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Lehrstellenoffensive

04.05.2017

Wo Späne fliegen dürfen

Am Ende kann sie ihre Möbel selbst machen. Aliena Müller macht eine Lehre zur Schreinerin.
Bild: Ulrich Wagner

Aliena Müller lernt in Harburg den Beruf der Schreinerin. Wer, wie sie, gerne mit den Händen arbeitet, ist hier genau richtig

Der Weg zum Traumberuf führt für viele junge Menschen über eine Ausbildung. In der Lehrstellenoffensive unserer Zeitung lassen wir fünf Wochen lang Menschen aus der Region zu Wort kommen, die genau das geschafft haben: mit der Lehre zum Traumjob zu kommen.

Das Blatt der Kreissäge dreht sich blitzschnell. Aliena Müller, 20, schiebt das Brett aus Lärchenholz der sirrenden Säge entgegen. Das Gerät heult auf und frisst sich in Sekundenschnelle durch das Holz. Einmal ab ist ab. Wer in der Schreinerei nicht von vorne beginnen will, muss genau sein. Mit großer Sorgfalt hat die Auszubildende deshalb zuvor den Winkel eingerichtet, in dem sie ihr Brett zusägen wollte. Das Lärchenholz-Brett wird einmal Teil einer Terrasse. In der Schreinerei Funk in Harburg macht die Donauwörtherin eine Lehre zur Schreinerin. Und dabei geht es um mehr als das Zusägen von Brettern. Am Ende ihrer Ausbildung wird sie wissen, wie man Fenster und Treppen einbaut, Oberflächen furniert und behandelt, wie man Häuser oder Büros einrichtet und natürlich wie man Möbel schreinert – seien es Küchen, Betten, Schränke.

„Das Schreinerhandwerk ist sehr vielseitig“, sagt Schreinermeister Fritz Funk, 58. Er hat die Schreinerei Funk mittlerweile in vierter Generation inne und beschäftigt zehn Mitarbeiter. „Es gibt Betriebe, die sich auf die Herstellung von Möbeln konzentrieren, andere sind vor allem auf den Baustellen unterwegs.“ Die Schreinerei Funk bietet das gesamte Spektrum. „Wer bereit ist, die Lehre durchzuziehen, wird später am Arbeitsmarkt sehr gefragt sein“, ist Funk überzeugt. Denn: „Wer eine Ausbildung gemacht hat, weiß, wie es in der Praxis zugeht, zum Beispiel auf der Baustelle.“ Funk würde gerne mehr Mitarbeiter einstellen. Doch der Markt sei „leer gefegt“ – es herrscht Fachkräftmangel. Schreiner sind begehrt.

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Was muss man mitbringen, um Schreiner zu werden? Von angehenden Lehrlingen erwartet der Schreinermeister ein mathematisches Grundverständnis. „Wer vor der Holzplatte steht, muss wissen, wie er die Teile herausbekommt“, sagt Funk. Jedes Brett hat schließlich Längen-, Höhen- und Breitenmaße. Auch der Umgang mit dem Computer sollte den Bewerbern liegen. In Funks großer, heller Schreinerei stehen Fräsen, Sägen, Hobel- und Schleifmaschinen. Alle haben einen Bildschirm und können programmiert werden. „Computertechnik wird für uns immer wichtiger“, sagt Funk. Daneben erwartet er eine gute Allgemeinbildung für Gespräche mit den Kunden und Teamfähigkeit. Viel Arbeit wird bei ihm in Zweier- und Dreierteams erledigt.

Aliena Müller setzt inzwischen an einer Fräse einen großen Schraubenschlüssel an. Sie will den Fräskopf wechseln. Das Gerät aus Stahl ist schwer. Die zierliche 20-Jährige braucht Kraft. Die langen Haare hat sie hier in der Werkstatt zu einem Knoten gebunden, ein Zollstock steckt in ihrer Arbeitshose. „Ich bin kein Kraftpaket“, sagt sie. „Das meiste aber schaffe ich alleine – und wenn es einmal nicht geht, hole ich Hilfe.“ Teamarbeit – klar. Die junge Frau sagt, dass ihr das Handwerkliche liegt. Nach dem Abitur in Donauwörth hat sie zuerst Ingenieurwissenschaften studiert, das Studium kam ihr aber zu theoretisch vor. „Es ging nur um Formeln“, sagt die 20-Jährige. Nach einem Praktikum in der Schreinerei hat sie deshalb im August 2016 die Lehre angefangen, die für sie zwei Jahre dauert. Holz ist ihre Leidenschaft. Nach der Lehre will sie nochmals über ein Studium nachdenken.

Dass junge Frauen eine Schreinerlehre machen, sei nicht ungewöhnlich, berichtet Schreinerei-Inhaber Funk. Rund 18 Prozent der Schreiner-Lehrlinge seien heute bayernweit junge Frauen. Und 12 Prozent seien Abiturienten, die sich nach der Lehre häufig weiterqualifizieren oder studieren.

Halb zehn, Brotzeitpause. Im Pausenraum trifft Aliena Müller ihre Lehrlingskollegen. Beide denken bereits über ihre Gesellenstücke nach. Jonathan Späth, 19, ein kräftiger junger Mann, Bart, Kapuzenshirt, will einen Schrank für seine Motorradkleidung bauen – mit Spiegelglas, innen beleuchtet und einem Kopf aus Holz, auf dem der Helm abgelegt werden kann. Jonathan Enzler, 20, Abiturient, plant einen Wandschrank, den LEDs beleuchten. Er will Bretter in Beton- und Rostoptik einsetzen. Was gefällt ihnen an dem Beruf? „Wer Schreiner lernt, hat Ahnung vom Bodenverlegen oder Fenstersetzen“, sagt Späth. „Das sind Dinge, die man später selbst gut brauchen kann.“ Für Enzler zählen auch die Erfahrungen, die er in der Lehre macht. „Man sieht viele Häuser und eine ganze Bandbreite, wie man bauen kann“, sagt er. Dann ist die Pause auch schon vorüber.

Die Zeit drängt an diesem Freitag etwas. Eine große Eichentreppe soll nächste Woche ausgeliefert werden. Sorgfältig schleifen die Mitarbeiter die Teile ab, da sich nach dem ersten Lackieren die Holzfasern leicht aufstellen. Feiner Staub haftet auf dem Holz, als Aliena Müller einen Schleifschwamm über ein Brett schmirgelt. Die 20-Jährige hat sich eine Maske zum Schutz aufgesetzt. Die Bretter sollen heute noch ein zweites Mal lackiert werden, damit der Lack über das Wochenende trocknen kann. Wie feiner Nebel wird er aus einer Lackierpistole auf das Holz aufgetragen. Zuschneiden, kleben, fräsen, schleifen, lackieren, nochmals schleifen, nochmals lackieren – „häufig sieht man gar nicht, wie viel Arbeit in einem einfachen Brett steckt“, sagt Aliena Müller. Das ist der Vorteil des Schreiners: Er kennt den Prozess vom Baumstamm bis zum Produkt.

Um sieben Uhr hat das Team angefangen, jetzt nähert sich die Mittagszeit. Die meisten Treppenteile sind abgeschliffen und gehen gerade zum Lackieren. Unter der Woche dauert der Tag normalerweise bis 16.30 Uhr, am Freitag ist schon mittags Schluss. Nur noch die Werkstatt aufräumen – wie immer am Ende der Woche. Dann hat auch Aliena Müller Feierabend.

In unserer Samstagsausgabe (6. Mai) finden Sie zahlreiche Ausbildungsplatzangebote und Lehrstellengesuche. Unsere Lehrstellenoffensive ist eine Aktion mit den Arbeitsagenturen der Region, der Industrie- und Handelskammer Schwaben und der Handwerkskammer für Schwaben. Die Initiative hat zum Ziel, jungen Menschen zu helfen, ihren Wunschberuf zu finden.

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