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Studie "Dax 40"
02.12.2021

Dax-Konzerne spenden "nur" knapp 900 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke

Die Klimakrise ist eine Chance für Unternehmen, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Und dabei auch für sich zu werben.
Foto: Christoph Soeder, dpa (Symbolbild)

Eine neue Studie untersucht das gesellschaftliche Engagement der 40 im Dax notierten Unternehmen. Ergebnis: Da geht noch mehr.

In Bewerbungsgesprächen ist die Frage nach dem sozialen Engagement eines Kandidaten und einer Kandidatin nicht selten. Und selbstloses Tun für andere ist dabei stets ein Pluspunkt. Allerdings gilt das auch andersrum: Immer mehr Talente, sagt Michael Alberg-Seberich, Geschäftsführer von Wider Sense, fragten längst zurück: Was machen sie denn sonst noch? Was tut ihr für die Gesellschaft? Der Druck auf Unternehmen wächst aber auch von anderer Seite. Die Konsumenten und Konsumentinnen fragen nach dem Engagement, die Finanzmärkte tun es, die EU auch.

Wider Sense hilft Unternehmen dabei, gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Und laut einer neuen, unserer Redaktion vorliegenden Studie des Berliner Beratungshauses ist da noch Luft nach oben. Denn deutsche Konzerne – so das zentrale Ergebnis – „vergeben Chancen für mehr Nachhaltigkeit“.

Wie kann das gesellschaftliche Engagement der Dax40-Konzerne wirkungsvoller werden?

Untersucht haben Wider Sense und die Münchener Kolleginnen und Kollegen von goetzpartners die Dax40, also die großen börsennotierten Konzerne. Die Frage war: Wie kann deren gesellschaftliches Engagement wirkungsvoller werden?

Vor vier Jahren gab es bereits eine Untersuchung zu dem Thema. Seither aber ist zu wenig passiert, denn das zentrale Ergebnis der Erhebung lautet: „Obwohl DAX-Konzerne im vergangenen Jahr in Summe fast 900 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke gespendet haben, nutzen sie beim gesellschaftlichen Engagement bei Weitem nicht ihr Potenzial aus. Sie agieren zu wenig strategisch, setzen auf zu viele unterschiedliche Themen und berichten kaum darüber, was ihre Millionen bewirken.“ Alberg-Seberich benennt den Grund dafür: „Klimakrise, Ungleichheit, Pandemie: Bei zahlreichen der DAX40 hat in den vergangenen Jahren zwar eine Professionalisierung des Corporate Citizenship stattgefunden. Wirklich strategisch gehen das aber nur wenige Vorreiter an.“

Ein gutes Beispiel für nachhaltiges Engagement ist Renault

Ein Beispiel aus dem Ausland, wie man es gut macht, ist für Alberg-Seberich Renault. Der französische Autobauer biete in seinen Werkstätten die sogenannte „Garage solidaire“ an. Alleinerziehende Frauen können da – in den Leerstandszeiten – ihre Autos günstiger reparieren lassen. Alle finden, sagt der Unternehmensberater, dass das Sinn mache und zu einer hohen Identifikation mit dem Werkstatt-Netzwerk führe. „Alle sind da stolz drauf.“ So sei Corporate Citizenship richtig ausgerichtet, denn: „Das ist eine klassische Schnittmenge. Man sieht, dass Fokussierung und die Rückbesinnung auf das eigene Kernprodukt funktionieren.“

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Daran können sich deutsche Dax-Unternehmen orientieren. Denn laut der Studie ist der fehlende Fokus ein Problem, der das Engagement ineffizient und es schwieriger zu vermitteln macht. 90 Prozent der Unternehmen engagieren sich in drei unterschiedlichen Themen oder mehr. Zugleich wird laut Wider Sense nicht hinreichend kontrolliert, wie effektiv die Gelder eingesetzt werden. In der Studie heißt es dazu: „Es mangelt an Wirkungsmessung.“ Zu wenig Unternehmen berichten gebündelt über die gesellschaftlichen Ergebnisse ihres Engagements.

Unternehmen gaben 2020 mehr Geld und Sachspenden denn je

Luft nach oben ist auch beim Geld. Zwar gaben 2020 laut dem Consulting Unternehmen die Dax-40-Unternehmen 860 Millionen Euro in Geld und Sachspenden für gemeinnützige Zwecke, ein Großteil davon in Sachen Corona. Und es war mehr denn je. Aber: Die Dax-40 erwirtschaften jährlich auch einen Umsatz von über einer Billion Euro und haben mehrere Millionen Mitarbeitende.

Wer macht es im Dax 40 gut? Simon Kaiser, Consultant bei Wider Sense und Co-Autor der Studie, sagt: „Besonders glaubwürdig ist Unternehmensengagement, wenn es langfristig angelegt ist und ein gesellschaftliches Problem angeht, das im Kontext des Unternehmens relevant ist. Das Gesundheitsengagement von Merck und das Engagement von SAP für digitale Bildung sind solche Beispiele.“

Studienautor: Patagonia, Levy's oder Ben & Jerry's bringen sich immer mehr in öffentliche Debatten ein

Selten, so ein weiteres Ergebnis der Studie, bleibt es in Deutschland zudem, dass sich Konzerne politisch positionieren. Dazu fehle es an Mut. Aber ist das nicht illusorisch? Was hätten sie davon, außer sich angreifbar zu machen? Kaiser antwortet: „Wir sehen insbesondere in den USA, dass große Unternehmen wie Patagonia, Levy’s oder Ben & Jerry’s sich immer mehr in öffentliche Debatten einbringen. Manche tun dies aus echter und glaubwürdiger Überzeugung, andere, um sich bei bestimmten Kund*innengruppen zu positionieren. Außerdem sehen viele Unternehmen, dass Herausforderungen wie der Klimawandel auch ihre eigene Existenzgrundlage zunehmend bedrohen.“ In Deutschland werde das zunehmend auch ein Thema. Als Beispiele nennt Kaiser die Versicherer Munich RE und Allianz. Die seien selbst in ihrem Kerngeschäft massiv von der Klimakrise betroffen und würden sich daher mittlerweile auch sehr stark selbst dazu positionieren.

Als Fortschritt werten die Autoren, dass inzwischen 77 Prozent der DAX-Unternehmen über globale Spendenrichtlinien verfügen, auch weil unternehmerische Sozialverantwortung nicht zuletzt mit Blick auf die EU-Taxonomie – also einer im Werden begriffenen Verordnung der Europäischen Union für nachhaltiges Wirtschaften – immer wichtiger wird.

Welcher konkrete Nutzen zu erwarten ist

In welchem gesellschaftlichen Bereich erwartet sich Wider Sense konkreten Nutzen, wenn das soziale Engagement der Konzerne künftig zielgenauer ausgerichtet würde? Kaiser sagt: „Strategisches Corporate Citizenship entfaltet überall dort ihren Nutzen, wo Unternehmen und Gesellschaft aufeinandertreffen: also fast überall. Das reicht von einer gesünderen Umwelt bis zu gerechterem Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt. Und das wird dann schnell sehr konkret für den Alltag vieler Menschen, zum Beispiel, wenn Unternehmen mit gemeinnützigen Organisationen zusammenarbeiten, um Geflüchtete in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren oder wenn sie neue Produkte speziell für die Bedürfnisse benachteiligter Menschen entwickeln.“

Die Voraussetzungen dafür sind jedenfalls günstig. Denn der Zeitgeist könnte – zumindest vom Anspruch her – nachhaltiger kaum sein.

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