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Kirche und Konsum

24.09.2020

Im Bistum Eichstätt wird zum Nestlé-Boykott aufgerufen

Dieses Logo steht für den größten Lebensmittelkonzern der Welt.
Bild: dpa

Plus Ob im Pfadfinderlager, beim Frauenbund oder in der Caritas: Kirchliche Organisationen sollen keine Produkte des Schweizer Lebensmittelriesen mehr kaufen.

Es kommt nicht so oft vor, dass sich Kirchenvertreter mit derart weltlichen Dingen wie Schokoriegeln, Tütensuppen oder Tafelwasser beschäftigen. Umso überraschender ist der Boykottaufruf des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Eichstätt gegen Nestlé. Das Laiengremium hat entschieden, keine Produkte des Lebensmittelkonzerns mehr zu kaufen und an alle anderen kirchlichen Organisationen appelliert, diesem Beispiel zu folgen. Als Grund nannte der Diözesanrat die „aggressive Wasserpolitik“ des Unternehmens aus dem Schweizer Kurort Vevey.

Grund für Boykott ist die "aggressive Wasserpolitik" des Unternehmens Nestlé

Immer wieder gibt es Ärger um das Wasser aus dem Hause Nestlé. Der Vorwurf: Der Konzern grabe im wahrsten Sinne des Wortes ganzen Orten das Wasser ab – zum Beispiel der Gemeinde Vittel in den Vogesen. Für die gleichnamige Wassermarke holt Nestlé jährlich hunderttausende Kubikmeter Wasser aus dem Boden und verkauft es in Plastikflaschen in alle Welt. Absolut legal, mit Genehmigung des französischen Staates – aber unter wachsenden Protesten der Anwohner. Sie fürchten, dass sie schon in wenigen Jahren auf dem Trockenen sitzen könnten. Tatsächlich sinkt der Grundwasserspiegel vor Ort kontinuierlich ab, weil sich die Ressourcen nicht so schnell regenerieren, wie sie abgepumpt werden.

Hinzu kommt: Nestlé ist auch in Ländern aktiv, in denen Trinkwasser aufgrund häufiger Dürren ohnehin schon knapp ist, etwa in Südafrika oder Äthiopien. Aus Wasser Profit zu machen – dieses Renditemodell prangern Umweltschützer und Menschenrechtsaktivisten schon seit Jahren an. Erst recht, seit der einstige Nestlé-Boss Peter Brabeck-Letmathe in einem Interview gesagt hat, Wasser sei ein Lebensmittel und so wie jedes andere Lebensmittel sollte es einen Marktwert haben. Diese Aussage ist schon 15 Jahre alt, der Manager ist längst nicht mehr im Amt, aber seine Worte haben eine Wutwelle ausgelöst, die bis heute nicht abgeebbt ist.

Kritiker sehen in seinen Worten den Beweis, dass der Zugang zu Trinkwasser für Nestlé kein Grundrecht darstellt. Dass die Schweizer für die Gewinnmaximierung moralische Bedenken beiseitewischen. Fakt ist, der Lebensmittelriese ist eines der weltweit wertvollsten Unternehmen und entsprechend mächtig. Fast 300.000 Beschäftigte arbeiten für Nestlé. Allein in Deutschland sind mehr als 10.000 Menschen dort angestellt – unter anderem in Biessenhofen im Ostallgäu. Dort investiert das Unternehmen derzeit mehr als 20 Millionen Euro, unter anderem in ein Labor für Babynahrung.

Nestlé steckt in ganz vielen Produkten und Marken

Produkte von Nestlé im Laden liegen zu lassen, ist gar nicht so einfach. Denn unter dem Dach des größten Lebensmittelherstellers der Welt werden hunderte Marken produziert. Wenn die kirchlichen Organisationen im Bistum Eichstätt auf Vittel-Wasser verzichten, müssten sie beispielsweise auch San Pellegrino oder Perrier meiden – denn auch sie gehören zu Nestlé. Die Auswahl in der Eistruhe im Supermarkt schmilzt ebenfalls schnell dahin, wenn man den Lebensmittelriesen nicht unterstützen will: Sowohl hinter Mövenpick als auch hinter Schöller und Häagen-Dazs steckt Nestlé. Auch Pizza von Wagner, Maggi-Suppen, Buitoni-Nudeln, Herta-Wurst oder Nescafé sollen künftig im Pfadfinderzeltlager, beim Kolpingwerk, bei den Maltesern und in Einrichtungen der Caritas im Bistum Eichstätt tabu sein.

Die Idee zum Boykott kam vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend, die schon lange die Geschäftspraktiken von Großkonzernen zum Thema macht. „Nestlé betrachtet Wasser als Geschäftsmodell. Nicht nur aus christlicher, sondern schon aus moralischer Sicht müssen wir darauf aufmerksam machen“, sagt Tobias Bacherler. Er ist Vorsitzender des Dachverbandes der katholischen Jugendverbände in der Diözese Eichstätt und will den Boykottaufruf nun ins ganze Bistum tragen: „Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein Menschenrecht. Aber im südlichen Afrika sind die Brunnen der Bevölkerung nicht so tief wie die von Nestlé. Deshalb trocknen sie aus und die Menschen müssen am Ende ihr eigenes Grundwasser teuer in Plastikflaschen kaufen. Das kann nicht sein.“

Nestlé selbst zeigt sich auf Nachfrage unserer Redaktion überrascht von der Protestaktion. „Wir bieten auch uns gegenüber kritisch eingestellten Organisationen an, sich mit uns auszutauschen. Dies bieten wir auch dem Diözesanrat der Katholiken im Bistum Eichstätt an“, teilte eine Sprecherin mit. Um sein ramponiertes Image zu reparieren, hat das Unternehmen zahlreiche Initiativen gestartet. „Wir sind uns bewusst, dass es speziell im Bereich Wasser in der Vergangenheit immer wieder Kritik an unseren Aktivitäten gab. Wir engagieren uns diesbezüglich bereits seit vielen Jahren intensiv in zahlreichen Organisationen und Programmen“, heißt es aus der Unternehmenskommunikation.

Über das Gesprächsangebot von Nestlé will Bacherler nachdenken. Allzu große Hoffnungen macht er sich aber nicht. „Nestlé wird sich nur ändern, wenn die Gewinne zurückgehen und hier kann jeder Kunde seinen Beitrag leisten.“

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24.09.2020

Aber wenn die Politik in der Person von Frau Klöckner noch mit den Verantwortlichen von Nestlé kuschelt – was soll man von dieser Seite dann schon erwarten. Ein Lichtblick: der Verbraucher hat die Macht. Leute, schaut mal drauf, was Ihr einkauft, denkt ein wenig nach, springt über den Schatten der Bequemlichkeit – das wäre schon ein großer Erfolg. Dass die Anregung ausgerechnet aus dem erzkonservativen Eichstätt kommt, wundert mich etwas, aber man sieht daran, dass noch nicht alles zu spät ist. Im übrigen strecken auch andere Konzerne ihre gierigen Finger nach dem (Grund)wasser aus – also aufgepasst bei der nächsten Cola!

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24.09.2020

Nestle ist rigoros.
Da müsste auch die EU mal härter durchgreifen und deren Produkte aus den Regalen verbannen.
Ist alles mit zu viel Zucker und sonstigen Nitraten versiffte Ware.
Aber der Wassermissbrauch ist fast genau so schlimm, wie die Bomben von Putin in Syrien.
Wir beukodieren diese Schandfirma schon lange.

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24.09.2020

Das ist doch mal ein guter Gedanke und ein erster Schritt in die richtige Richtung,

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