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Interview
28.06.2018

Davos, Kitzbühel, Tegernsee: Wie Deutschlands Elite tickt

Viel Reichtum, aber seltener Champagner: „Abzuheben ist eine latente Gefahr für die Elite in Deutschland“, sagt Autor Georg Meck.
Foto: Jens Kalaene, dpa

Georg Meck hat sich mit den Führungskräften in Deutschland befasst. Er wirft damit einen faszinierenden Blick in das Innere der Macht.

Herr Meck, Sie haben sich mit Deutschlands Elite befasst. Wie war es, für Ihr Buch die oberen Zehntausend zu treffen, zum Beispiel Internet-Unternehmer Oliver Samwer von Rocket Internet? Der ist immerhin fast Milliardär.

Georg Meck: Samwer zu treffen, war mal haariger, mal entspannter. Je nachdem, wie es dem Unternehmen gerade ging. Meine Frau und Co-Autorin hat Samwer häufig getroffen und journalistisch begleitet.

Wie ticken diese Leute der Elite? Sind es bessere oder klügere Menschen?

Meck: Es gibt genauso nette und freundliche Menschen, aber auch Egoisten und Unsympathen wie in der Breite der Bevölkerung auch. Tatsächlich meinen es viele Leute in der Elite ehrlich und sind verdient zu Einfluss und Vermögen gekommen. Ich finde es gut, wenn Leute wie der SAP-Gründer Dietmar Hopp mit einer tollen Idee eine Firma hochziehen, Arbeitsplätze schaffen und einer Region zu Wohlstand verhelfen. Gleiches gilt für Oliver Samwer, der zwar ein knallharter Geschäftsmann ist, in Berlin aber gleich nach der Bundesregierung die meisten Arbeitsplätze geschaffen hat... Eine andere Frage ist, ob man mit Samwer jeden Abend ein Bier trinken geht.

Waren Sie schon einmal mit Oliver Samwer Bier trinken?

Meck: Wir haben uns zu Anlässen getroffen, wo etwas getrunken wurde. Oliver Samwer ist aber sicher nicht der Typ für das Bier in der Eckkneipe.

Rocket-Internet-Chef Oliver Samwer gilt als „knallharter Geschäftsmann“.  
Foto: Britta Pedersen, dpa

Wer gehört Ihrer Meinung nach zur Elite?

Meck: Elite sind Leute, die Macht, Geld und Einfluss haben. So haben wir die Gruppe in unserem Buch abgegrenzt, um das Thema handhabbar zu machen. Damit ist kein moralisches Urteil verbunden. Ein Pfleger und eine Krankenschwester leisten auch Außergewöhnliches und verdienen großen Respekt.

Die Elite zeichnet aus, sich gerne an bestimmten Orten zu treffen, in Davos zum Beispiel ... Wie geht es dort denn zu?

Meck: Davos ist ein wichtiger Treffpunkt der Elite. Nach außen geht es darum, wie man die Welt verbessern kann. Das ist aber nur ein Vorwand. Wichtiger für die Leute ist es, sich in anderer, persönlicher Atmosphäre zu treffen. Und in Davos begegnen sich wirklich viele reiche Leute. Man sieht die Namensschilder und denkt sich: Das doch ist dieser Milliardär, dem gehört die Firma soundso... Die Dichte an Prominenz aus Politik und Wirtschaft ist nirgendwo höher. In Davos werden Geschäfte gemacht, wie auch Karrieren. Manche Vorstandschefs haben ihren Posten in Davos klar gemacht. Davos ist der Treffpunkt der Elite.

Wer sind die zentralen Personen in Davos?

Meck: Eine Zeit lang waren es die Investmentbanker. Die Herrlichkeit war dann mit der Finanzkrise vorbei, Champagner und Häppchen haben sich danach nicht mehr gehört. Stattdessen kam Facebook-Chef Mark Zuckerberg und die Milliardäre aus dem Silicon Valley. Inzwischen mischen sich die mit den reichen Familien aus Indien, Russland, China.

Manche Firmen sollen ganze Räume in Davos mieten, um Treffen zu veranstalten...

Meck: Die Deutsche Bank mietet zum Beispiel einen ganzen Hotel-Flur. Da werden die Betten rausgeschoben, die Zimmer zu Büros umfunktioniert und von morgens bis abends Gespräche mit Managern und Journalisten veranstaltet. Dieses Jahr war John Cryan als Deutsche-Bank-Chef in Davos nicht mehr dabei. Die Bank hat sofort abgestritten, dass dies etwas zu bedeuten hat. Heute weiß man - es hatte wohl etwas zu bedeuten. Cryan ist sein Amt los. Paul Achleitner als Aufsichtsratschef ist dagegen immer in Davos.

Fußball-Torhüter Manuel Neuer oder Philipp Lahm trifft man dagegen eher am Tegernsee...

Meck: Am Tegernsee leben viel Prominente und Bayern-Spieler. Dort ist man auch froh darüber, schließlich war das Image des Tegernsees etwas angestaubt. Jetzt ist man froh, dass Leute wie Manuel Neuer oder Philipp Lahm dort Häuser gekauft haben - und sich andere Bayern-Profis dort umgucken. Das hilft Image wie Immobilienmarkt.

Wo man wohnt, sagt also viel darüber aus, ob man zur Elite gehört?

Meck: Ja, das ist so. Das wird dann zum Problem, wenn Postleitzahlen darüber entscheiden, welche Chancen die Kinder im Leben haben. Nehmen wir das Beispiel Essen: Essen-Nord ist der arme Teil, Essen-Süd der reiche. Das spätere Schicksal der Kinder ist dann relativ festgeschrieben, wenn nicht einmal mehr die Fußballvereine beider Teile gegeneinander antreten. Völlig getrennte Welten finde ich bedrohlich. In Starnberg, Kitzbühel, Sylt oder am Vordertaunus herrscht längst ein anderes Milieu als in Duisburg.

Hat also längst nicht mehr jeder die Chance, Teil der Elite zu werden?

Meck: Erstaunlicherweise waren die Aufstiegschancen in Deutschland gegen alle Vorstellungen bisher recht gut. Der Aufstieg konnte gelingen. Viele Top-Manager kommen von ganz unten. Siemens-Chef Joe Kaeser ist der Sohn eines Fabrikarbeiters aus Niederbayern. ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger stammt von einem kleinen Bauernhof. Wichtig ist, dass es so bleibt. Darauf muss die Gesellschaft achten. Jeder muss die Chance haben, es nach oben zu schaffen. Der Aufstieg in die Elite muss möglich sein. Sonst geht etwas verloren. Das schürt dann den Hass auf die Eliten, den Populisten ausnutzen können.

Zählt zur Elite und schaffte den Aufstieg: Siemens-Chef Joe Kaeser.
Foto: Tobias Hase, dpa

Warum ist das Image der Eliten so schlecht? Liegt es am Versagen vieler Manager, zum Beispiel in der Diesel-Affäre oder in der Deutschen Bank?

Meck: Es gibt ein Grundmisstrauen auf die Elite seit der Herrschaft der Nazis, die das Wort missbraucht haben. Heute trägt jeder Skandal dazu bei, dass die Elite in Verruf gerät - zum Teil zu Recht. Es gab ja die halbkriminellen Investmentbanker, die die Deutsche Bank Milliarden gekostet haben und die dabei selbst reich geworden sind. Ähnlich sieht es bei VW aus, wo die Autofahrer betrogen wurden. Das schürt die Wut auf „die da oben“.

Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn zum Beispiel ist bisher gut davongekommen ...

Meck: Ein Problem ist der Eindruck, dass viele Manager nicht für ihre Fehler haften müssen. Bei Martin Winterkorn gäbe es sogar die gesetzliche Handhabe, dass er Schadenersatz zahlen müsste. Dafür müsste aber der Aufsichtsrat aktiv werden. Gerecht wäre das. Wenn jemand 20 Millionen Euro im Jahr verdient, sollte er dafür haften, wenn in seinem Verantwortungsbereich kriminelle Sachen passieren.

Warum begehen Manager auch solche Dummheiten, wie ihren Koi-Karpfenteich auf Firmenkosten beheizen zu lassen, wie es Winterkorn getan haben soll?

Merck: Manche haben sicher den Bezug zur Realität verloren, weil sie sich zu lange in anderen Sphären bewegen. Da gab es Deutsche-Bank-Vorstände, die nicht wussten, wie die Kaffeemaschine funktioniert. Oder die als Zeuge vor Gericht ihre Adresse nicht sagen können, weil sie der Chauffeur immer hin fährt. Abzuheben ist eine latente Gefahr für die Elite.

Auch der Fall Uli Hoeneß erinnert etwas daran...

Merck: Oh, als Bayern-Fan tue ich mich da schwer. Aber klar, Steuerhinterziehung ist kriminell, und für die Leute noch schwerer zu ertragen, wenn sich jemand als moralische Instanz inszeniert hat. Davon gibt es etliche, Uli Hoeneß war immerhin im Gefängnis.

Gibt es auch eine Kehrseite, wenn man zu Elite gehört? Viele sprechen über Burnout...

Meck: Die Elite verdient häufig Millionen, der Alltag ist oft sehr anstrengend. Das Klischee, dass Manager Zigarren rauchen und es sich bei Rotwein gut gehen lassen, stimmt längst nicht mehr. Manager von heute reisen viel, leiden unter Zeitverschiebung, treiben viel Sport, um mithalten zu können. Manche kippen um, wie BMW-Chef Harald Krüger bei seinem ersten großen Auftritt auf der IAA. Bei anderen leiden die Ehen oder die Kinder. Dazu kommt die Furcht vor Rivalen im Unternehmen - oder in der eigenen Partei, wenn es sich um Politiker handelt. Ab einem bestimmten Niveau kann man nur noch wenigen Leuten vertrauen. Adidas-Chef Kasper Rorsted sagt zum Beispiel, dass man keinen Freund in seiner Firma haben sollte.

Manchmal ist sogar die eigene Familie anstrengend ... Denken wir an die Aldi-Eigentümer, die Familie Albrecht, die sich zuletzt vor Gericht wiedersah.

Meck: Unternehmerfamilien streiten mindestens so viel wie stinknormale Familien - nur geht es immer gleich um viel mehr Geld. So sagen sie es, nur halb im Scherz, in der Familie Porsche-Piëch, also den Eigentümern von VW. Und die Porsche-Seite hält Ferdinand Piëch bekanntlich vor, seine destruktive Haltung rühre aus dem Frust, dass er als Kind der Tochter von Ferdinand Porsche nie den Namen Porsche hat führen können.

Was könnte die Elite denn besser machen?

Meck: Mehr Wahrhaftigkeit würde nicht schaden, sich weniger als moralisches Vorbild darzustellen. Teile der Elite behaupten gerne, es gehe ihnen nicht ums Geld, leugnen die eigenen Karriere als Antrieb. Das halte ich nicht für ehrlich. Aus dem eigenen Berufsleben weiß jeder, dass es immer auch um Einkommen und die eigene Karriere geht.

Macht die junge Startup-Szene in Berlin das besser?

Meck: Dort herrscht eine andere Haltung. Es ist etwas entspannter, die Status-Symbole sind weniger oder andere geworden. Zum Beispiel, sich einmal ein Sabbatical zu nehmen. Selbst so konservative Konzerne wie die Deutsche Bank ändern sich, der neue Chef Christian Sewing ist anders als seine Vorgänger vor zwei Generationen; nahbar, erdverbunden, sogar ironisch. An Wochenenden spielt er Tennis mit seinen alten Freunden im Club. Man nimmt ihm ab, dass es ihm weniger um Status geht, sondern darum, die Deutsche Bank wieder stark zu machen. Früher haben einem in den Banktürmen livrierte Diener in weißen Handschuhen den Kaffee serviert - diese Zeiten sind vorbei. Christian Sewing sitzt auch mal in Jeans da.

Was würden Sie einer jungen Frau oder einem jungen Mann raten, wenn sie oder er den Aufstieg in die Elite schaffen wollen?

Meck: Macht das, wofür ihr wirkliche Leidenschaft habt! Das ist die Voraussetzung für alles andere. Dann gibt es formale Pluspunkte: Junge, weibliche Ingenieurinnen haben zum Beispiel gerade sehr gute Chancen in Deutschland. Zudem gibt es auffällig viele Leute, die einmal Unternehmensberater bei McKinsey waren. Auch bestimmte Unis haben einen guten Ruf, zum Beispiel St. Gallen in der Schweiz. Auch Netzwerke sind nicht zu unterschätzen, wie etwa die Young Global Leader in Davos. Dort war Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dabei, aber auch Gesundheitsminister Jens Spahn.

Wären Sie auch gerne Spitzenmanager geworden?

Meck: Nein, lieber Profifußballer wie wohl jeder kleine Junge. Leider war schnell klar, dass das bei mir nicht klappt.

Georg Meck, geboren am 30. Mai 1967 in Giengen an der Brenz und aufgewachsen in Bächingen im Kreis Dillingen ist Ressortleiter Wirtschaft & Finanzen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Der Diplomvolkswirt begann seine Karriere als freier Mitarbeiter bei der Augsburger Allgemeinen.  

Das Buch: Georg Meck, Bettina Weiguny: Der Eliten-Report. Rowohlt, 317 Seiten, 24 Euro.

Georg Meck ist der Autor des Buches „Der Eliten-Report“.   
Foto: FAZ
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27.06.2018

Eigentlich kommen Porsche und Piech Familien aus Österreich, sie leben in Österreich, zahlen Steuern in Österreich und haben österreichische Pässe und Nationalität.

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