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Diesel-Affäre

02.08.2017

Wie viel Stickoxid ist wirklich gefährlich?

Diesel-Autos stoßen Stickoxide aus. Die Grenzwerte seien aber überzogen, sagen Kritiker.
Bild: Marijan Murat, dpa

Der Diesel steckt in der Krise, weil an Straßen Grenzwerte überschritten werden. Doch am Arbeitsplatz sind höhere Belastungen erlaubt. Kritiker hinterfragen deshalb Grenzwerte.

Dass die Autoindustrie bei vielen Diesel-Modellen die Stickoxid-Grenzwerte auf der Straße nicht einhält, ist unstrittig. Auch, dass teils illegale Software aufgespielt wurde, um die Werte zu schönen – Beispiel VW. An einigen Straßen in deutschen Großstädten werden nun die Stickoxid-Grenzwerte überschritten. Doch wie sinnvoll sind diese Grenzwerte überhaupt, die derzeit die Autoindustrie derart in Bedrängnis bringen? Darüber ist eine Debatte entbrannt.

Stickoxid-Grenzwerte am Arbeitsplatz 23-mal so hoch wie im Verkehr

Ein Stein des Anstoßes ist, dass der Grenzwert für die Stickoxid-Belastung am Arbeitsplatz um ein Vielfaches höher liegt. Hier ist deutlich mehr Schadstoff in der Luft erlaubt als an viel befahrenen Kreuzungen deutscher Großstädte. Der Grenzwert für Stickoxide in der Außenluft liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Am Arbeitsplatz ist er deutlich höher – für Stickstoffdioxid liegt er bei 950 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das ist mehr als das 23-Fache. Jetzt sollte man meinen, dass auch Arbeitnehmer gut geschützt sein sollten. Wie ist also der Unterschied zu erklären?

Die Richtigkeit der Grenzwerte bestätigt Dr. Simone Peters vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA). Die höheren Grenzwerte am Arbeitsplatz seien aber für einen begrenzten Zeitraum ausgelegt – für eine Arbeitszeit von acht Stunden, eine Fünf-Tage-Woche und eine Lebensarbeitszeit von 40 Jahren. Zudem, erklärt die Expertin, geht man davon aus, dass es sich an den Arbeitsplätzen um gesunde Erwachsene handelt, die eine zeitweise höhere Belastung normalerweise ohne gesundheitliche Schäden verkraften können. „Grenzwerte für die Außenluft der Städte müssen aber für eine 24-Stunden-Belastung gelten, die ein Leben lang anhält“, sagt Peters.

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Es kann ja sein, dass jemand an einer stark befahrenen Kreuzung wohnt. Zudem müssten sich die Grenzwerte für Säuglinge eignen, für ältere Personen und solche, die Vorerkrankungen wie zum Beispiel Asthma haben. Der Grenzwert von 40 Mikrogramm ist zudem ein Jahresdurchschnittswert. An 18 Tagen im Jahr erlaubt der Gesetzgeber, dass an den Straßen in einer Stunde der Wert von 200 Mikrogramm überschritten wird.

An diesen Arbeitsplätzen ist die Stickoxid-Belastung besonders hoch

Eine Belastung von 950 Mikrogramm Stickstoffdioxid sei zudem nicht an einem typischen Büroarbeitsplatz zu erwarten, sagt Peters. Derart hohe Belastungen treten meist auf, wo Verbrennungsprozesse mit hohen Temperaturen stattfinden. Zum Beispiel bei der Herstellung von Glasflaschen, Schweißarbeiten oder dort, wo dieselbetriebene Baumaschinen zum Einsatz kommen – also überall, wo bei Temperaturen ab circa 1300 Grad Celsius der Stickstoff und der Sauerstoff aus der Luft reagieren und Stickoxide bilden können. Bleibt die Frage, wie schädlich Stickoxide denn sind?

Es gibt Kurzzeit- und Langzeitfolgen, berichtet Dr. Alexandra Schneider, Arbeitsgruppenleiterin am Institut für Epidemiologie II des Helmholtz Zentrums in München. Bei einem kurzzeitigen Kontakt mit erhöhten Stickstoffdioxid-Mengen stellten Studien einen Zusammenhang mit der Schädigung der Atemwege, mehr Krankenhauseinweisungen und erhöhter Sterblichkeit fest, sagte sie unserer Zeitung.

Zu den Folgen der langfristigen Belastung zählten Lungenerkrankungen, Diabetes, ein höheres Risiko für Schlaganfälle und ebenfalls eine erhöhte Sterblichkeit. Stickoxide seien schlecht für Allergiker, Asthmatiker, Bronchitiker und Menschen mit der Lungenkrankheit COPD. „Bei Kindern besteht der Verdacht, dass erhöhte Stickstoffdioxid-Konzentrationen das Wachstum der Lunge einschränken“, sagt die Expertin.

Das heißt nicht, dass es für einen gesunden Radfahrer sofort gefährlich wird, wenn er die Augsburger Innenstadt durchquert. „Man darf es sich nicht so vorstellen, dass ein Gesunder bei einer erhöhten Belastung sofort tot umfällt“, sagt Schneider plakativ. Etwas anderes ist es, wenn Menschen bereits anfällig sind: „Wer zum Beispiel durch einen Herzinfarkt vorgeschädigt ist, der hat das Risiko, dass die Stickoxid-Belastung sein Leben weiter verkürzt.“ Welche Belastung ist aber wirklich gefährlich? Focus und Münchner Merkur zitieren eine Untersuchung des „Health Effects Institute“ in Boston, wonach bei Ratten angeblich erst ab einer Belastung von rund 8000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft Reizungen der Atemwege auftraten.

Kritik an Stickoxid-Grenzwerten

Kritiker sagen, dass die EU den heutigen Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) übernommen hat. Er gehe zurück auf frühere Messungen in mehreren Städten, wie sich die Schadstoffbelastung aus dem Verkehr auf die Gesundheit der Anwohner an den Straßen auswirkt. Ob die Leute aber wirklich durch Stickoxide oder durch andere Stoffe krank wurden, sei gar nicht zu klären – etwa durch Feinstaub oder den Reifenabrieb. Soweit die Kritik.

Tatsächlich ist alles, was aus dem Verkehr kommt, ein Schadstoffmix, sagt die Epidemiologin. „Stickoxide galten deshalb lange Zeit als gut messbarer Marker – also als Hinweis – für die Belastung mit Schadstoffen aus dem Verkehr generell.“ Dieses Thema wurde auch im Abgas-Untersuchungsausschuss des Bundestags erkannt und diskutiert.

Mit neuen Methoden der Statistik lasse sich heute aber der Einfluss des Stickstoffdioxids auf die Gesundheit bestimmen, berichtet Schneider. „Neue Studien zeigen, dass Stickstoffdioxid einen eigenen Effekt hat.“ Kurz gesagt: Es belastet die Gesundheit. Die Grenzwerte könnten sogar eher zu locker als zu streng sein: In der WHO werde ihres Wissens bereits diskutiert, den Grenzwert auf 20 Mikrogramm pro Kubikmeter zu senken.

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