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Corona-Krise

16.04.2020

Schausteller: "Kinderkarussellfahrt sollte genauso möglich sein wie ein Baumarktbesuch"

Verbandspräsident Albert Ritter kam als Spross einer Schaustellerfamilie in sechster Generation sogar auf einem Schützenfest zur Welt. Heute warnt der 66-Jährige vor einem Ende seiner Branche infolge der Corona-Krise.
Bild: Carmen Jaspersen, dpa

Plus Schausteller-Präsident Albert Ritter warnt: Eine 1200 Jahre alte Kultur steht auf dem Spiel. Er fordert Feste unter Sicherheitsauflagen und kann sich sogar die Wiesn vorstellen.

Wie erleben die Schausteller derzeit die Coronavirus-Krise?

Albert Ritter: Unsere Branche ist mit am härtesten von der Corona-Krise betroffen. Es gibt 5000 Schaustellerfamilien, die ihr Geschäft im Hauptberuf ausüben, insgesamt hängen direkt 55000 Arbeitsplätze dran. Wir können uns nicht in den Internethandel flüchten oder eine Geisterkirmes veranstalten. Wir können nur Geld verdienen, wenn das Volksfest stattfindet. Die Absagen treffen uns wie ein Berufsausübungsverbot.

Wie lange kann Ihre Branche den Stillstand durchhalten?

Ritter: Eigentlich ist das Ende schon erreicht. Die Schausteller trifft die Krise auch deshalb besonders dramatisch, weil sie in der Regel auf den Herbst-Volksfesten oder auf dem Weihnachtsmarkt ihre letzten Einnahmen erzielt haben und dann in die traditionelle Winterpause gegangen sind. Wir haben jetzt vier Monate ohne Einnahmen, aber mit vielen Kosten, nicht nur bei den Löhnen: In der Winterpause werden Karussellanlagen instand gesetzt und der TÜV gemacht. Eine Vorbereitung auf die kommende Saison ist teuer.

Wie hart sind die Folgen?

Ritter: Gerade sind die ganzen traditionellen Ostervolksfeste abgesagt worden. Wir Schausteller hängen ja am kirchlichen Kalender, wie schon das Wort Kirchweih sagt. Die Kirmes kommt ja von Kirchmesse. Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, Fronleichnam gibt es Kirmes bis hin zum Erntedankfest und zum Weihnachtsmarkt. Wenn es diese ganzen Veranstaltungen nicht mehr gibt, dann droht unserer Branche das Ende, falls nicht ein richtig großer Rettungsschirm gespannt wird. Wir brauchen Volksfeste, um den Menschen wieder Freude zu bereiten. Was nützt es, wenn das Virus besiegt ist und die Menschen dann an Depressionen leiden?

Man weiß aber, dass der Hotspot der Corona-Pandemie in Deutschland in Heinsberg der Karneval war, in Rosenheim und im Kreis Tirschenreuth stehen Starkbierfeste unter Verdacht. Lautes Reden, Singen, Beieinandersein gilt als Risiko: Was zum Bierzelt gehört, scheint am gefährlichsten …

Ritter: Also wenn wir wieder aufmachen, dann wollen wir das verantwortungsvoll tun. Wie alle anderen Gewerbe erarbeiten wir Handlungsempfehlungen für den Tag X. Das wollen wir gemeinschaftlich mit Gesundheitsämtern, mit den Hygienefachleuten und Virologen tun. In der Hauptsache sollen Volksfeste familienorientiert sein und nicht unbedingt für eine Party-Zielgruppe. Da gibt es durchaus Möglichkeiten für Regeln mit Abständen und andere Schutzmaßnahmen. Eine Kinderkarussellfahrt sollte genauso möglich sein wie ein Baumarktbesuch. Wir sagen nicht, dass wir heute alles aufmachen wollen. Aber es muss absehbar sein, wann auch wieder ein Volksfest in Deutschland stattfinden kann.

Können Sie sich Volksfeste ohne Bierzelte vorstellen als Zwischenstufe?

Ritter: Man muss sicher darüber nachdenken, wie man auch dort die nötigen Hygienestandards erfüllen könnte. Aber ich werde jetzt sicher nicht sagen, lasst zugunsten der Schausteller die Bierzelte weg.

Aber können Sie sich ernsthaft vorstellen, dass im Herbst ein Oktoberfest oder Cannstatter Wasen stattfindet?

Ritter: Ja. Wenn wir entsprechende, mit den Behörden abgestimmte Hygienemaßnahmen haben, kann ich mir auch das Oktoberfest und den Cannstatter Wasen dieses Jahr vorstellen. Aber natürlich nicht einfach so wie früher, sondern eben mit den entsprechenden Schutzmaßnahmen, zum Beispiel Einbahnstraßenverkehr. Und wenn es richtig familienorientiert ist, dann erst recht.

Aber ein Bierzelt mit Mundschutz und zwei Meter Abstand zum Nachbarn kann sich doch niemand vorstellen.

Ritter: Ich spreche für die Schausteller, diese Fragen muss man an die Wirte-Sprecher richten, wie sie sich das mit den Zelten vorstellen könnten. Aber was den Schausteller-, Karussell- und Vergnügungsbereich anbelangt, die Fahrgeschäfte oder Zuckerwattestände, da können wir durchaus solche Abstände und Schutzmaßnahmen garantieren.

CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat kürzlich gesagt, dass Partys und Volksfeste erst als Letztes wieder Normalität sein werden, weil sie am riskantesten und verzichtbarsten seien …

Ritter: Es hat uns empört, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gesagt hat, unsere Veranstaltungen seien verzichtbar für die Gesellschaft. Weil das nicht stimmt. Wir brauchen dann, wenn die Menschen wieder aus ihren Häusern raus dürfen, Stätten der Begegnung, des Miteinanders, der Freude – gerade auch für die Familien mit Kindern. Das ist nicht verzichtbar. Herr Spahn hätte sagen sollen, wir sollten schauen, wann man mit den entsprechenden Auflagen auch Volksfeste wiederaufmachen kann. Wir haben Verständnis für die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, aber wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir wünschen uns, dass so schnell wie möglich wieder Normalität einkehrt.

Wenn es aber so kommt, dass Volksfeste und Bundesliga als Letztes ins normale Leben zurückkehren, wie sollte dann ein Rettungsschirm aussehen?

Ritter: Wir brauchen eine Grundsicherung zum Überleben der Branche. Ein abgesagtes Volksfest ist ein Totalausfall. Vorstellbar ist, dass man auf die nachgewiesenen letzten Jahresumsätze schaut und mit einem Prozentsatz der Vergangenheit das Überleben sichert. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass es im nächsten Jahr keine Volksfeste mehr gibt, dafür müssen die Schausteller ihre Betriebsmittel behalten können. Wenn sie jetzt ihre Zugmaschinen oder Geschäfte zum Überleben verkaufen müssen, werden sie nicht mehr an einer Kirmes teilnehmen können. Dann sterben die Volksfeste.

Was wären die Folgen für die Gesellschaft?

Ritter: Eine 1200 Jahre alte Kultur in Deutschland steht auf dem Spiel. Schon Pythagoras sagte, wo Jahrmarkt ist, da ist pures Leben. Jede Region hat eine eigene Tradition, mal ist sie mit Schützenfesten verbunden, mal mit Kirchen- und Erntedankfesten oder mit der Geschichte der Bergleute. Die großen Volksfeste in München oder Stuttgart haben da im Vergleich eine sehr junge Vergangenheit. Volksfeste sind ein Fest der Begegnung, zu dem jeder bei freiem Eintritt kommen kann. Da kann man drüberbummeln und schauen, wofür man Geld ausgibt.

Viele Vereine finanzieren sich über Feste ...

Ritter: Ja. Viele gemeinnützige Veranstalter, zum Beispiel Freiwillige Feuerwehren und Vereine, erwirtschaften seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Geld mit Volksfesten für gesellschaftliche Zwecke. Die Kosten dafür werden aber von den teilnehmenden Schaustellern bezahlt. Von der Marktaufsicht bis zum Feuerwerk wird alles anteilig über die Standgelder finanziert. Wir fordern, dass man jetzt nicht schon zu früh alle Feste absagt, sondern den Schaustellern eine Perspektive lässt.

Zur Person: Albert Ritter ist seit 2003 Präsident des Deutschen Schaustellerbunds. Der 66-Jährige führt mit seinen Kindern in sechster Generation einen Schaustellerbetrieb. Der Essener kam 1953 sogar selbst auf einem Volksfest zur Welt,  als seine Eltern mit dem Familienbetrieb auf dem Schützenfest in Hannover gastierten.

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