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Digitalisierung

21.11.2019

Wie das Handwerk von der Industrie lernt

Datenbrille wie die Microsoft HoloLens werden in der Industrie bereits eingesetzt. In Zukunft dürfte es ähnliche Anwendungen für das Handwerk geben. 
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Datenbrille wie die Microsoft HoloLens werden in der Industrie bereits eingesetzt. In Zukunft dürfte es ähnliche Anwendungen für das Handwerk geben. 
Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Die Handwerkskammer Schwaben erforscht, wie die Digitalisierung sich von der Industrie aufs Handwerk übertragen lässt.

Herr Kailing, den Kalender auf dem Handy führen oder mit dem Tablet zum Kunden fahren gehört längst zum Alltag eines Handwerkers. Was ist das Neue an der Digitalisierung?

Alfred Kailing: Unsere Grundidee war, dass wir die Technologien, die sich in der Industrie 4.0 abzeichnen, für das Handwerk nutzbar zu machen. Der Kern des Ganzen ist, dass Prozesse komplett digitalisiert werden. Die Daten, die man so gewinnt, werden dann genutzt, um diese Prozesse zu optimieren. Das geschieht unter Einsatz ganz verschiedener Technologien wie etwa Augmented Reality oder Internet der Dinge.

Im Internet der Dinge kommunizieren Geräte oder Sensoren direkt miteinander. Aber was ist Augmented Reality und wie nutzt sie Handwerkern?

Kailing: Das sind Systeme, bei denen man über eine Brille oder ein Display zusätzliche digitale Informationen in sein Sichtfeld eingespielt bekommt, um etwa komplexe Aufgaben besser lösen zu können. Die Industrie sagt, sie kann mit all diesen Technologien ihre Prozesse und Produkte flexibler und individueller machen. Aber das ist genau das, was die Stärke des Handwerks ausmacht: Es ist stark auf den Kunden ausgerichtet, flexibel und individuell. Da lag es nahe, zu prüfen, welche Technologien aus der Industrie 4.0 für das Handwerk nutzbar sind.

Und welche sind das?

Kailing: Wir haben einen Modellprozess für eine Dienstleistung ausgewählt und versucht abzubilden, wie die gesamte Prozesskette von der Auftragsannahme zur Abwicklung und Abrechnung möglichst komplett digital abläuft, mit Unterstützung der erwähnten Technologien. Der komplette digitale Prozessablauf ist der große Unterschied zu Bausteinen wie digitaler Terminverwaltung, die heute bei modernen Betrieben längst Standard sind.

Wie sieht das dann konkret aus?

Kailing: Wir haben einen Betrieb aus der Heizungsbranche betrachtet. Alles beginnt mit einem sogenannten ERP-System, einer Software, mit der alle Aufträge von Anfang bis Ende verwaltet werden. Beim Kunden setzen wir dann Technologien ein, die den Techniker bei der Auftragsabwicklung vor Ort unterstützen. Zum Beispiel ein Augmented-Reality-System, das mit einer Künstlichen Intelligenz verknüpft ist. Bei technischen Fragen kann der Techniker sich Videos in sein Sichtfeld einblenden lassen oder bei Bedarf direkt Experten aus seinem Betrieb oder aus der Herstellerfirma zuschalten, um offene Fragen zu klären. Die sehen dann, was der Handwerker sieht und können ihm über das Display Informationen einspielen. In unserem Modell haben wir zudem einen Laserscanner und einen 3D-Drucker integriert, mithilfe derer einfache Ersatzteile direkt vor Ort gefertigt werden können. Alle Systeme sind in einem Servicecontainer verstaut, der in einen Kleintransporter passt. Wenn der Techniker fertig ist, schließt er den Auftrag mittels Handy vor Ort ab, die Daten gehen in das ERP-System und die Rechnungsstellung erfolgt sofort digital.

Wie groß ist denn die Bereitschaft der Betriebe diesen Weg mitzugehen?

Kailing: Was wir spüren, ist, dass vor allem bei den jungen Handwerkern große Bereitschaft da ist, sich mit diesen modernen Technologien auseinanderzusetzen. Die gehen jeden Tag mit digitalen Technologien um. Das Zukunftsbild im Handwerk wird sich stark wandeln in Richtung digitale Technologien. Da ist es auch unsere Aufgabe, Hürden und Befürchtungen vor Überforderung oder Sicherheitsbedenken ernst zu nehmen und zu beachten.

Gibt es Gewerbe, bei denen die Digitalisierung besonderes Potenzial hat?

Kailing: Am Bau sind sicher hohe Effizienzgewinne möglich. Wenn man den ganzen Bauablauf über eine digitale Plattform steuert, die ganze Logistik und die ganze Abrechnung darüber macht, ergibt das ein Riesenpotenzial – auch weil es da immer wieder Termin- und Ressourcenkonflikte gibt. Auch im Bereich der Metallverarbeitung, bei Zulieferern, ist Potenzial da. Wenn sie sich nicht digitalisieren, um in die digitalen Prozessketten der Industrie zu passen, fallen sie einfach hinten runter

Veranstaltung Bei einem Technologietag informiert die Handwerkskammer am heutigen Freitag von 11 bis 14 Uhr über Vorteile und Nutzen unterschiedlicher digitaler Werkzeuge. Infos: https://www.handwerk-digital.org

Alfred Kailing, stellv. Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Schwaben, verantwortet das Projekt „Handwerk Digital“

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