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Interview

12.03.2019

Wirtschaftspolitik: „Da sprechen Neandertaler über die Welt von morgen“

Der ehemalige Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger fordert eine bessere Förderung des deutschen Mittelstands.
Bild: Wolfgang Maria Weber 

Im Land fehlen innovative Unternehmen. Der frühere Telekom-Manager Thomas Sattelberger kritisiert die Wirtschaftspolitik von CDU-Minister Altmaier und der SPD.

Herr Sattelberger, Ihre Karriere ist eine Geschichte des Wandels. Vom maoistischen Aktivisten zum erfolgreichen Personalmanager bei mehreren Dax-Konzernen. Wie kam es dazu?

Thomas Sattelberger: Ich war 1966/67 als Austauschschüler in den USA, da drehte sich alles um Flower Power und den Protest gegen den Vietnam-Krieg. Nach meiner Rückkehr hat mich in Stuttgart Edeltraud Fischer, die damalige Frau von Joschka Fischer, mit zu Demonstrationen gegen die NPD genommen. Damals habe ich gelernt Reden zu halten, Aktionen zu planen, Menschen zu gewinnen. Dann bin ich auf den Irrweg in die maoistische Szene geraten. Es war Joschka Fischer, der mir den Kopf gewaschen und klargemacht hat, wie menschenverachtend diese Ideologie ist. Nach zwei Studienabbrüchen habe ich ein duales Studium beim Daimler angefangen. In Daimlers damaliger Bildungsabteilung verdiente ich mein erstes Geld. Dort herrschte damals eine unglaubliche Bereitschaft, neue Modelle für Arbeitswelt und Weiterbildung auszuprobieren. Diese Innovationsfreude brauchen wir heute wieder. Im gesamten Land.

Wenn Deutschland eine Firma wäre, wie würde die dann aktuell dastehen?

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Sattelberger: Ein Unternehmen, das so viele Schulden hat und gleichzeitig so wenig neue Geschäftsmodelle und -ideen wie unsere Republik, das bräuchte dringend einen ehrlichen Kassensturz. Und dann käme es zur Erkenntnis, dass es eine gründliche Entschlackungskur braucht.

Wie kommen Sie zu dieser heftigen Diagnose?

Sattelberger: Da brauchen wir uns doch nur einige der großen Ziele anzusehen. Wir müssen bei unseren Bildungsausgaben von 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zumindest auf den OECD-Durchschnitt von 5,2 Prozent kommen. Wir wollen 3,5 Prozent für Forschung und Innovation ausgeben und zwei Prozent für die Verteidigung. In jedem dieser Zukunftsfelder fehlen viele Milliarden, um die selbst gesteckten und zugesagten Ziele zu erreichen. Bei der Bildung allein sind’s rund 30 Milliarden. Gleichzeitig sind die Ausgaben für Sozialtransfer-Leistungen so hoch wie nie zuvor, obwohl die Wirtschaft seit langem brummt. Da stimmt etwas nicht. In Deutschland herrscht ein eklatantes Missverhältnis zwischen Ausgaben für die Gegenwart und dringend nötigen Investitionen in die Zukunft.

Was müsste Ihrer Ansicht nach getan werden, um Deutschland besser auf die Zukunft vorzubereiten?

Sattelberger: Drei Antworten. Deutschland muss erstens mehr in die Fähigkeiten der Menschen investieren, so wie es heute nicht nur in China und Teilen der USA geschieht, sondern auch in der Schweiz oder in Schweden. Bildung ist der Schlüssel für unseren Erfolg, zumal wenn wir bei Bildung nicht nur an Schule denken, sondern bis hin zur beruflichen Weiterbildung

Und zweitens?

Sattelberger: In Skandinavien herrscht eine menschenfreundlichere Arbeitskultur, die gleichzeitig Hochleistung und Innovation hervorbringt. Die Menschen arbeiten dort in einem deutlich hierarchieärmeren Umfeld, ohne sich selbst auszubeuten: Flexible Arbeitszeiten, Home Office, Wertschätzung von Individualität. In Deutschland ist Führung vergleichsweise autoritär und die Arbeitswelt unbalancierter. Und zum Dritten: Wir sind gut darin, Dinge stetig zu verbessern – vor allem, wenn es um Effizienz und Prozesse geht. Doch uns fehlt die Fähigkeit zu größeren Innovationen– und das ist ein Problem.

Warum? Deutsche Firmen sind doch in vielen Bereichen international vorn...

Sattelberger: Mitten im Rückgrat der deutschen Wirtschaft, dem Mittelstand, hat sich die Zahl der forschenden Unternehmen fast halbiert, Produkt-Innovationen ebenfalls. Die Zahl der High-Tech-Gründungen ist auf einen historischen Tiefstand gefallen. 86 Prozent unserer Hidden Champions sind älter als 50 Jahre. All das bedeutet: der Kreislauf von Geburt, Wachstum, Spitzenplatz und Abstieg von Unternehmen ist hierzulande gestört. Firmen werden älter, manche verschwinden. Aber es kommen keine neuen nach.

Woran liegt das?

Sattelberger: Eine der Hauptursachen ist die gewaltige Expertenlücke. Es sind ja die Menschen, die Innovation hervorbringen. Unserer Wirtschaft fehlen jetzt schon 120000 Ingenieure und Informatiker sowie 220000 Meister, Techniker, Facharbeiter. Tendenz kräftig steigend!

Wie lässt sich diese Lücke schließen?

Sattelberger: Es wird nicht ohne deutlich mehr qualifizierte Zuwanderung gehen. Genau so wichtig ist, den Talentpool hierzulande durch bessere Bildung kräftig zu verbreitern. Das fängt übrigens bei der Lehrerausbildung an. Gerade viele junge Lehrer haben heute Angst vor schwierigen pädagogischen Situationen, weil sie darauf völlig unzureichend vorbereitet sind. Die Praxis kommt bislang viel zu kurz. Da brauchen wir ein echtes duales Lehramtsstudium, in dem sich Theorie- und Praxisphasen abwechseln. Und die Lehrpläne müssen sich auch ändern.

Wie?

Sattelberger: Es geht bisher viel zu sehr um das Pauken von Fakten. Kinder sollten auch lernen zu experimentieren, auszuprobieren, ihrer Neugier freien Lauf zu lassen. Wir müssen mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Fähigkeiten künftig viel attraktiver vermitteln, auch für Mädchen. Programmieren gehört heute zu den Schlüsselqualifikationen, doch in den Schulen spielt das noch nicht die angemessene Rolle. Und nicht nur Schüler müssen experimentieren dürfen, sondern auch Schulen selbst. Sie sollten sich von starren Stoffvorgaben lösen können, aber auch Freiheiten bei der Lehrerauswahl erhalten – bis hin zum Umgang mit dem Schulbudget.

Deutschland ist sehr stolz auf sein duales System der Berufsbildung. Zu recht?

Sattelberger: Leider nicht. Die Berufsschulen sind das Stiefkind der Bildungspolitik. Schlecht ausgestattet, von Lehrermangel und sozialen Problemen besonders betroffen. Dabei bräuchte es gerade dort die besten Pädagogen und die modernsten Ausbildungsanlagen.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek von der CDU will die Berufsausbildung attraktiver machen, auch mit neuen Titeln wie „Berufsbachelor“ oder „Berufsmaster“. Was halten Sie von ihren Plänen?

Sattelberger: Was die Anja Karliczek hier veranstaltet, ist ein einziges Trauerspiel. Ich habe zu denen gehört, die ihr als Quereinsteigerin gewisse Vorschusslorbeeren und eine Phase der Einarbeitung zugestanden haben. Doch sie hat keinen Plan für die Zukunft beruflicher Bildung. Wenn sie glaubt, mit der kosmetischen Umbenennung der Abschlussbezeichnungen sei irgendetwas erreicht, täuscht sie sich gewaltig. Es geht um bessere Lernbedingungen, bessere Ausstattung und zukunftsfähige Inhalte, nicht um wohlklingende Titel.

Viele fürchten, dass Digitalisierung und Globalisierung Arbeitsplätze vernichten werden. Wie lautet Ihre Prognose?

Sattelberger: In den kommenden zehn Jahren geht uns die Arbeit sicher nicht aus, ganz im Gegenteil. Wir brauchen dringend viel mehr Fachleute, um den digitalen Wandel zu bewältigen. Aber es wird künftig kräftige Verschiebungen geben. Millionen Menschen werden Neues dazulernen oder umschulen müssen. Ja, es werden auch Jobs wegfallen, Menschen durch Roboter oder Algorithmen ersetzt werden. Aber: Es werden auch viele neue entstehen. Zum Beispiel in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, abgekürzt MINT. Auch Bildungs- und Gesundheitsberufe werden eine weiter wachsende Rolle spielen, ebenso alles, was mit Kreativität, Kunst oder auch intelligentem Management zu tun hat. Und die Hochtechnologie wird in ihrer Bedeutung weiter wachsen – wenn Deutschland denn bei den Innovationen nicht den Anschluss verliert.

Um das zu verhindern, will die Große Koalition eine Agentur für Sprunginnovationen gründen. Was ist davon zu erwarten?

Sattelberger: Grundsätzlich ist so eine Agentur dringend nötig. Vorbild ist die amerikanische Innovationsagentur Darpa, die gegründet wurde, nachdem die Russen 1957 den Sputnik-Satelliten ins All schickten. Der Sputnik-Schock! Die USA befürchteten damals, den Wettlauf ins All zu verlieren. Heute fördern sie mit jährlich 2,5 Milliarden Dollar innovative Projekte aller Art. Auf die Darpa geht unter anderem die Erfindung des Internets zurück. Leider gleicht das von der Bundesregierung geplante deutsche Gegenstück noch einem Pappkameraden. Mit einer Milliarde Euro für zehn Jahre ist die finanzielle Ausstattung mehr als dürftig. Es ist noch kein Standort gefunden, es gibt kein Programm, und es ist unklar, welche Personen die Agentur leiten und kontrollieren sollen. Auf diese Köpfe kommt es aber an!

Wen würden Sie denn für geeignet halten?

Sattelberger: Die Spitze der Innovationsagentur darf kein Austragsposten für akademische Granden oder Wissenschaftsfunktionäre sein. Da brauchen wir Leute, die ihre Innovationskraft unter Beweis gestellt haben. Ich denke an Persönlichkeiten wie Dietmar Hopp und Hasso Plattner von SAP. Oder an die Tiefsee- und Polarforscherin Antje Boëtius. Und dann muss diese Agentur schnell kühne Preise ausloben, wie die Darpa 2004 in der Mojave-Wüste beim autonomen Auto.

Sie haben auch die Schaffung „digitaler Freiheitszonen“ angeregt nach dem Vorbild chinesischer Sonderwirtschaftszonen. Wie sollen solche Zonen aussehen?

Sattelberger: Erfolgreiche alte Systeme tun sich schwer, sich aus sich selbst heraus zu erneuern. Dies trifft auf nicht unerhebliche Teile der deutschen Wirtschaft zu. Wir brauchen deshalb digitale Modellregionen in Deutschland, in denen Menschen unter freieren Bedingungen grundlegend neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln können. Der Staat kann das fördern durch einfacheres Baurecht, schlankere Verwaltung und steuerliche Erleichterungen. Wagniskapital muss frei fließen können, um Menschen mit Know-how und dem nötigen Gründergeist anzulocken. Aus solchen Clustern und Eco-Systemen heraus kommen dann die Innovationen. Und diese Innovationen brauchen so viele deutsche Wirtschaftszweige, um künftig nicht gegenüber der internationalen Konkurrenz weiter ins Hintertreffen zu geraten.

Über die Zukunft denkt auch die Große Koalition intensiv nach. Die SPD will den Sozialstaat reformieren, Wirtschaftsminister Peter Altmaier von der CDU die Industrie retten. Was halten Sie von den Plänen?

Sattelberger: Da sprechen Neandertaler über die Welt von morgen. Die Pläne der SPD sind völlig rückwärtsgewandt. Ihr Parteiorgan „vorwärts“ müsste sich langsam umbenennen in „rückwärts“. Früher habe ich die großen Vordenker in der SPD hochgeschätzt, Leute wie Peter Glotz oder Hans Matthöfer. Das waren echte Visionäre. Damals war die SPD noch keine Partei, die sich nur mit Arbeitslosigkeit und Prekariat beschäftigt. Heute geht es in der SPD einseitig um die Risiken, nicht um die Chancen der Zukunft.

Und warum ist der Wirtschaftsminister in Ihren Augen ein Neandertaler?

Sattelberger: Peter Altmaier setzt auf überholte Instrumente der Wirtschaftspolitik. Mauern hoch, große europäische Industrie-Giganten päppeln. Vom Mittelstand ist dagegen kaum die Rede. Um Gründungen geht es wenig, um Protektionismus dagegen viel. Da ist nichts nach vorn gerichtet, keine Bereitschaft zum Wandel erkennbar.

Zur Person: Thomas Sattelberger, geboren 1949 in Munderkingen im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg, ist seit 2017 Bundestagsabgeordneter und Mitglied der FDP. Davor war er erst Personalvorstand bei Continental (2003 bis 2007), dann bei der Telekom (2007 bis 2012).

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