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Lufthansa

25.06.2020

Lufthansa wird gerettet - vom Staat oder aus der Wirtschaft?

Am Donnerstag sollen die Aktionäre der Lufthansa über das milliardenschwere Rettungspaket entscheiden.
Bild: Boris Roessler, dpa

Plus Auf der Hauptversammlung am Donnerstag entscheidet sich die Zukunft der Lufthansa. Die Airline bleibt in der Luft, die Frage ist nur, wer die Sanierung zahlt.

Leer ist der Himmel in Deutschland in diesen Wochen. Das Coronavirus zwingt die Flugzeuge auf den Boden und hat das Geschäft einer ganzen Branche zerstört. Ohne Hilfe von außen droht den Fluggesellschaften buchstäblich der Absturz. An diesem Donnerstag entscheidet sich für die Lufthansa bei einem außerordentlichen Aktionärstreffen, welche Kur dem Unternehmen verabreicht und für wen es schmerzhaft wird. Es ist ernst. Im Frühjahr machte sie pro Stunde eine Million Euro Verlust.

Überleben wird Lufthansa - nur wer zahlt die Rettung?

Die Kranichlinie wird dennoch überleben, so viel steht fest. Offen ist, wer die Rechnung dafür zahlt. Sind es die Steuerzahler, die Milliarden bereitstellen? Oder bekommt ein Münchner Milliardär seinen Willen, der lieber Beschäftigte und Fluggäste bluten lassen will? Es ist die spannendste Nummer der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte, die ihrem Finale entgegensteuert. Um 12 Uhr mittags kommt es zum Showdown – wie im Western. Die Rolle des Bösewichts spielt Heinz Hermann Thiele.

Der Multimilliardär (Knorr-Bremse, Vossloh) gehört zu den reichsten Deutschen und weiß, wie man Unternehmen übernimmt, saniert und profitabel macht. Der 79-Jährige könnte sich auf seine Rinderfarm in Südamerika zurückziehen, aber das ist ihm zu langweilig.

Thiele hat die Lufthansa in der Hand. Er hatte seinen Anteil an der nach Umsatz größten Airline Europas auf über 15 Prozent aufgestockt und verfügt damit auf der virtuellen Hauptversammlung über die Veto-Macht, weil sich nur 38 Prozent des Kapitals angemeldet haben. Für die geplante Staatshilfe von neun Milliarden Euro braucht es eine Zweidrittelmehrheit, die ohne Thiele nicht erreicht werden kann. Der Einstieg des Staates könnte seinen Anteil an der Airline verwässern. Zwar gab es am Mittwochabend Hinweise, dass Thiele einlenkt. Aber Genaues weiß man natürlich erst nach der Hauptversammlung.

Positive Signale von Großaktionär Thiele: Aktie der Lufthansa schnellt hoch

Die Signale des Großaktionärs für eine Zustimmung zur staatlichen Rettung der Lufthansa haben die Aktien der Airline vor der außerordentlichen Hauptversammlung an diesem Donnerstag befeuert. Anleger zeigten sich erleichtert. Die inzwischen im MDax der mittelgroßen Werte notierten Papiere schnellten im vorbörslichen Handel auf Tradegate um rund 25 Prozent zum Xetra-Schluss in die Höhe auf 11,16 Euro.

Gut an kam am Markt auch, dass sich der Konzern und die Gewerkschaft Ufo inzwischen auf ein Krisenpaket für die Flugbegleiter mit Einsparungen von mehr als einer halben Milliarde Euro verständigt hat. Das Paket umfasst laut Ufo einen vierjährigen Kündigungsschutz sowie ein Einsparvolumen von über einer halben Milliarde Euro bis Ende 2023. Die Lufthansa teilte mit, unter anderem würden Vergütungsanhebungen ausgesetzt sowie die Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung zeitweise reduziert.

Heinz Hermann Thiele, Mehrheitsaktionär und Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Knorr-Bremse AG.
Bild: Knorr-Bremse AG, dpa

Ein Schutzschirmverfahren ist eine Option für die Lufthansa

Christoph Brützel ist Professor für Luftverkehrsmanagement an der Internationalen Fachhochschule Bad Honnef und verfolgt die Rettungsaktion genau. Er glaubt, dass Thiele ein Schutzschirmverfahren anstrebt, also eine Insolvenz in Eigenregie. "Auf Kosten der Gläubiger und Mitarbeiter wird das Unternehmen saniert", sagt der Branchenkenner.

Brützel fing vor 30 Jahren seine Karriere bei der Lufthansa an. Ein Schutzschirmverfahren – quasi eine Insolvenz light – böte dem Management die Chance, schärfer in das Fleisch zu schneiden. Tarifverträge könnten auf diese Weise neu verhandelt und mit schlechteren Bedingungen abgeschlossen werden. Den Lufthanseaten droht außerdem, dass ihre Betriebsrenten gestutzt werden. Auf diese Weise haben sich die US-Airlines in der Vergangenheit saniert.

Auch Passagiere, deren Flüge wegen des Zwangsstillstands in den letzten Wochen gestrichen wurden, könnten leer ausgehen. Juristisch sind sie Gläubiger wie andere auch. "Bei der Pleite von Air Berlin waren die Passagiere die ersten, die in die Röhre geguckt haben", erklärt Brützel. Bei der Lufthansa summiert sich der Wert der wegen der Zwangspause wertlos gewordenen Tickets auf 1,8 Milliarden Euro. Ob sich das Management aber seinen Ruf bei den Kunden vollends verderben will, muss bezweifelt werden. Das Schutzschirmverfahren wäre aber die Gelegenheit, die Ansprüche der Passagiere in Gutscheine umzuwandeln, ohne dass das Unternehmen Geld zurückzahlen muss.

Lufthansa-Rettung: Auch die Aktien der Airline sind gefährdet

Auch diese Form der Sanierung kostet. Die Mittel müssten irgendwo herkommen. Thiele könnte der Lufthansa die Summe als Kredit zur Verfügung stellen und später in Eigenkapital umwandeln. Damit stiege er zum dominierenden Aktionär des deutschen Branchenprimus auf. In die Karten schauen lassen hat sich der Investor nicht. Ein Gespräch, zu dem er Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte antanzen lassen, brachte keinen Fortschritt. Eventuell hat Thiele nur hoch gepokert und trägt den Staatsdeal zähneknirschend mit. Schmiert die Fluglinie ab, rauscht auch der Wert seiner Aktien nach unten.

Der Finanzminister ist nicht gewillt, dem Störenfried entgegenzukommen. Wochenlang wurde unter Hochdruck an der Rettung geschraubt, selbst die EU-Kommission hat am Donnerstag schließlich ihr Plazet gegeben. Die Freigabe unterliegt allerdings der Bedingung, dass die größte deutsche Fluggesellschaft Verpflichtungen zur Vermeidung von Wettbewerbsverzerrungen einhält, wie die Brüsseler Behörde am Donnerstag mitteilte. "Das ist verhandelt. Punkt", betonte Scholz hanseatisch knapp. Die Unterstützung der 138.000 Beschäftigten hat er selbstredend. Die Gewerkschaften verurteilen das Manöver. Sie fürchten, dass mehr Mitarbeiter entlassen werden als ohnehin geplant. Das ist auch die Sorge der Politik. Wird unter dem Kommando Thieles mit eisernem Besen ausgekehrt, gehen nicht nur mehr Stellen bei dem Unternehmen selbst verloren, sondern auch bei Airbus und Zulieferern. Bisher hat der Vorstand 22.000 Arbeitsplätze ausgemacht, die er bei der Lufthansa streichen will. Die Hälfte davon soll auf den Heimatmarkt entfallen.

Wird die Fluggesellschaft schroff gerupft, hat das Auswirkungen auf den Luftverkehr in Deutschland. Die Lufthansa mit ihren Drehkreuzen in Frankfurt und München sorgt dafür, dass die Passagiere in die ganze Welt kommen. "Fiele die Lufthansa aus oder würde stark geschwächt, würde das Netz ausgedünnt", erklärt der Geschäftsführer des Flughafenverbandes, Ralph Beisel, das Problem. Von rund 600 Destinationen ins Ausland steht die Airline für zwei Drittel. "Wettbewerber könnten das nicht ausgleichen. Billigflieger haben ein anderes Geschäftsmodell", meint Beisel. (mit dpa)

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