „Plötzlich bieten Supermärkte Lego-Sets im Januar an, die sie zuvor noch nie im Januar angeboten haben.“ Zum Valentinstag am 14. Februar prognostiziert Krömer in den Supermärkten eine Angebotsflut an Blumensträußen. Die Verkaufsoffensive der großen Spieler hat sogar Folgen für das Personal der kleinen Händler. Drei Mitarbeiter haben ihm zuletzt gekündigt, sagt Krömer. „Ich kann es verstehen, bei mir sind sie in Kurzarbeit, und die großen Handelsketten suchen händeringend mehr Personal.“

Rechnet sich Click&Collect für die Einzelhändler?

Aber gab es nicht eine Lösung, um den Händlern zu helfen? Click & Collect heißt das Konzept, das Buch-, Kleidungs- oder Schuhgeschäften durch die Krise helfen soll. Die Kunden bestellen online, holen dann die Ware an der Ladentüre ab. Doch die Erfahrung vieler Händler zeigt, dass die Umsätze, die sich damit erzielen lassen, klein sind. Click & Collect rechne sich für ihn wegen der geringen Nachfrage nicht, sagt Spielwarenhändler Krömer. „Wir zahlen bei jeder Bestellung drauf. Aber wir machen es, um den Kontakt zu unseren verbliebenen Kunden zu halten und um die Mitarbeiter ein paar Stunden aus der Kurzarbeit zu holen“, erklärt er.

Krömer, der bayernweit 108 Mitarbeiter in 24 Filialen beschäftigt, sagt, er sei von der Politik maßlos enttäuscht. Er habe sich oft an die bayerischen Ministerien gewendet. Das Gesundheitsministerium habe ihn abgewiesen und an das Wirtschaftsministerium weitergeleitet und dieses wieder zurück an das Gesundheitsministerium. „Alle reden davon, was mit den Innenstädten passiert, wenn der Fachhandel ausstirbt, aber niemand macht etwas, um entgegenzuwirken.“ Dass in Nachbarschaft seiner Filialen große Drogerie- oder Supermarktketten mit einem Spielwarensortiment geöffnet haben, belastet sein Geschäft zusätzlich. „Warum sollen Eltern bei uns bestellen und vor der Türe warten, wenn sie mit ihren Kindern hundert Meter weiter in den Supermärkten bummeln können?“

Da wundert es nicht, dass kürzlich die Filiale einer Modekette in Augsburg die Click-&-Collect-Regeln sehr großzügig auslegte und Kunden Kleidungsstücke im Eingangsbereich verkaufte, auch wenn es zuvor keine Onlinebestellung gab. Nach Kritik hat die Filiale inzwischen davon Abstand genommen und sich entschuldigt.

Zurück auf den Stadtmarkt. Noch so eine seltsame Situation. Martin Hillmers kauft gerade ein und steht etwas unschlüssig vor dem Blumenladen Hornung. „Wie genau funktioniert das? Ich muss erst bei Ihnen bestellen, oder?“, fragt er die Verkäuferin. Die zeigt auf einen Zettel mit einer Telefonnummer an der Tür. „Sie müssen anrufen“, erklärt sie. Die Click-&-Collect-Regeln müssen gewahrt werden.

Hillmers zückt sein Handy, tippt die Nummer ein, im Laden läutet das Telefon. Durch die Glasscheibe sieht er, wie nur wenige Meter entfernt die Verkäuferin abhebt. „So, jetzt“, sagt sie. Hillmers bestellt Blumen für den Geburtstag seiner Frau. Durch die Scheibe zeigt er auf die Blumen, die er will. Dann sucht er noch zusätzlich ein paar Blumen aus, bestellt sie ebenfalls telefonisch und nimmt sie danach mit.

Die Verkäuferin kennt diese skurrile Situation gut. Allerdings mangelt es auch ihr allgemein an Kunden. „Blumen kaufen Leute normalerweise auf dem Stadtmarkt eher spontan“, sagt sie. Prinzipiell könne sie sich vorstellen, dass die Menschen sie unterstützen wollen. „Aber ich glaube, viele wissen nicht, dass wir wieder da sind.“

Das Geschäft ist unplanbar geworden

Peter Uhl muss am Stadtmarkt kein Click & Collect anbieten. Er verkauft schließlich Obst und Gemüse. Allerdings fehlen auch ihm die Kunden. „Sie sehen es ja“, sagt er und zeigt auf die leeren Gassen im Markt. Ihm fehle die Laufkundschaft und der Tourismus. Uhl fängt an, Rosenkohl zu schneiden und redet weiter. „Es ist unplanbar geworden, wir können nicht sagen, an welchem Tag wir wie viel verkaufen“, sagt er. Aber man müsse sich arrangieren. „Es ist eine andere Zeit, aber das schaffen wir schon.“

Sein Stand gehört zu den Urgesteinen auf dem Stadtmarkt, sein Großvater hat hier schon verkauft. Er hat teilweise Stammkunden in der dritten Generation. Uhl ist aktuell sehr froh um sie. Der Gemüsehändler erzählt, er habe ein anderes Einkaufsverhalten beobachtet. „Die Leute kochen selbst, das merkt man schon.“ Deswegen würden die Kunden mehr und hochwertigere Ware kaufen, allerdings kommen einfach viel weniger vorbei. Nur für die Lebensmittel fährt kaum ein Kunde extra in die Stadt.

Der Kunde mag es vor allem bequem, das ist für Handelsprofis nichts Neues. Es erklärt auch ein Stück weit den Boom des Onlinehandels im Krisenjahr 2020. Die Gewinne in dem Bereich stiegen laut Statistischem Bundesamt um fast ein Viertel, der Umsatz um rund 21 Prozent auf 71,5 Milliarden Euro. Der stationäre Handel setzt zwar immer noch deutlich mehr um, 505,9 Milliarden Euro. Das reichte für ein stattliches Plus von vier Prozent. Doch das Plus ist ungleich verteilt: Vor allem Lebensmittelhändler und Drogerien profitierten, auch Möbelhäuser sowie Bau- und Gartenmärkte. Der Handel mit Textilien und Schuhen dagegen brach um 23,4 Prozent ein.


In der Handelswelt geht kaum jemand davon aus, dass sich die Umsätze jemals wieder auf das Vorkrisenniveau einpendeln. Viele Konsumenten dürften auf den Geschmack gekommen sein. Vom Sofa aus einzukaufen, verringert nicht nur Kontakte. Es ist vor allem bequem. Ohne ein zweites Standbein im Internet dürfte es für Händler in Zukunft schwer werden.

Rund ein Drittel der Händler in Schwaben verkauft bereits online

Rund ein Drittel der Händler in Schwaben verkauft bereits online, weiß Handelsexperte Ohlmann. Ganz häufig sind vor allem kleinere Geschäfte aber nicht mit einem eigenen Webshop im Internet vertreten, sondern verkaufen als ein Anbieter auf sogenannten Marketplaces – vorgefertigte Handelsplattformen, die von Amazon, Ebay oder anderen Online-Profis angeboten werden.

 

Doch es gibt auch das Gegenteil. Anja Völlger ist Filialleiterin des Buchhändlers Pustet in Augsburg. Elf Standorte in acht bayerischen Städten hat das Traditionsunternehmen. Versandhandel ist etwas, das man hier seit Jahrzehnten macht. „Wir versenden Bücher schon immer portofrei. Im ersten Lockdown haben wir einen richtigen Ausschlag nach oben erlebt“, sagt sie. Doch vielen Kunden reicht das offenbar nicht. Denn seit es Händlern gestattet ist, Kunden über Click & Collect bestellte Ware persönlich zu übergeben, kommen diese plötzlich wieder zu Pustet in die Innenstadt.

„Je länger wir das machen, desto mehr Leute kommen“, sagt die Buchhändlerin. Vor allem Montage seien stark. „Am Wochenende haben die Leute Zeit, da werden Wünsche generiert“, erklärt Völlger. Am bislang stärksten Tag habe sie 50 Kassiervorgänge verzeichnet. Das ersetzt nicht das Geschäft mit der Laufkundschaft. Aber gut 50 Prozent des Umsatzes mit bestellten Büchern fällt nun in jenen täglich vier Stunden an, während derer die Kunden ihre Bücher abholen können. Viel wichtiger ist ihr aber das Zeichen, das die Kunden ihr so senden, sagt sie: „Das ist eine gewollte Handlung, wenn sie trotz aller Einschränkungen und der FFP2-Maskenpflicht beim Abholen persönlich zu uns kommen. Sie könnten ja auch anrufen und wir würden ihnen die Bücher ganz einfach schicken. Wir sind dankbar und ganz angetan von so viel Zuneigung. Da ist viel gegenseitige Liebe im Spiel bei unseren Kunden und uns“, sagt Völlger.

Kein Algorithmus ersetzt den persönlichen Kontakt

So viel Liebe könnte abfärben. Denn Völlger vermutet, dass Menschen, die bei ihr ein Buch holen, wohl auch noch zu anderen Händlern gingen – vielleicht auch mit dem Hintergedanken, dass es da etwas gibt, was sich zu bewahren lohnt, aller Vorliebe für Bequemlichkeit zum Trotz. Etwas Kostbares, das kein noch so ausgefeilter Algorithmus je ersetzen können wird. Ein persönlicher Kontakt. Zwei Minuten Gespräch beim Abholen der Ware. Das Gefühl, mehr zu sein als ein User, der subtil dazu gebracht werden soll, sein Geld dazulassen.

Vor dem Stadtmarkt spaziert ein Ehepaar unter einem buten Regenschirm die Fußgängerzone entlang. Einkaufen geht es nicht, sondern zum Steuerberater. „Solche Termine und der Lebensmitteleinkauf sind inzwischen ja schon das Highlight“, sagt die Frau. Sie und ihr Mann freuen sich darauf, wenn alles wieder offen hat. (mit mke)

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