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Roboterbauer

16.12.2018

Weitere Abgänge stehen fest: Warum geht die halbe Kuka-Spitze?

Bernd Liepert arbeitet schon eine gefühlte Ewigkeit für Kuka – mit Höhen und Tiefen. Ende Januar verlässt der bisherige Innovationschef den Roboterbauer.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Bernd Liepert ist ein Roboter-Mann durch und durch. Trotzdem ist seine Zeit bei Kuka abgelaufen. Fast eine Kitsch-Geschichte - aber ohne Happy End.

Die Geschichte von Bernd Liepert und Kuka ist fast ein bisschen kitschig. Der 57-Jährige ist kein Nadelstreifen-Manager, sondern eher der Typ Tüftler. Er entwickelt die erste Roboter-Steuerung via Computer und schafft es bis an die Konzernspitze. Er wird degradiert, gefeuert und wieder eingestellt. Dann erlebt „Mister Robotic“, wie er von den Kukanern genannt wird, die erstaunliche Wiedergeburt des Augsburger Traditionsunternehmens. Es sind glückliche Jahre. Nur ein Happy End wird es in dieser Geschichte nicht geben. Das letzte Kapitel schließt sich am 31. Januar.

Gleich vier Kuka-Manager hören im Januar auf

Nur drei Wochen, nachdem Kuka überraschend die Trennung von Vorstandschef Till Reuter bekannt gegeben hat, steht fest: Gleich vier weitere Spitzenmanager verlassen das Unternehmen. Einer von ihnen ist Bernd Liepert, der zuletzt als Innovationschef für den Roboterbauer tätig war. Die brisante Nachricht verbreitet sich über eine schmucklose Hausmitteilung im Kuka-Intranet. Da ist von neuen beruflichen Herausforderungen die Rede. Was man eben so schreibt, wenn sich die Wege trennen. Aber was steckt in Wahrheit dahinter? Kann das wirklich Zufall sein – so kurz nach Reuters Abgang, den man nicht ruhigen Gewissens als freiwillig beschreiben kann? Und welches Spiel spielen die Chinesen?

Auch in der aktuellen Folge unseres Podcasts "Bayern-Versteher" geht es um Kuka. Chefkorrespondent Stefan Stahl, der das Unternehmen bereits seit vielen Jahren intensiv beobachtet, analysiert gemeinsam mit Michael Stifter, Leiter des Ressorts Politik und Wirtschaft, die Lage beim Augsburger Roboterbauers. Hier können Sie reinhören:

 

Nach außen hin gibt sich der Konzern schweigsam. Zwar bestätigt Kuka die Recherchen unserer Redaktion, dass neben Liepert auch Personalchefin Silvia Buchinger, Chefstratege Stefan Müller und Christian Tarragona, verantwortlich für Forschung und Entwicklung, Mitte beziehungsweise Ende Januar gehen werden. Darüber hinaus: kein Wort, keine Erklärung, auch nicht über mögliche Nachfolger oder die Rolle der chinesischen Besitzer beim Austausch von so großen Teilen der Konzernspitze. Selbst vom Betriebsrat ist an diesem Tag keine Stellungnahme zu bekommen. Was bleibt, ist also ein idealer Nährboden für Gerüchte.

Die Chinesen haben die Geduld verloren

Aber erst mal zu den Fakten: Klar ist, dass der Midea-Konzern, dem Kuka zu rund 95 Prozent gehört, die Geduld mit der Führung in Augsburg verloren hat. Nach erfolgreichen Jahren unter Reuter, der das Unternehmen aus den roten Zahlen geführt und wieder profitabel gemacht hatte, geht zunächst fast unbemerkt der Schwung verloren. Als Kuka dann die Gewinnerwartungen nicht mehr erfüllen kann, ziehen die Chinesen personelle Konsequenzen. Man sei gegenüber den Wettbewerbern zurückgefallen, sagt Andy Gu, der die Interessen von Midea als Kuka-Aufsichtsratschef vertritt, nach der Trennung von Reuter. Was er meint: Die Konkurrenz war zuletzt innovativer als die Augsburger.

Das bemängelte kürzlich auch der frühere Kuka-Chef Manfred Gundel im Interview mit unserer Redaktion: „Der 2015 präsentierte kleine Roboter Agilus war die letzte wirklich in den Markt eingeführte Innovation. Wettbewerber haben seitdem reihenweise Innovationen auf den Markt gebracht und gewaltig an Marktanteilen gewonnen.“ Reuters Nachfolger auf dem Kuka-Chefsessel, Peter Mohnen, spricht ebenfalls immer wieder von der „Innovationsgeschwindigkeit“, die verbessert werden müsse. Und da scheint sich der Kreis zu schließen: Verantwortlich für Trends und neue Produkte war in den vergangenen Jahren schließlich Bernd Liepert, dessen Zeit als Kukaner nun ebenfalls zu Ende geht. So weit, so logisch. Doch man kann die Geschichte auch anders erzählen.

Will Midea das Ende der Ära Reuter dokumentieren?

Liepert ist ein Quereinsteiger. Er hat als Diplom-Mathematiker und Ingenieur angefangen und wurde doch ein Roboter-Mann durch und durch. Und er ist ein Kind der Region. Er kommt aus Meitingen im Kreis Augsburg und lebt bis heute dort. Dass der Manager, der auch Präsident der europäischen Roboter-Vereinigung ist, nach einer kurzen Unterbrechung Anfang 2010 zu Kuka zurückkehrte, hat er vor allem Reuter zu verdanken. Muss er nun also gehen, weil die Chinesen in ihm einen Vertrauten des geschassten Ex-Bosses sehen? Soll das Ende der Ära Reuter auch durch einen Austausch führender Köpfe dokumentiert werden? Darüber spekulieren zumindest die Beschäftigten, seit die kurze Hausmitteilung im Intranet ihre Hoffnungen auf ruhigere Zeiten enttäuscht hat.

Liepert wurde gefeuert, Reuter holte ihn zurück

Rückblende: Schon Lieperts erste Zeit bei Kuka endet unschön. Im Jahr 2009 wird ihm gekündigt. Es geht um Verstöße gegen „interne Richtlinien“ und den Vorwurf, Mitarbeiter beschäftigt zu haben, ohne für sie Sozialabgaben bezahlt zu haben. Stichwort Scheinselbstständigkeit. Liepert fühlt sich ungerecht behandelt und klagt. „Die Gründe, die zur Entlassung geführt hatten, erwiesen sich als nicht belastbar“, sagt Reuter, als er ihn ein Jahr später zurückholt. Der verlorene Sohn wird von den Kukanern mit Applaus begrüßt. Und selbst als er 2012 wegen der nicht bezahlten Sozialversicherungsbeiträge tatsächlich einen Strafbefehl und sechs Monate auf Bewährung kassiert, hält die Kuka-Spitze an ihm fest. Das Unternehmen muss wegen „organisatorischen Verschuldens“ 300.000 Euro zahlen, doch Liepert darf trotz seines Fehlers bleiben. Dieses Mal liegen die Dinge anders. Dieses Mal gibt es wohl kein Zurück mehr für den Mann, den sie „Mister Robotic“ nannten.

Wie stark sind die Unternehmen in der Region? Unser Schwaben-Check gibt die Antwort: zum Artikel.

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Die Diskussion ist geschlossen.

17.12.2018

Die jüngsten Ereignisse scheinen jedenfalls grundsätzliche Bedenken bei der Übernahme von Firmen in sensiblen Bereichen nicht zu verringern.
Ist ein chinesischer Investor ein ganz normales Unternehmen, das sich im globalen Wettbewerb so verhält wie beispielsweise viele italienische, französische oder amerikanische Unternehmen?
Oder ist es Instrument eines staatskapitalistischen Systems, das eine wirtschaftliche Vormachtstellung anstrebt?
Die Antwort entscheidet über die Perspektive auf aktuelle Entwicklungen.

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16.12.2018

Teile der Firmenspitze werden doch nicht ausgetauscht, weil diese Personen sol toll waren, so heimatverbunden, etc. die gehen, weil offenbar die strategische Ausrichtung samt der in Rasanzs notwendigen Innovation, nicht mehr passte.
Diese stinknormalen Mechanismen im globalisierten Wettbewerb des ungebändigten Kapitalismus gelten mit und ohne chinesische Investoren.
Politik- und Wirtschaftsredakteure - auch der Augburger Allgemeine - wissen das bestimmt; es nutzt niemanden, Augenwischerei wegen Lokalkolorit zu betreiben. Derartiges zu unterbinden ist eine Frage des weltweiten Wirtschaftssystems, das auf Wachstum, permanente Weiterentwicklung ohne Rücksicht auf Mensch und Natur undsystematische Ausbeutung (in unterschiedlichen Graden), wiederum von Mensch und Natur basiert.
Und nur weil es vor Ort passiert, wird das ansonsten bejubelte System des "freien Wirtschaftens" ein kleinwenig in Frage gestellt.

Kuka wird sich wieder auf seine Spitzenposition zurückkämpfen; die Innovationskraft ist hier angesiedelt und nicht am Gelben Fluss.

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