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Interview

15.12.2019

Madame Moneypenny, wieso ist Altersvorsorge für Frauen so wichtig?

Natascha Wegelin ist bloggt als "Madame Moneypenny" über Frauen und Finanzen.
Bild: Jacqueline Häußler

Exklusiv Finanzbloggerin Natascha Wegelin, auch bekannt als "Madame Moneypenny", erklärt, warum Frauen ihre Finanzen selber regeln sollten - und wie das gelingt.

Die Unternehmensgründerin und Autorin Natascha Wegelin bloggt seit 2016 als Madame Moneypenny über Frauen und Finanzen. 2018 veröffentlichte die heute 33-Jährige das Buch „Wie Frauen ihre Finanzen selbst in die Hand nehmen können“. Im Interview erklärt sie, warum es für Frauen so wichtig ist, sich mit ihrer Altersvorsorge auseinander zu setzen und worauf es dabei ankommt.

Altersvorsorge ist als Thema nicht besonders sexy. Warum ist es gerade für Frauen wichtig, sich dennoch damit auseinanderzusetzen?

Natascha Wegelin: Sexy und wichtig ist oftmals nicht das gleiche. Ich denke, mittlerweile kennt jede Frau die Schlagzeile „Altersarmut ist weiblich“. Gender Pay Gap, Babypausen, Teilzeitarbeit – es sind viele Dinge dafür verantwortlich, dass Frauen sehr, sehr viel stärker von Altersarmut betroffen sind als Männer. Von daher ist es gerade für uns Frauen nochmal so viel wichtiger, sich frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen und auch zu verstehen, was man dagegen tun kann. Zu sagen „Das System ist blöd, ich bin Opfer“ – ja okay. Aber was ist dann der nächste Schritt? Dafür mache ich genau das, was ich mache mit Madame Moneypenny, um Aufklärung zu leisten, Wissen zu liefern, an die Hand zu nehmen und hier und da auch mal einen Tritt in den Allerwertesten zu verteilen.

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Stichwort „sich frühzeitig mit dem Thema beschäftigen“: Viele schieben es jahrelang vor sich her, sich um ihre Altersvorsorge zu kümmern. Ab wann ist es zu spät, sich darum Gedanken zu machen?

Wegelin: Fakt ist: Es wird schwieriger, je länger man wartet. Wenn ich den frühen Zug verpasst habe, dann ist das so. Die Zeit kann man leider nicht zurückdrehen. Die Frage ist: Was ist meine Alternative? Meine Alternative ist, nichts tun und definitiv keine oder eine viel zu geringe Rente bekommen. Oder ich setze mich auch mit 55 Jahren noch hin und überlege, was ich jetzt noch anders machen, wo ich noch etwas herausholen kann - und gehe es dann einfach an. Es ist ja auch nicht so, dass wir mit 70 alle tot umfallen. Mit 55 habe ich vielleicht noch 40 Lebensjahre vor mir. Da muss ich mir überlegen, bis wo mein Geld reicht und muss dann dementsprechend vielleicht auch mein Berufsleben noch ein bisschen umplanen.

Andersherum gefragt: Wann ist der ideale Zeitpunkt, sich mit der Altersvorsorge auseinanderzusetzen?

Wegelin: Am besten bei der Geburt. Absolutes Ideal-Paradebeispiel wäre, wenn Mama oder Papa bei Geburt einen Sparplan einrichten und Oma und Opa nicht nur Süßigkeiten zu Weihnachten schenken oder irgendwelches Spielzeug, sondern Weihnachtsgeld, Kommunionsgeld, was auch immer, jede 20 Euro schön in diesen Sparplan fließen. Das ist, glaube ich, bei den wenigsten von uns passiert. Aber vielleicht lesen das ja jetzt auch ein paar Eltern, die das für eine ganz coole Idee halten. Ansonsten gilt: so früh wie möglich. Mit 18 Jahren kann jeder ein Depot aufmachen und selber Geld ansparen. Da zählt wirklich: je früher, desto besser.

Wie gehe ich dabei am besten vor?

Wegelin: Der Startpunkt zum Vermögensaufbau liegt darin, meinen Status Quo zu ermitteln: Wie bin ich aktuell finanziell aufgestellt? Dann kann ich mir ein Ziel überlegen: Wo will ich hin, wie viel hätte ich gern im Alter? Daraus ergibt sich dann alles Weitere. Wenn ich weiß, wie groß meine Rentenlücke ist – die kann man beispielsweise online berechnen – dann weiß ich auch, wie viel Geld ich an Tag X zur Verfügung haben muss, um diese Lücke auszugleichen. Und dann weiß ich auch, wie viel ich jetzt sparen muss. Da ist ein bisschen Rechnerei nötig, aber das tut gar nicht weh, das kann man alles lernen. Dieser Schritt wird aber ganz gerne vergessen.

Inwiefern?

Wegelin: Da hört man Aktien, ETFs, Börse, googlet das, packt mal 50 Euro in einen ETF und denkt, man hätte seine Altersvorsorge geregelt. Und 25 Jahre später schaut man nach und merkt, dass das hinten und vorne nicht reicht. Es geht ja nicht darum, ein bisschen Geld anzulegen, um sagen zu können, dass man es versucht hat. Das sollte schon ein bisschen systematischer sein. Und wenn man mal so einen Plan gemacht hat, ergibt sich das meiste daraus. Dann muss man noch seine Risikobereitschaft abwägen, da ist also auch viel Eigenanalyse gefragt. Und im letzte Schritt ist zu klären, wie man nun vorgeht – ob mit einer Immobilie, oder doch an der Börse, mit Aktien oder ETFs. Da führt kein Weg daran vorbei, doch mal ein Buch in die Hand zu nehmen oder sich ein paar Videos anzuschauen, um sich das notwendige Wissen anzueignen. Dafür ist das Risiko dann doch zu groß, gehörig auf die Nase zu fallen, wenn man nicht weiß, was man tut.

Von Aktien hat jeder schon einmal gehört. Aber was genau sind ETFs?

Wegelin: Eine Aktie ist ein Anteil an einem einzelnen Unternehmen. Statt Anteile an einem einzelnen Unternehmen zu kaufen, kann man aber auch in einen ETF investieren, also einen „Aktienkorb“, wo schon viele Aktien drin liegen. Das heißt, ich kaufe mir einen Anteil an diesem Körbchen und habe dann kleine Anteile an allen Unternehmen da drin. So kann ich mit zwei oder drei ETFs in die gesamte Weltwirtschaft investieren. Das ist schwierig alleine abzubilden, da müsste ich mir Aktien von 2000 Unternehmen händisch zusammensammeln. Ein weiterer Vorteil von ETFs ist, dass sie kostengünstig sind und ich schon mit kleinen Beträgen anfangen kann, ab 25 Euro pro Monat geht es schon los. Wenn ich mir hingegen eine einzelne Aktie von beispielsweise Amazon kaufen will, muss ich mittlerweile fast 1600 Euro auf den Tisch legen. Und ich kann alles rund um meine ETFs selbst online abwickeln, da brauche ich keinen Berater, sondern kann selbst entscheiden, in was ich investieren möchte und in was nicht.

Gibt es denn auch Nachteile von ETFs?

Wegelin: Ein ETF ist kein Allheilmittel. Das ist letztlich auch ein Bankenprodukt, das sich jemand überlegt hat, der damit Geld verdienen will. Ein großer Nachteil ist sicherlich, dass das Thema Nachhaltigkeit noch nicht ansatzweise ausreichend gespielt wird in der ganzen Branche. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass einzelne Aktien kein Geld im Unterhalt kosten, ein ETF hingegen schon - da sind wir durchschnittlich bei 0,35 Prozent des Anlagevolumens. Es gibt also sicherlich auch Nachteile. Aber wenn ich in einzelne Aktien investieren möchte, ist das natürlich mit viel Aufwand verbunden und ich werde nie auf die breite Diversifikation kommen wie mit ETFs, um mein Risiko zu streuen. Für Otto Normalverbraucher, die Altersvorsorge betreiben und nicht ständig superviel Zeit mit dem Depot verbringen wollen, sind ETFs aktuell womöglich eine gute Option.

Von welcher Summe reden wir, wenn es um Altersvorsorge geht? Bei welchem Betrag kann ich mich mit 65 Jahren auf der sicheren Seite wissen?

Wegelin: Das ist immer individuell. Da kommt es natürlich auch darauf an, wie viel ich im Alter brauche. Aber auch bei einem mittleren Lebensstandard reden wir von siebenstelligen Beträgen. 800.000 Euro bis 1,2 Millionen Euro sollten dann schon an Vermögen da sein, um sich total beruhigt um nichts mehr kümmern zu müssen.

Sie sagen, mit ETFs zu sparen, geht schon ab 25 Euro im Monat. Reicht dieser Betrag tatsächlich, um als Rentnerin genügend Geld für ein sorgenfreies Leben zu haben?

Wegelin: Nee. Ab 25 Euro pro Monat geht es los. Ich sage das, weil die Leute immer denken, dass sie erst ab 10.000 Euro oder so anfangen können zu investieren. 25 Euro pro Monat ist lediglich der kleinste Betrag, der auch technisch bei den Banken möglich ist. Das ist sicherlich ein guter Einstieg, aber damit komme ich nicht auf meine Million. Um ein Beispiel zu geben: Wenn ich 200 Euro pro Monat in einen ETF investiere über 40 Jahre zu durchschnittlich acht Prozent Rendite pro Jahr, sind wird bei ein bisschen mehr als einer halben Million. Das ist so ungefähr die Hausnummer.

40 Jahre Zeit hat ja nicht mehr jeder. Welche Strategie ist beim Thema Altersvorsorge in welchem Alter und welcher Lebenssituation am besten? Oder gibt es eine Strategie, die völlig unabhängig für alle gleichermaßen gilt?

Wegelin: Der große Unterschied ist die Risikobereitschaft. Wenn ich 18 Jahre alt bin und noch megaviel Zeit habe und auch niemand von mir finanziell abhängig ist, kann ich viel mehr Risiko eingehen. Da ist Zeit auch ein Faktor: Je länger ich investiert bin, desto größer ist die Rendite, weil ich dann noch genügend Zeit habe, Krisen auszugleichen. Anders ist das, wenn ich mit 55 anfange zu sparen und dann eine fette Krise kommt. Das heißt nicht, dass eine 55-Jährige nicht am Aktienmarkt investieren soll. Nur eben mit einem viel geringeren Risiko.

Pauschal Empfehlungen zu geben, ist also schwierig?

Wegelin: Es gibt Dinge, die für alle Sinn ergeben: eine private Rentenversicherung sicherlich, um damit die Grundsicherung abzudecken. Mit Grundsicherung meine ich das, was ich zum Überleben brauche. Das ist nicht das Dachgeschoss-Loft, sondern eher die Zwei-Zimmer-Mietwohnung im Erdgeschoss. Alles, was darüber hinausgeht, also die Lebensstandard-Sicherung, machen wir mit eigenen Investitionen. Das ist für alle Altersgruppen gleich und das sind auch immer die gleichen Schritte, um dahin zu kommen. Die Muster und Mechanismen sind immer die gleichen. Der größte Unterschied liegt darin, dass der eine noch mehr Risiko eingehen kann als der andere.

In vielen Familien kümmert sich immer noch der Mann um alles Finanzielle. Welchen Ratschlag können Sie Frauen mit an die Hand geben, damit auch sie sich endlich trauen, loszulegen?

Wegelin: Wenn der Mann immer alles geregelt hat, ist das vielleicht ein guter Ansatzpunkt, mal zu hinterfragen, warum das eigentlich so ist. Wenn ich an meine Mama oder meine Oma denke, da war das selbstverständlich, dass der Mann sich darum kümmert. Da sollte sich auch niemand Vorwürfe machen, das war eben die Sozialisierung, die Erziehung damals. So ist es ja teils auch heute auch noch. Die Frage ist: Was möchte ich ändern? Es gibt genügend Frauen, die damit bisher gut gefahren sind und davon ausgehen, auch in Zukunft gut damit zu fahren. Das ist auch vollkommen in Ordnung, solange das eine aktive Entscheidung ist. Wenn es aber eine Frau für sinnvoll hält, sich um ihr eigenes Geld zu kümmern – wer weiß, was in den kommenden Jahren noch so passiert – dann wären die ersten Schritte, sich zu überlegen, wie man es denn gerne hätte: Würde ich mich besser fühlen, wenn ich ein eigenes Konto hätte oder überhaupt erstmal Einblick in die gemeinsamen Finanzen? Da wissen auch viele Frauen gar nicht, was sie überhaupt haben, welche Konten und Versicherungen es gibt, wer Vollmachten für was hat, ob sie im Grundbuch für das Haus stehen...

Und dann?

Wegelin: Gerade, wenn es um Geld in der Partnerschaft geht, kommt man um ein Gespräch nicht herum. Da muss die Frau dann für sich einstehen und sagen: „Du, das war die letzten 50 Jahre so, aber ich würde mich besser fühlen, wenn wir für mich auch ein Altersvorsorgekonto einrichten.“ Meine Erfahrung ist, dass die Männer da auch sehr, sehr offen sind. Die haben ja auch keinen Bock auf das Thema. Genau so wie Frauen das Thema Finanzen in der Erziehung oftmals weggenommen wird, wird es den Männern zugeschoben. Und nur, weil jemand ein Mann ist, heißt ja noch nicht, dass er auch dafür qualifiziert ist.

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