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Kulturgeschichte

28.01.2011

Essay: Wir Mobilisten

In endloser Schlange reihen sich die Autos der Pendler mehrspurig auf einem Highway in den USA.
Bild: mr pt hpl

Wie das Auto unsere Erfahrung von Welt verändert hat - und warum es diese prägende Kraft verloren hat. Ein Essay des Philosophen Gerhard Hofweber.

Das Auto hat seine Magie verloren. Und das liegt nicht etwa, wie oftmals diagnostiziert, daran, dass die entwickelten Modelle sich immer mehr angleichen. Es liegt an einer viel umfassenderen Entwicklung, am Wandel eines Begriffs, an dem sich die verblasste Bedeutung des Autos festmachen lässt: dem der Mobilität.

Während dieser Begriff in den letzten Jahrzehnten stark an das Automobil geknüpft war, hat sich heute eine ganz anders geartete Mobilität etabliert, die sich vom Auto weitestgehend emanzipiert hat. Das ist für Deutschland, welches wie kein anderes Land für das Automobil steht und das seine Wirtschaftskraft enorm der Autoindustrie verdankt, eine gewaltige Herausforderung.

Um diesen Wandel zu verstehen, ist es wichtig, zwischen Mobilität und Transport zu unterscheiden. Transport bedeutet Ortswechsel von Menschen und Gütern. Dafür wird das Auto seine Wichtigkeit behalten. Denn im Unterschied zu Daten und Informationen müssen materielle Gegenstände noch immer auf herkömmliche Weise transportiert werden. Deshalb ist das Verkehrsaufkommen so hoch wie nie zuvor. Jeden Tag verstopfen ungezählte Pendler die Autobahnen und die Lastwagenkarawane schleppt sich jeden Tag über die Alpen.

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Mobilität ist aber mehr als Transport. Mobilität ist eine ausgezeichnete Weise, sich die Welt zu erschließen. Durch die Mobilität öffnen sich mir neue Begegnungen. Fremdes wird erfahrbar, der Horizont öffnet sich. Die Welt wird dadurch kleiner und größer zugleich: kleiner, weil Entferntes erreicht werden kann; größer, weil sich neue Dimensionen öffnen. Mobilität bestimmt damit mein In-der-Welt-Sein. Die Welt beschränkt sich dabei nicht auf ein räumliches Verhältnis, sondern sie umfasst das Ganze meiner Gefühlswelt, meiner Erfahrungen und meines Verständnisses meiner Selbst in Bezug auf das Andere. Mobilität bestimmt so die Weise, wie ich mich in der Welt und als ein Teil derselben erfahre.

Dieser starke Begriff von Mobilität war lange Zeit an das Automobil gebunden. Dafür müssen wir nicht 125 Jahre bis zur Erfindung des Automobils zurückgehen, sondern nur knapp 60. Mitte des 20. Jahrhunderts begann der phänomenale Aufstieg des Autos. Das eigene Auto wurde zum Massenphänomen. Wurden in der BRD 1950 noch 306 064 Autos produziert, waren es 1960 bereits 2 055 149. Dies führte zu einem veränderten Freizeitverhalten und der Massentourismus begann. Die Familien, die damals ihre Kinder ins zu enge Auto packten, den Dachständer beluden und sich auf den Weg über den Brenner machten, fuhren nicht einfach nur in den Urlaub. Ihnen erschloss sich eine ganz neue Welt. Pasta und Pizza waren unbekannt, das milde Klima, die neuen Gerüche, die andere Währung und der Lebensstil des Dolce Vita waren ganz neue Erfahrungen. Durch das Auto ließ sich Mobilität als ein neues In-der-Welt-sein im wahrsten Sinne des Wortes erfahren.

Zur Mobilität gehört aber auch die Lust, sich auf den Weg zu machen, und dies ist mit Träumen und Idealen verbunden. Wenn ich mir meine Träume nicht erfüllen, meine Ideale nicht verwirklichen will, verharre ich im Status quo. Die Träume geben mir die Kraft, meine Freiheit zu verwirklichen. Mobilität ist damit unmittelbar mit Freiheit verknüpft. Transport entsteht dagegen aus Notwendigkeit.

Dieses Moment der Freiheit ist auch der Grund dafür, warum das Auto oftmals mit Abenteuer, Draufgängertum, einer wilden Männlichkeit und verwegener Weiblichkeit verbunden worden ist. James Dean stirbt 1956 in seinem Porsche Spyder 550, den er "little bastard" nannte, auf dem Highway 466. Die legendäre Coolness des Steve McQueen ist stark mit dem Ford Mustang GT und den wilden Verfolgungsjagden in "Bullit" gebunden. Francoise Sagans investiert das erste Geld, das sie für ihren Welterfolg "Bonjour Tristesse" bekommt, in einen Jaguar XK 140 und rast damit mit todesverachtender Noblesse über die Landstraßen Frankreichs, bis sie beinahe bei einem Unfall zu Tode kommt.

Als letzter Punkt zählt zur Mobilität das Prestige oder das Statussymbol. Dabei ist wichtig zu sehen, dass ein Statussymbol nicht allein dadurch entsteht, dass es teuer ist. Vieles ist teuer, hat aber kein Prestige. Letzteres entsteht erst dann, wenn es mich zur Verwirklichung eines allgemeinen Wunsches besonders befähigt. Das heißt in unserem Falle, etwas sei ein Statussymbol, wenn es mich besonders zur Verwirklichung der Mobilität, als der Erfahrung von Welt und dem Ausleben meiner Freiheit befähigt. Genau dies war beim Auto der Fall. Der Sportwagen ist die Steigerung der möglichen Erfahrung, Begegnung und des möglichen sexuellen Verlangens. Der Sportwagen als technischer und emotionaler Höhepunkt des Automobils verkörpert damit die Steigerung der Mobilität.

Wenn wir nun den Wandel der Mobilität betrachten, können wir feststellen, dass sich diese selbst nicht geändert hat. Mobilität bedeutet immer noch eine besondere Weise des In-der-Welt-Seins, sie ist immer noch mit Träumen, Idealen, der Verwirklichung der eigenen Freiheit und mit Prestige verbunden. Aber der Gegenstand, mit dem wir heute versuchen, sie zu verwirklichen, hat sich geändert. Mobilität erleben wir heute nicht mehr in Bezug auf das Auto, sondern in der virtuellen Kommunikation.

Das Handy ist zum ständigen Begleiter nicht nur der jungen Generation geworden. Wir verschicken Fotos, schreiben SMS und E-Mails und definieren damit sehr stark unseren Erfahrungsraum. Der Satz, der am Handy wohl am häufigsten gesprochen wird, lautet: "Wo bist du?" Darin drückt sich aus, dass die Begegnung jederzeit möglich ist, dass der andere im mehrfachen Sinne erreichbar ist. Diese mobile Kommunikation ist heute so wichtig, dass das Handy zum Statussymbol geworden ist und damit das Auto teilweise bereits abgelöst hat. Das richtige Handy ist wichtiger als der Führerschein. Den braucht man zwar noch, aber das Handy wird begehrt und auch ständig benutzt.

Überhaupt die virtuelle Kommunikation: Man muss sich nur vor Augen halten, wie viel Zeit wir heute im Internet, mit Emails, in Netzwerken verbringen. Bei den ganz jungen Menschen ist die gesamte Lebenswelt, der gesamte Begegnungsraum daran geknüpft. Auf Plattformen wie Facebook verwirklicht sich die Mobilität heute. Der Ort, an dem ich mich faktisch befinde, spielt dabei keine Rolle mehr. Ich muss nicht mehr den Ort wechseln, um in Begegnungen zu gehen. Gleichzeitig bietet die virtuelle Welt die Möglichkeit, mich als derjenige zu zeigen, der ich gerne sein möchte. Ich gestalte mich damit selbst und lebe so meine Freiheit aus. Ich entwerfe meine Ideale und meine Träume in mein Profil und in die virtuellen Begegnungen.

Heute verwirklicht sich Mobilität

in der virtuellen Kommunikation

Freilich könnte man kritisch fragen, ob man hier eigentlich von Freiheit sprechen kann, oder davor warnen, dass man virtuelle Berührung nicht mit realer verwechseln dürfe. Aber das ändert nichts daran, dass die Virtualität eine wesentliche Weise des In-der-Welt-Seins vieler Menschen ist, dass sich heute in ihr Mobilität verwirklicht. Deshalb ist Facebook heute mehr wert als BMW.

Auch das Moment des Verwegenen findet sich in der virtuellen Kommunikation. Nicht mehr die Wildheit des Fahrens, sondern die Anonymität der Begegnung erlaubt mir, Grenzen zu überschreiten: ein Verhalten auszubilden, das ich in der Realität nicht verwirklichen könnte. Und bei all dem fällt im Vergleich zum Auto das Moment des Transports weg und damit auch der logistische und zeitliche Aufwand. Daten nämlich werden mit solcher Mühelosigkeit übertragen, dass dieses Ereignis nur dann ins Bewusstsein tritt, wenn es einmal nicht funktioniert. Und die Datenübertragung ist nahezu beliebig steigerbar, während man mit Recht daran zweifeln darf, ob es noch irgendeinen Sinn macht oder die Mobilität erhöht, wenn Autos über 400 Studenkilometer fahren.

Der Wandel der Mobilität wird sich also nicht zukünftig vollziehen. Er hat bereits stattgefunden. Mobilität verwirklicht sich heute an einem anderen Objekt. Abgeschlossen ist dieser Prozess nicht. Aber selbst wenn es einen Wandel des Wandels geben sollte und sich die Mobilität von der Virtualität wieder in die Realität verlagern sollte: Am Auto wird sich die Mobilität der Zukunft nicht festmachen lassen.

Unterdessen prägen die Folgen des in der Vergangenheit durch das Transportmittel Auto vollzogenen Wandels unverändert die Lebenswelt unserer Gegenwart: Wir leben in zersplitterten Siedlungsräumen, getrennten Arbeits- und Wohnwelten, wir kaufen im Supermarkt auf der grünen Wiese ein und verbringen somit einen nicht unwesentlichen Teil unseres In-der-Welt-Seins auf der Straße. Vom Gefühl der Freiheit aber ist uns im Auto fast nichts mehr geblieben.

Ein Essay des Philosophen Gerhard Hofweber

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