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Interview

30.10.2018

Fujitsu-Managerin Schneevoigt: „Wir haben gekämpft und verloren“

„Die Schließung lag nicht am fehlenden Engagement unserer Mitarbeiter“, sagt Fujitsu-Produktchefin Vera Schneevoigt. „Ihr Engagement war überwältigend.“
Bild: Silvio Wyszengrad

Exklusiv Fujitsu-Werkschefin Vera Schneevoigt erklärt die Gründe für die Schließung des Computerwerks in Augsburg. Und sie sagt, wie es für die Mitarbeiter weitergeht.

Frau Schneevoigt, die angekündigte Schließung des Fujitsu-Werks hat viele geschockt. Hunderte Mitarbeiter sind betroffen. Was sagen Sie ihnen?

Vera Schneevoigt: Der Freitag war ein schwarzer Tag für uns. Für mich war es einer der traurigsten Tage meines Berufslebens. Denn eines ist klar: Die Schließung lag nicht am fehlenden Engagement unserer Mitarbeiter. Ihr Engagement und ihre Loyalität sind überwältigend. Wir haben gekämpft, und wir haben verloren. Deshalb war es mir wichtig, die Früh-, Mittags- und Nachtschicht in unserem Werk am Freitag persönlich zu informieren. Jetzt brauchen alle Zeit, die Ereignisse zu verdauen. Das alles war ein Schock.

Was waren die Gründe, dass Europas letztes PC-Werk aufgeben musste?

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Schneevoigt: Bereits als ich vor fast fünf Jahren nach Augsburg gekommen bin, wussten wir, dass wir etwas ändern müssen. In Augsburg fertigen wir ja PCs, Server und Speichersysteme sowie Mainboards. Der gesamte Bauteilemarkt dafür liegt aber heute in Asien. Das hat dazu geführt, dass wir die Teile hierher transportieren, sie hier weiterverarbeiten und die Geräte am Ende teilweise wieder zurück nach Asien schicken. Das ist von der Kostenseite eher heikel.

Die Fertigung hierzulande lohnt sich also nicht mehr?

Schneevoigt: Asien hat große Kostenvorteile. Dort sitzen auch die Zulieferer vor Ort, die Logistik ist gebündelt und es werden viel höhere Stückzahlen hergestellt. Am Ende ist eben auch die Menge entscheidend: Wer große Stückzahlen herstellt, kann zu viel geringeren Kosten produzieren. Uns am Standort Augsburg sind leider die globalen Rahmenbedingungen zum Verhängnis geworden.

Hat das Werk in Augsburg den Anschluss an neue Entwicklungen verschlafen?

Schneevoigt: Im Gegenteil. Es ist eine Leistung, dass wir die Fertigung hier so lange aufrechterhalten konnten. Wir sind sozusagen seit vielen Jahren die letzten Mohikaner. Tatsache aber ist, dass heute viele mit Fujitsu vergleichbaren Unternehmen aus dem Hardware-Bereich versuchen, ihre Geschäfte auf eine andere Ebene der Leistungserbringung zu heben. Auch Fujitsu hat das Ziel, noch stärker in Richtung Services zu gehen. Die wichtigsten Felder sind hier für uns künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, kurz IoT, Sicherheit und Quantencomputing. Branchenspezifisch liegen unsere Schwerpunkte in Deutschland im Bereich des öffentlichen Dienstes und der Finanz- sowie der produzierenden Industrie.

Zuletzt haben Sie ja noch investiert, zum Beispiel im Augsburger Innovationspark oder in eine Zusammenarbeit mit Kuka. War das umsonst?

Schneevoigt: Nein, natürlich nicht. Es hat uns geholfen, den Standort zumindest bis heute aufrechtzuerhalten. Unsere Mitarbeiter haben dadurch wertvolle Qualifikationen gewonnen. Außerdem erwarten wir in Zukunft eine starke Nachfrage nach Lösungen und Dienstleistungen im Bereich „Industrial IoT“. Hier haben wir heute Kompetenzen, die andere nicht haben. Die gewonnenen Kenntnisse brauchen wir für unsere Kunden.

Wie geht es denn für die Fertigung in Augsburg weiter bis September 2020?

Schneevoigt: Unser Produktgeschäft führen wir ja weiter. Wir haben zum Beispiel in Deutschland, Österreich und der Schweiz fast 10000 Vertriebspartner, die unsere Produkte, aber teilweise auch Services, weitervermarkten. Wir werden den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten und allen Lieferverpflichtungen nachkommen. Zunächst führen wir natürlich die Produktion in Augsburg fort. Wir nehmen selbstverständlich auch neue Aufträge an. Stück für Stück wird die Produktion dann reduziert und am Ende bis spätestens zum September 2020 eingestellt. Eines Tages kommen die Geräte europäischer Kunden aus Asien und nicht mehr aus Augsburg.

Wie geht es für die betroffenen Mitarbeiter weiter?

Schneevoigt: Wir werden über die Perspektiven für unsere Mitarbeiter jetzt zusammen mit den Arbeitnehmervertretern verhandeln. Diesen Verhandlungen will und kann ich nicht vorweggreifen. Sicher aber ist eines: Fujitsu als japanisch-deutscher Arbeitgeber ist sich seiner sozialen Verantwortung vollkommen bewusst. Unser erklärtes Ziel ist es, zu einem vernünftigen Ergebnis zu kommen.

Um wie viele Beschäftigte geht es denn genau?

Schneevoigt: Am Standort Augsburg haben wir rund 550 Beschäftigte in der Produktion, rund 550 Beschäftigte in Forschung und Entwicklung und 400 in anderen Funktionen wie Logistik, Beschaffung, Personal, Marketing oder Gebäudemanagement. Dazu kommen rund 350 nicht bei Fujitsu beschäftigte Leiharbeiter in Augsburg, rund 170 Beschäftigte in München sowie über 150 weitere an einigen anderen Standorten in Deutschland und im Ausland.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

Schneevoigt: Am Montag hat ein runder Tisch im Augsburger Rathaus stattgefunden, am Dienstag treffen sich Gesprächspartner im Wirtschaftsministerium in München. Dabei sind neben Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer auch Arbeitsministerin Kerstin Schreyer, die Arbeitsagentur, die Wirtschaftskammern und die Stadt Augsburg. Der Unterstützung, die wir hier sehr schnell von Seiten Staatsminister Pschierers und Augsburgs Bürgermeisterin Eva Weber erfahren haben, gebührt großer Respekt. Ebenfalls am Dienstag findet eine Beratung mit unseren Fujitsu-Führungskräften statt, um erste Weichen zu stellen, wie wir die kommenden Aufgaben bewältigen können. Voraussichtlich am 21. November beginnen die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern. Diesen Vorlauf brauchen alle Parteien, um sich zu sortieren.

Was passiert denn mit dem Werksgelände?

Schneevoigt: Der Plan ist, dieses zu veräußern.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Schneevoigt: Persönlich bin ich als Verantwortliche des Produktbereichs auch betroffen. Heute ist dies aber sicher nicht die wichtigste Frage.

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31.10.2018

Allein die Verwendung des Wortes "Quantencomputing", das einhergeht mit Hokuspokus wie Lichtteilchen (Photonen), Quantenverschränkung und Teleportation, zeigt den wahren Zweck dieses Interviews: Bevölkerung und Mitarbeiter für dumm zu verkaufen.

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