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V-Markt

16.12.2019

Supermärkte mit Platz-Problem: "Die Bürokratie setzt uns Grenzen"

Herfried Christl bestimmt als Mitglied der Geschäftsleitung über lange mit über die Geschicke von V-Markt.
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Herfried Christl bestimmt als Mitglied der Geschäftsleitung über lange mit über die Geschicke von V-Markt.
Bild: Mathias Wild

Plus Jahrzehnte hat Herfried Christl das Wachstum des Allgäuer Unternehmens Kaes und seiner V-Märkte begleitet. Was für ihn Regionalität bedeutet.

Von seinem Schreibtisch aus schweift der Blick über das weitläufige Betriebsgelände des Unternehmens Georg Jos. Kaes im Ostallgäuer Mauerstetten, wo die Lastwagen im Minutentakt abfahren, um V-Märkte in der ganzen Region zu beliefern. Dass es im Handelsunternehmen funktioniert wie ein Uhrwerk, liegt auch an Herfried Christl, 67. Nun geht er, Prokurist und Mitglied der Geschäftsleitung, in Rente. Vom geschäftsführenden Gesellschafter Horst Hermann wird Christl als einer der letzten Generalisten in der Branche gelobt – einer, der Waren kalkulieren und den Neubau ganzer Märkte planen kann. Ein Gespräch über den Wandel im Handel.

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Wie erledigt eigentlich ein Profi wie Sie seine Weihnachtseinkäufe?

Herfried Christl: Eigentlich wie jeder andere Kunde auch. Am liebsten zusammen mit meiner Frau. Ich versuche aber jeglichen Stress zu vermeiden. Mein Tipp vor den Feiertagen: frühmorgens und rechtzeitig einkaufen. Natürlich kann ich meine Vergangenheit nicht ablegen. Ich schaue schon auch auf die Preise und wie die Waren präsentiert werden. Aber das werde ich mir noch abgewöhnen.

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Mit welchen Gefühlen sagen Sie nach fast 40 Jahren dem Handel Lebewohl?

Christl: Mit einem guten, was die Firma Kaes betrifft. Das Unternehmen ist in einem turbulenten Geschäftsfeld gut aufgestellt. Als Familienunternehmen gibt es kurze Entscheidungswege, eine enge Bindung zu Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern, eine große regionale Verwurzelung und einen grundsoliden wirtschaftlichen Unterbau. Die Kunden schätzen Regionalität. Das zeigt sich aber nicht nur an den Produkten unserer Hersteller. Als großer Arbeitgeber, Bauherr und einer der größten Ausbilder in Schwaben wenden wir jeden Monat viele Millionen Euro für Steuern und Personal auf – Geld, das in der Region bleibt und dort investiert wird.

Was war Ihre wichtigste Eigenschaft in den vergangenen vier Jahrzehnten?

Christl: Geschäftsführer Horst Hermann hat mal zu mir gesagt, ich sei stur wie sein Vater Helmut Hermann. Der Seniorchef hatte 1967 den Kunden in der Region erstmals die Selbstbedienung auf großer Fläche ermöglicht. Damals eröffnete in Kaufbeuren der erste Verbrauchermarkt mit einer für damalige Verhältnisse gigantischen Einkaufswelt aus 10.000 verschiedenen Artikeln auf 2000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Es gab reduzierte Preise, und die Kunden konnten nach dem Einkauf noch günstig Benzin tanken. Das war zwar vor meiner Zeit. Die Charakterisierung durch Horst Hermann habe ich dann aber umso mehr als Kompliment aufgefasst. Man könnte es auch mit Durchsetzungsvermögen beschreiben.

Welche Höhen und Tiefen haben Sie erlebt?

Christl: Mit extremen Ausschlägen kann ich nicht dienen. Es ging für uns stetig voran, es gab immer Wachstum.

Wie groß war die Firma Kaes bei Ihrem Einstieg?

Christl: Es gab 1980 sechs V-Märkte – in Kaufbeuren, Marktoberdorf, Füssen, Hirschzell (der damaligen Zentrale, die Red.), Mindelheim und im oberbayerischen Schongau. Heute betreibt das Unternehmen 50 Verbraucher- und Baumärkte sowie Modemärkte und Tankstellen in Schwaben und Oberbayern. Die Logistik wird zum größten Teil über die Firmenzentrale in Mauerstetten abgewickelt, in die wir gerade mehr als 20 Millionen Euro für neue Kühlhallen und zusätzliche Lagerflächen investiert haben, um die Waren noch frischer in die Märkte liefern zu können.

Wie genau haben sich die Verbrauchermärkte in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Christl: Die Märkte sind nicht mehr nur Mittel zur Nahversorgung mit guten Angeboten zu günstigen Preisen. Sie wollen Treffpunkt sein, wo der Kunde beim Bäcker seinen Kaffee trinken kann oder auch mal ein Marktfest für die ganze Familie stattfindet. Frauenpower-Abende im Baumarkt sind bei uns heute regelmäßig ausgebucht.

Was setzt dem Unternehmen denn heute am meisten zu? Discounter?

Christl: Die sicher nicht. Allgemein muss man zwar sagen, dass es eine Kannbalisierung auf dem Lebensmittelmarkt gibt, aber am Ende sagt uns der Kunde, was er wünscht. Darauf reagieren wir. Wir können unseren Kunden von der Discounter- bis zur Markenware eine Vielfalt von einer halben Million Produkten – vom täglichen Bedarf bis zur kompletten Küche – präsentieren. Dazu bieten wir innerhalb unserer Warengruppen mehrere Preisalternativen, die auch Internetangeboten standhalten. Gleichzeitig dürfen die Kunden bei uns Beratung von Fachpersonal erwarten.

Inwieweit bremsen baurechtliche Auflagen Sie bei der Planung neuer, großer Märkte?

Christl: Die Bürokratie setzt uns in der Tat mittlerweile Grenzen beim Wachstum. Aber auch planungsrechtliche Vorgaben. Jeder Discounter darf heute bis maximal 1200 Quadratmeter problemlos neu bauen. Diese Fläche reicht für ein stark begrenztes Sortiment dieser Anbieter völlig aus. Für einen V-Markt ist deutlich mehr Fläche nötig, die nicht ohne Weiteres genehmigt wird. An dem Verfahren für einen neuen V-Markt sind 29 öffentliche Stellen beteiligt, bis hin zum Gesundheitsamt. Diese Form der staatlichen Steuerung ist angesichts der ohnehin raren Flächen nicht mehr nachvollziehbar.

Warum setzen Sie nicht einfach mehr auf das Online-Geschäft als auf stationären Handel?

Christl: Wir beobachten den Internethandel sehr genau, experimentieren auch. Unsere Erfahrung ist aber, dass es derzeit keine ausreichende Nachfrage im Bereich Lebensmittel gibt, um diesen Vertriebsweg wirtschaftlich anbieten zu können. Über das Internet bestellen, vorfahren, abholen – das haben wir beispielsweise im V-Markt München angeboten. Aber selbst dort war die Nachfrage nicht ausreichend. Was die Firma Kaes nun testet, ist ein Lieferdienst und eine Einkaufsplaner-App als Alternative zur klassischen Einkaufsliste.

Das Internet wird den Handel in den Verbrauchermärkten also nicht revolutionieren?

Christl: Generell sind wir immer gut mit einer Prämisse gefahren: Wir beobachten den Markt sehr genau und probieren auch aus, was den Kunden ansprechen könnte, laufen aber nicht jedem kurzfristigen Trend hinterher. Ich vermute, diese Sichtweise wird bei der Firma Kaes Bestand haben.

Das Unternehmen

Georg Jos. Kaes mit Stammsitz in Mauerstetten (Ostallgäu) betreibt in Schwaben und Oberbayern 38 V-Märkte (Verbrauchermärkte), zwölf Baumärkte, 32 Tankstellen, elf Autowaschanlagen, fünf Modemärkte und einen Abholgroßmarkt. Der Familienbetrieb mit mehreren Gesellschaften beschäftigt eigenen Angaben zufolge 2500 Mitarbeiter und 500 Auszubildende, die in zehn Berufen ausgebildet werden. Das Unternehmen setzte im vergangenen Jahr 800 Millionen Euro um. Alles begann in Kaufbeuren: 1865 eröffnete Firmengründer Joseph Kaes mit seiner Frau Babette eine „Spezerei- und Landesproduktenhandlung“. Gehandelt wurde mit Zucker, Tabak, Hülsenfrüchten und Zichorie. Heute führt mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Horst Hermann die fünfte Familiengeneration das Unternehmen.

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