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Interview

07.08.2017

Wovon der Erfolg der Energiewende abhängt

Nicht nur die großen Stromtrassen, gerade auch intelligente, regionale Netze sind wichtig für eine grüne, dezentrale Energiezukunft, meint Lechwerke-Chef Markus Litpher.
Bild: Bernhard Weizenegger

Das regionale Stromnetz ist das Rückgrat der grünen Stromversorgung, sagt Lechwerke-Chef Markus Litpher. Doch der Ausbau muss bezahlt werden. Ein Interview.

Herr Litpher, wo steht aus Ihrer Sicht die Energiewende in Deutschland? Klappt sie?

Markus Litpher: Die zukünftige Energielandschaft ist dezentral, grün und digital. Wir haben bereits heute vor Ort eine Vielzahl an erneuerbaren Energien. Allein im LEW-Netz gibt es über 70.000 Photovoltaik-Anlagen. Damit wird deutlich, dass es keine Energiewende ohne die regionalen Netze gibt –die Verteilnetze. Zuletzt ist häufig über die großen überregionalen Stromtrassen gesprochen worden. Doch in Deutschland sind rund 95 Prozent der erneuerbaren Energien an das Verteilnetz angeschlossen. Dessen Bedeutung nimmt enorm zu. Das wird häufig so nicht wahrgenommen.

Welche neuen Aufgaben kommen auf die regionalen Netze zu?

Litpher: Die Rolle der Netze ändert sich. Früher floss der Strom vom Kraftwerk in eine Richtung zum Verbraucher. Heute kann Strom in zwei Richtungen fließen. Denn die Kunden nehmen nicht nur Elektrizität ab, sondern erzeugen sie auch selbst und speisen in das Netz ein. Aktuell ist an jedem fünften Anschluss im LEW-Netz eine Photovoltaik-Anlage angeschlossen. Ich erinnere mich gut: Im Jahr 2009 hatten wir erstmals die Situation, dass in unserem Netz mehr Strom erzeugt als abgenommen wurde, sodass wir den Überschuss ins bundesweite Übertragungsnetz abgegeben haben. Heute ist das bereits an jedem dritten Tag der Fall. Das zeigt, dass unser regionales Netz das Rückgrat der Energieversorgung ist. Wir sind der natürliche Partner der Energiewende. Bei der Weiterentwicklung der dezentralen Versorgung wartet noch viel Arbeit.

Sie sagen, es wartet viel Arbeit. Ist das regionale Stromnetz gerüstet für die Aufgaben, die auf es zukommen?

Litpher: Sicher ist, dass wir das Netz verstärken müssen. Dies ist ein Prozess über viele Jahre. Bis 2019 fließt eine viertel Milliarde Euro in das LEW-Netz. Hinzu kommen neue Aufgaben. Wir müssen unser Netz viel aktiver managen als früher und zudem die überregionale Versorgung sicherstellen. Dafür brauchen wir vor allem digitale Technik, damit wir jederzeit wissen, was im Netz los ist und entsprechend steuern können. Wenn zum Beispiel die Elektromobilität richtig in Fahrt kommt, muss das Netz bereit sein, die entsprechenden Strommengen abgeben zu können – oder auch aufzunehmen. Denn die Batterie eines E-Autos lässt sich auch teilweise als Stromspeicher nutzen.

Netzausbau ist aber auch mit Kritik verbunden. Wer will schon neue Strommasten vor der Türe?

Litpher: Wir brauchen die Akzeptanz der Bevölkerung, wenn wir die Energiewende zum Erfolg führen und dabei die Kosten im Griff behalten wollen. Derzeit erneuern wir 110-Kilovolt-Leitungen vor allem im Westen und Süden unseres Netzgebietes, bauen ein Umspannwerk in Woringen im Unterallgäu und wollen 67 neue Ladestationen für E-Autos errichten. Der Netzausbau lässt sich aber auch verringern. Durch intelligente Netze, die selbstständig lernen, Erzeugung und Verbrauch auszugleichen. Das haben wir in unserem Projekt „Smart Operator“ in der Wertachau bei Schwabmünchen gelernt.

Markus Litpher ist Vorstand der Lechwerke.
Bild: Bernhard Weizenegger

Waren Sie mit den Ergebnissen Ihres Projekts über intelligente Stromnetze zufrieden? Immerhin hat man den Ortsteil Wertachau praktisch umgebaut, Glasfaser verlegt, Batteriespeicher aufgesellt und damit bundesweit Aufmerksamkeit gewonnen.

Litpher: Wir haben gesehen, dass durch den gezielten Einsatz von Batterie- und Wärmespeichern, E-Autos oder intelligenten Haushaltsgeräten das Ortsnetz 35 Prozent mehr grün erzeugten Strom aufnehmen kann. Das entlastet die Netze und hilft, teuren Netzausbau zu vermeiden. Auch ein regelbarer Ortsnetztrafo kam zum Einsatz.

Warum sehen wir dann intelligente Waschmaschinen nicht häufiger, die Sonnenstrom verbrauchen, wenn er in Hülle und Fülle zur Verfügung steht?

Litpher: Unser Projekt in der Wertachau hat gezeigt, dass intelligente Haushaltsgeräte etwas für die Entlastung der Netze leisten können. Allerdings ist das Potenzial eher gering. Denn die meisten Verbraucher waschen bereits mittags, wenn viel Sonnenstrom da ist. Einen größeren Beitrag bringen Batteriespeicher, E-Autos und Heizungen wie die Wärmepumpe. Da brauchen wir weitere Entwicklungen! Für eine echte Energiewende darf man nicht nur an Strom denken. Da gehören unbedingt auch eine Verkehrswende und eine Wärmewende dazu.

Haben wir eigentlich genug Strom für alle E-Autos, die da geplant sind?

Litpher: Wir haben genug Strom und auch ausreichend Ökostrom für die Elektromobilität. Die E-Mobilität kommt außerdem nicht von heute auf morgen. Sie ist eine Entwicklung, sodass man dafür sorgen kann, entsprechende Strommengen zur Verfügung zu stellen. Ich mache mir da keine Sorgen. Ein Beispiel: Wenn eine Million E-Autos auf den Straßen unterwegs wären, entspricht das rund 0,4 Prozent des aktuellen jährlichen Gesamtstromverbrauchs in Deutschland.

Stimmen für den Umbau der Energieversorgung denn die politischen Rahmenbedingungen?

Litpher: Drei Dinge würden uns helfen. Erstens müssten die Kosten intelligenter Netzlösungen anerkannt und besser vergütet werden. Das kann im Rahmen der Netzentgelte geschehen. Zweitens brauchen wir eine klare Rollenverteilung zwischen den Übertragungsnetzbetreibern und uns, die wir die Verteilnetze betreiben. Wir wollen nicht, dass die großen Spieler in unser Netz eingreifen. Und drittens muss die Digitalisierung gezielt erfolgen. Nicht jeder braucht alle Daten! Das spielt eine Rolle, wenn die Haushalte bald nach und nach mit digitalen Stromzählern ausgestattet werden, wie es der Gesetzgeber vorsieht.

Ihre erste Forderung klingt nach steigenden Strompreisen!?

Litpher: Es sind hohe Investitionen notwendig, um unser Stromsystem umzustellen und effizient zu machen. Ja, das wird sich in den Netzentgelten niederschlagen. Der Strompreis besteht aber nicht nur aus Netzentgelten und Beschaffungskosten, sondern auch aus Steuern und Umlagen. Sie machen über 50 Prozent des Strompreises aus.

Wie entwickelt sich der Strompreis für die Verbraucher?

Litpher: Für die meisten LEW-Kunden hat sich 2017 nichts verändert, das wird auch für das restliche Jahr so bleiben. Danach muss man abwarten, wie sich die Stromsteuer und die weiteren staatlichen Bestandteile des Strompreises entwickeln. Das sind aber politische Entscheidungen, bei denen auch der Ausgang der Bundestagswahl von Bedeutung sein kann. Wir sehen hier Handlungsbedarf, denn derzeit ist Strom deutlich stärker belastet als andere Energieträger. Das behindert die Energiewende vor allem im Wärmebereich. Hier sollte die Politik Chancengleichheit herstellen.

Ende des Jahres geht ein Block des Kernkraftwerks in Gundremmingen vom Netz. Steigt dann die Blackout-Gefahr?

Litpher: Ich sehe diese Gefahr nicht. Was unser Gebiet betrifft, haben wir alles getan, um eine sichere Versorgung sicherzustellen. Auch die Anbindung an das Netz der Übertragungsnetzbetreiber ist sehr gut. Mit den Regelungen für eine Kapazitäts- und Netzreserve aus konventionellen Kraftwerken hat die Bundesregierung Vorkehrungen in puncto Versorgungssicherheit getroffen.

Der Zubau an erneuerbaren Energien reicht also nicht, um das Kernkraftwerk ersetzen zu können?

Litpher: Vor allem aufgrund der schwankenden Einspeisung der Erneuerbaren reicht regional gesehen der Zubau nicht, das Abschalten von Gundremmingen zu kompensieren. Deshalb brauchen wir Leitungen der Übertragungsnetzbetreiber von Nord nach Süd und auch Lieferungen aus dem benachbarten Ausland. Vor allem wollen wir aber möglichst viel Strom, der hier erzeugt wird, auch nutzen. Das geht nur mit Speichern und intelligenten Netzen, wie wir sie im Smart-Operator-Projekt erfolgreich eingesetzt haben. Die Entwicklung geht hier rasant voran. Das ist schon beeindruckend.

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