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Coronavirus

21.04.2020

Nachfrage bricht wegen Coronavirus ein: Jetzt schwimmt die Welt im Öl

Die USA wissen derzeit kaum, wohin mit ihrem Öl. Lager drohen überzulaufen, die Preise fielen sogar in den Negativbereich.
Bild: Leonard Ortiz, dpa

Plus Durch das Coronavirus rutschten die Ölpreise in den USA gar ins Minus. Eine Drosselung der Fördermenge bringt kurzfristig wohl kaum etwas.

Der Ölpreis befindet sich im freien Fall. Trotz einer von den größten Förderländern für die Monate Mai und Juni beschlossenen Drosselung der Produktion um fast zehn Millionen Barrel Öl täglich – das entspricht 1590 Millionen Litern – setzte es Anfang der Woche ein historisches Tief bei der US-Referenzsorte WTI. Die Mai-Auslieferung lag zeitweise gar im Minusbereich.

Erdöl-Lager in den USA sind voll

Die amerikanische Wirtschaft schwimmt im wahrsten Sinne des Wortes im Öl: Die Lagerbestände im größten Auslieferungsort Cushing stiegen seit Februar um beinahe 50 Prozent. Weil also die freien Kapazitäten schrumpfen, fallen die Abnahmepreise ins Bodenlose – die Lager drohen überzulaufen. Aber auch der Preis für die Nordseesorte Brent sinkt seit Wochen. Die Situation könnte nach Meinung von Analysten Jahre anhalten und Staatshaushalte stark belasten.

Experten rechnen nämlich trotz weltweit beginnender Lockerungen der Restriktionen bezüglich des Coronavirus’ nur mit einer langsamen Erholung der Konjunktur. Die niedrige Nachfrage von Raffinerien nach Rohöl dürfte damit noch länger anhalten. Zwar hatte die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) zuletzt auch für den Rest des Jahres verminderte Fördermengen vereinbart. Ab Juli soll die Produktion für knapp zwei Jahre um verringert bleiben – zuerst um 7,7 Millionen Barrel täglich, ab 2021 dann um 5,8 Millionen Barrel. Doch Zweifel daran, dass diese Schritte ausreichen, um den Ölpreis kurzfristig zu stabilisieren, mehren sich.

Gedrosselte Ölförderung kann Preisverfall nicht stoppen

Die Corona-Krise ist ein Grund, aber nicht der einzige, wieso es in den vergangenen Wochen zu einem massiven Einbruch gekommen war. Saudi-Arabien und Russland hatten sich einen Preiskrieg geliefert und diesen erst mit der jüngsten Einigung beigelegt. Benzin und Diesel fielen auf langjährige Tiefststände. Beim Sprit ist der Rückgang der Verbraucherpreise besonders stark. Das liegt daran, dass die Nachfrage im Gegensatz zum Heizöl massiv eingebrochen ist – dort steigt sie sogar. Heizöl hat preislich zwar nachgegeben, aber vergleichsweise moderat. Die Energiehändler kommen teilweise logistisch mit der Auslieferung kaum hinterher.

Sorgen an den Börsen: Die Ölpreise befinden sich seit Wochen im freien Fall.
Bild: Arne Dedert, dpa

Dr. Frank Schallenberger, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), vermutet: „Große Sprünge nach oben sind beim Ölpreis wohl zunächst nicht zu erwarten. Die globale Ölnachfrage wird 2020 gegenüber dem Vorjahr voraussichtlich um acht bis zehn Millionen Barrel pro Tag fallen. Alleine im April dürfte die Nachfrage vermutlich sogar um 25 bis 30 Millionen Barrel täglich unter dem Vorjahr liegen.“ Angesichts der Zahlen könnten die vereinbarten Kürzungen bei der Fördermenge kurzfristig wohl nur wenig bewirken.

Staatshaushalte und Firmen leiden unter Öl-Niedrigpreisen

Schallenberger weist allerdings auch auf einen positiven Aspekt hin: „Strategische Ölreserven dürften weltweit aufgestockt werden. Das ist ein Lebenszeichen von der Nachfrageseite.“ Diese Strategie forciert in erster Linie US-Präsident Donald Trump. Geplant sei, bis zu 75 Millionen Fässer Rohöl zu kaufen. Das Fazit von Experte Schallenberger: „Brent dürfte es aufgrund des extremen Überangebots zunächst sehr schwer haben, wieder deutlich über die Marke von 30 Dollar zu klettern. Einen nachhaltigen Ölpreisanstieg erwarte ich erst dann, wenn sich die Anzeichen verdichten, dass die Konjunktur weltweit wieder in Fahrt kommt.“ Die Sorte Brent steht im Moment nur knapp über 20 Dollar.

Obwohl die Organisation Erdöl exportierender Länder die Fördermenge gedrosselt hat, hält der Preissturz wegen des Coronavirus' an.
Bild: Richard Vogel, dpa

Rohstoff-Analyst Carsten Fritsch von der Commerzbank hält einen Zeitrahmen etwa zwei bis drei Jahren für realistisch, bis der Ölpreis wieder das Vor-Krisen-Level erreicht. „Wir werden noch für einige Zeit zu viel Öl am Markt haben. Das Thema ist vor allem in den USA akut, wie der jüngste Absturz des US-Ölpreises in den negativen Bereich zeigt“, sagt der Analyst. Fritsch rechnet damit, dass gerade kleinere Fracking-Firmen in den Vereinigten Staaten durch die niedrigen Preise pleite gehen. „Bei den Opec-Staaten und speziell in Russland sind dagegen die Staatshaushalte direkt massiv von der Niedrigpreis-Phase betroffen. In Folge dessen sind hohe Defizite und Wachstumseinbußen zu erwarten.“ In den USA werde Wirtschaft ebenfalls beeinträchtigt: Zwar ist das Ölgeschäft dort nicht staatlich organisiert, allerdings stellt die Branche einen der bedeutendsten Wirtschaftszweige dar.

Trotz der beschlossenen Drosselungen bei der Ölförderung sei der Nachfragerückgang aktuell schlicht zu stark, als dass man ihn sofort ausgleichen könne, meint Fritsch: „Die Menge an Opec-Öl, die nun benötigt wird, könnte Saudi-Arabien wohl alleine fördern.“ Er erachtet den eingeschlagenen Weg mit dauerhaften Kürzungen bei der Ölförderung daher als alternativlos.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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