Herr Würth, Sie werden am 20. April 91 Jahre alt. Aus der 1945 gegründeten Schraubengroßhandlung Ihres Vaters haben Sie mit zwei Beschäftigten von 1954 an einen Konzern mit mehr als 86.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geformt. Lässt sich eine derartige Erfolgsgeschichte im heutigen Deutschland wiederholen?
REINHOLD WÜRTH: Ich glaube durchaus, dass sich eine solche Erfolgsgeschichte wiederholen lässt, wahrscheinlich nicht in unserem Markt, aber im IT-Sektor. Vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz ist ein solcher Aufstieg einer Firma, wie wir ihn vollzogen haben, möglich. Der technische Fortschritt beschleunigt sich dank der Künstlichen Intelligenz. Unlängst habe ich vor Mitarbeitern eine Rede gehalten, die auch ins Chinesische übersetzt wurde. Dank KI bewegten sich meine Lippen so, als ob ich Chinesisch könnte.
Machen Sie sich Sorgen um unser Land angesichts der konjunkturell schwachen Verfassung Deutschlands, der Folgen des Kriegs Russlands gegen die Ukraine und des permanenten Unruheherds Trump?
WÜRTH: Ich mache mir gewaltige Sorgen um Deutschland. Allein, was wir in den ersten Wochen dieses Jahres erleben, also etwa Trumps Grönland-Politik, stimmt mich besorgter denn je. Der US-Präsident will sein Herrschaftsgebiet ausdehnen, interessiert sich aber kaum noch für Zentraleuropa, also Länder wie Deutschland und Frankreich. Und Trump lässt sich von Putin an der Nase herumführen.
Wie sehr schadet Trump dem Wirtschaftsstandort Deutschland?
WÜRTH: Der Hauptschaden ist psychologischer Natur. Er ist ein unbeständiger Mensch. Heute sagt Trump dies, morgen jenes und übermorgen etwas anderes. Die von ihm ausgehende Unsicherheit ist das größte Problem für Unternehmerinnen und Unternehmer. Trump will die Europäische Union kaputtmachen, weil er Angst hat, dass die Länder zu eng zusammenrücken. Das wird ihm nicht gelingen. Dabei darf sich die deutsche Wirtschaft vor den USA nicht verstecken.
Worauf spielen Sie an?
WÜRTH: Ich spiele darauf an, dass amerikanische Unternehmen vielfach auf die Hightech-Produkte deutscher Zuliefer-Firmen angewiesen sind. Trotzdem sind wir insgesamt von Amerika zu rund 80 Prozent abhängig, während die USA zu etwa 20 Prozent von Deutschland technologisch abhängig sind.
Wie entwickelt sich das US-Geschäft von Würth?
WÜRTH: Wir können nicht klagen, durften wir doch zollfreie Lager in den USA einrichten, weil wir von dort aus unsere Produkte nach Lateinamerika, also etwa nach Brasilien, Argentinien oder Chile, liefern. So kommt Würth in Amerika weiter voran. Ich habe in den USA viele Schraubenhändler gekauft. In den vergangenen Jahren haben wir Gesellschaften der Würth-Linie Industrie zu einer Würth-Gesellschaft zusammengelegt. Das kostete viel Kraft, Mühe und Geld, zahlt sich aber aus.
Sie sind anders als Vorstandschefs von Aktiengesellschaften ein langfristig orientierter Unternehmer.
WÜRTH: Ich denke als Unternehmer nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten, wenn es um Entscheidungen wie die Zusammenlegung des US-Geschäfts geht. Rund um den Globus haben wir rund 400 Gesellschaften, mindestens 250 davon habe ich selbst gegründet. Zuletzt haben wir in Portugal das 50-jährige Bestehen unserer Landesgesellschaft gefeiert. Ich war eingeladen und habe den Beschäftigten dort gesagt, dass ich der erste Mitarbeiter war.
Wie steht es denn um die Arbeitsmoral der Beschäftigten in Deutschland? Sind die Mitarbeitenden hierzulande noch fleißig genug oder haben sie nachgelassen, wie Politiker beklagen?
WÜRTH: Ich will diese Diskussion um deutsche Arbeits-Tugenden in die große Weltgeschichte einordnen. Dabei erkennt man: Kein System hat auf Dauer überlebt. Alles unterliegt dem Zyklus des Werdens, des Seins und des Vergehens.
Jetzt wird es philosophisch.
WÜRTH: Bei dieser Einstufung von geschichtlichen Entwicklungen orientiere ich mich an einem Gemälde des Künstlers Giovanni Segantini, das in der Schweiz in einem dem Künstler in St. Moritz gewidmeten Museum hängt. Sein beeindruckendes Triptychon trägt den Namen „Werden, Sein, Vergehen“. Welche Phase in der Geschichte man auch betrachtet, alle Entwicklungen folgen diesem Zyklus, was das Leben eines Menschen oder den Fortgang großer Machtblöcke wie etwa des Römischen Reichs betrifft. Der Aufstieg des Römischen Reichs war eine enorme Leistung. Er gelang ohne Telefon, Internet und Elon Musk. Fast 500 Jahre haben die Römer die Macht über Teile des heutigen Deutschlands ausgeübt.
Das Römische Reich ging unter, nicht zuletzt wegen ausgeprägter spätrömischer Dekadenz. Befindet sich Deutschland noch in der Phase des Seins oder schon des Vergehens?
WÜRTH: Was Deutschland betrifft, erstreckte sich die Phase des Werdens von 1945 bis in die 90er-Jahre hinein. Zunächst wollten die Menschen ein Fahrrad und ein Auto haben, sich ein Häusle bauen und verreisen. Die Bürgerinnen und Bürger waren engagiert und steckten voller Optimismus. Sie freuten sich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Frieden eingekehrt war. Heute wissen viele Menschen nicht mehr, was Frieden bedeutet.
Wirklich?
WÜRTH: Eigentlich sollen sie jeden Morgen auf ihren Betten herumhüpfen und „Hurra“ schreien, weil sie in einem Land mit Frieden leben.
Sie haben den Zweiten Weltkrieg noch erlebt.
WÜRTH: Ich war zehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wenn ich an einem Tag im Krieg 20 Meter weiter rechts gestanden hätte, wäre ich aus einem amerikanischen Jagdbomber heraus erschossen worden. Bei dem Angriff wurde ein Lokomotivführer getötet. Ich weiß, was Krieg heißt.
Zurück zum Gemälde Segantinis: Befindet sich Deutschland also schon in der Spät-Seins-Phase?
WÜRTH: Nach der Phase des Wohlstands, des Wohllebens, der Pracht, ja der Freiheit und des freien Worts wuchsen in Deutschland die Begehrlichkeiten nach mehr Geld und noch weniger Arbeit. Die Work-Life-Balance wurde immer mehr in Richtung Life-Balance verschoben. Forderungen von Gewerkschaftern nach der Vier-Tage-Woche kamen auf. Wir sind jetzt in Deutschland an der Kante vom Sein zum Vergehen angekommen, befinden uns also in einer Phase, in der der Niedergang nicht weit ist.
Wie verhindern wir, dass Deutschland über diese Kante abstürzt?
WÜRTH: Indem wir zurückrudern und uns an die Zeiten des Werdens Deutschlands erinnern.
Kann das gelingen?
WÜRTH: Das wird unglaublich schwierig, weil die heutigen jüngeren Beschäftigten von ihren Eltern, die aus der Generation der Babyboomer stammen, wahnsinnig verwöhnt wurden. Diese Eltern haben sich viele Gedanken um ihre Kinder gemacht.
Wie war das in Ihrer Kindheit?
WÜRTH: Als ich die Oberschule in Künzelsau besucht habe und es noch zwei Jahre bis zur Mittleren Reife waren, hat mich mein Vater zu sich ins Unternehmen geholt und mir erklärt, dass ich sein Stift und schließlich Kaufmann werde. Meine Mutter wollte, dass ich Lehrer werde. Doch mein Vater war natürlich der Herr im Haus. Ich wurde nicht gefragt, was ich werden wollte.
Nach heutigem Maßstab war das eine pädagogisch falsche Entscheidung Ihres Vaters.
WÜRTH: Ich bin meinem Vater aber heute noch dankbar für seine Entscheidung, mich in seinen Betrieb zu holen.
Bereuen Sie nicht, dass Ihre Schulzeit so schnell zu Ende war?
WÜRTH: Nein, das bereue ich nicht. Doch ein Defizit trage ich bis heute in mir herum.
Welches denn?
WÜRTH: Ich habe nie Latein gelernt. Das ist ein Manko. Ich würde so gerne Tacitus im Original lesen können. Einige lateinische Sentenzen habe ich mir doch angeeignet, etwa „Quod non est in actis, non est in mundo“.
Was nicht in den Akten steht, gibt es nicht in der Welt.
WÜRTH: Ja, ich bewundere die Leistungen der Römer.
Latein ist nicht alles. Sie haben hart gearbeitet und einmal gesagt: „Ich habe so viel malocht, dass es für zwei Leben reicht.“ Sie sind ein Schaffer.
WÜRTH: Genau. Und ich schaffe immer noch. So diktiere ich manchmal um 21.30 Uhr abends zuhause noch Briefe und gehe immer wieder ins Büro. Und ich schwimme jeden Tag eine halbe Stunde. Von meiner Apple-Uhr habe ich unlängst einen Orden verliehen bekommen.
Einen Orden von Ihrer Smartwatch?
WÜRTH: Ja, einen Orden, weil ich mich über sechs Jahre entsprechend viel bewegt habe. Jetzt habe ich ein neues Ziel und will 2750 Tage die Trainingsanforderungen meiner Apple-Uhr erfüllen.
Sind die jungen, nach Ihrer Darstellung von Eltern verhätschelten Menschen auch so strebsam wie Sie mit 90 Jahren?
WÜRTH: Wir haben jedenfalls Einfluss auf unsere Auszubildenden. Sie erlernen spielerisch die Kultur unseres Unternehmens. Eines meiner wichtigsten Anliegen ist: Ich hasse Arroganz, fördere Bescheidenheit und schätze Dankbarkeit. Das übernehmen auch unsere jungen Mitarbeitenden. Wenn wir mal einen Quereinsteiger von außen holen, merken sie schnell, dass der Arbeitsstil aus ihrem alten Unternehmen bei uns nicht ankommt.
Und wenn sie es nicht merken?
WÜRTH: Wenn solche Quereinsteiger unsere Kultur nicht annehmen, sollten sie das Unternehmen besser verlassen. Wir sind ein Familienunternehmen mit einer besonderen Kultur. Anders als bei manchen Aktiengesellschaften entlassen wir nicht Tausende Beschäftigte, wenn es mal konjunkturell nicht gut läuft. Kapitalgesellschaften treiben mit solchen Ankündigungen eines massiven Stellenabbaus oftmals den Börsenkurs nach oben.
Und wie läuft es wirtschaftlich bei Würth?
WÜRTH: Wir haben bis auf wenige Ausnahmen bislang keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen. Doch derzeit besetzen wir Arbeitsplätze nicht mehr von außen nach, wenn Beschäftigte etwa in Rente gehen. So ist die Zahl der Mitarbeitenden im Konzern 2025 insgesamt um rund 2000 gesunken, weil Personalabgänge weitgehend nicht ersetzt wurden. Die Würth-Gruppe ist trotz aller weltweiten politischen und konjunkturellen Verwerfungen nach wie vor erfolgreich. Der Umsatz konnte nach vorläufigen Zahlen im vergangenen Geschäftsjahr leicht auf 20,7 Milliarden Euro gesteigert werden und das Betriebsergebnis liegt mit 940 Millionen Euro auf Vorjahresniveau.
Sie müssen wissen, wie Erfolg funktioniert. Was ist Ihr Rezept für Deutschland?
WÜRTH: Wir müssen in Deutschland zusammenstehen, mit dem festen Willen, das Land wieder voranbringen zu wollen. Und wir müssen in Deutschland wieder mehr arbeiten. Die Statistik spricht eine klare Sprache. Da kann einem Angst und Bange um Deutschland werden: In anderen Ländern wird bei deutlich niedrigeren Stundenlöhnen länger gearbeitet. Und dann sind heimische Beschäftigte auch noch häufiger krank als Mitarbeitende in anderen Industrieländern. Erfreulicherweise ist bei Würth Deutschland der Krankenstand nach wie vor niedrig.
Einer Ihrer Lebensgrundsätze lautet: „Schaffe, net schwätze.“
WÜRTH: Natürlich, wir müssen wieder mehr schaffen in Deutschland. Wir müssen fleißiger werden. Es ist doch eine verrückte Idee von Gewerkschaftern, einen Feiertag, der auf einen Samstag oder Sonntag fällt, nachzuholen. Wo sind wir denn? Wer so etwas fordert, muss der Meinung sein, das Geld falle wie Schneeflocken vom Himmel. Dieses Beispiel zeigt, dass wir in Deutschland auf der Kante vom Sein zum Vergehen stehen.
Sie haben vor der Bundestagswahl große Stücke auf Friedrich Merz gesetzt. Was muss seine Regierung jetzt anpacken, um den weiteren wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands zu verhindern?
WÜRTH: Die Regierung soll kraftvoll zeigen, dass sie regiert. Kanzler Merz befindet sich derzeit auf einem ganz guten Weg.
Ist das so?
WÜRTH: Ja, er ist auf einem guten Weg. So kann man in der internationalen Presse nachlesen, dass sich die Gewichte innerhalb der Europäischen Union in Richtung Deutschland verlagert haben. Deutschland beginnt, eine Führungsrolle in der EU zu übernehmen. Das färbt meines Erachtens auf die Bürger ab. Es könnte sich ein neuer National-Stolz entwickeln, nicht im Sinn der AfD, sondern unter Demokraten. Und wir haben einen sehr guten Verteidigungsminister in Deutschland.
Warum schätzen Sie den SPD-Mann Boris Pistorius derart?
WÜRTH: Herr Pistorius ist der richtige Mann für das Amt des Verteidigungsministers. Er ist konsequent. Pistorius arbeitet und schwätzt nicht. Auf alle Fälle glaube ich: Wir können die Stimmung in Deutschland drehen. Dazu brauchen wir aber eine starke und einheitlich auftretende Bundesregierung. Die von der SPD angezettelte Diskussion über höhere Erbschaftssteuern für Reiche ist eine Katastrophe. So bringen wir das Land nicht voran. Auch Greenpeace hat sich hier zu Wort gemeldet.
Die Umweltschutzorganisation spricht sich dafür aus, in Deutschland eine Milliardärssteuer von zwei Prozent auf Vermögen ab 100 Millionen Euro einzuführen. Das würde Sie als laut Forbes-Liste zweitreichsten Deutschen nach Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz deutlich treffen.
WÜRTH: Die sollen doch mal 75 Jahre malochen – und das sieben Tage in der Woche wie ich. Und diese Leute sollen doch mal Hunderte von schlaflosen Nächten verbringen, weil sie sich um das Geschäft sorgen. Und sie sollen sich wie ich anstrengen und weltweit Gesellschaften gründen. Das alles ist eine Kärrnerarbeit. Dabei engagieren wir uns in hohem Maße sozial.
Woran machen Sie das fest?
WÜRTH: Die Familie investiert den Großteil des Gewinns in die Firma und verprasst ihn nicht. Deswegen rechnen wir damit, dass im April das Eigenkapital erstmals über zehn Milliarden Euro steigt, was gewaltig ist. Aber Achtung: Mit dem Geld wurden mehr als 80.000 sichere Arbeitsplätze geschaffen, mit Angehörigen beziehen also 250.000 Menschen ihr Einkommen aus der Würth-Gruppe.
Der scheidende baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann schätzt jedenfalls Ihre Leistungen und würdigte Sie zu Ihrem 90. Geburtstag als „Unternehmer par excellence“, der wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung vereine. Mögen Sie den Grünen Kretschmann?
WÜRTH: Kretschmann ist ein honoriger und untadeliger Mann, der Baden-Württemberg vorangebracht hat. Er ist kein schwarzer Grüner, sondern ein grüner Schwarzer.
In Baden-Württemberg wird am 8. März ein neuer Landtag gewählt. Da kann es einem schwarz vor den Augen werden, wenn die AfD in einem so wohlhabenden Bundesland mit zahllosen Global Playern auf rund 20 Prozent kommen sollte. Schreiben Sie Ihren Beschäftigten wie vor der Europa-Wahl einen Brief, um sie von der Wahl der AfD abzubringen?
WÜRTH: Wahrscheinlich schreibe ich vor der Landtagswahl keinen Brief an unsere Beschäftigten. Vor der Europa-Wahl hatte ich empfohlen, die AfD nicht zu wählen. Aber auch in unseren deutschen Betrieben gibt es sicher viele AfD-Wähler.
Wie gehen Sie mit diesen Beschäftigten um?
WÜRTH: Solange diese AfD wählenden Beschäftigten im Betrieb keine Mitgliederwerbung betreiben, werden sie von uns als Mitarbeitende respektiert. Anders ist es, wenn solche Beschäftigte durch ausgesprochene Agitation zugunsten der AfD den Betriebsfrieden stören. Bisher blieb aber alles friedlich
Würden Sie vor der Landtagswahl zumindest die Beschäftigten zum Nachdenken anregen, ob sie sich nicht schaden, wenn sie AfD wählen, zumal sie für einen internationalen Konzern wie Würth arbeiten?
WÜRTH: Vielleicht ist das angebracht. Ich werde das noch einmal mit dem Management besprechen. Ich habe noch ein paar Wochen Zeit. Es wäre eine Katastrophe, wenn die AfD in Deutschland mitregiert, schließlich wäre dann die militärische Unterstützung für die Ukraine gefährdet. So würde Russland die Ukraine kassieren und dort nicht Halt machen. Eine Gefahr fürs Baltikum wäre naheliegend.
Doch noch einmal: Warum ist die AfD in einem so reichen Bundesland wie Baden-Württemberg derart stark?
WÜRTH: Ich vermute, dass die AfD ihren Zenit langsam erreicht hat.
Wie kommen Sie zu der Einschätzung?
WÜRTH: Weil Merz eine gute Figur macht. Ich glaube, dass viele AfD-Wähler deswegen zur CDU zurückfinden. Es war eine gute Idee von Merz, einige Soldaten, wenn auch nur kurz, nach Grönland zu schicken. Wenn er noch mehr Ideen dieser Art, wie zum Beispiel die Intensivierung einer engen Kooperation zwischen Italien und Deutschland, umsetzt, geht es für die CDU voran.
Der einstigen CDU-Kanzlerin Angela Merkel stehen Sie kritisch gegenüber.
WÜRTH: Aus der Rückschau war Frau Merkel keine Politikerin, die Themen vorangetrieben hat und an die Spitze strebte. Sie hat es versäumt, die Infrastruktur der Bahn und der Autobahnen entschieden zu erneuern. Frau Merkel hörte stets stark auf das Volk und hat gemacht, was dieses wollte. Sie scheute vor schmerzhaften Reformen zurück. So herrschte Ruhe. Das kostete Leistungsbereitschaft in Deutschland. Frau Merkel hat den Deutschen ein bequemes Sofa bereitet.
Und wie optimistisch sind Sie vor der Landtagswahl für den CDU-Kandidaten Manuel Hagel? Ist das ein Politiker nach Ihrem Geschmack?
WÜRTH: Ich kenne Herrn Hagel bislang nur durch eine Begegnung. Er kommt halt aus dem Bank-Bereich. Ich denke aber, Herr Hagel wird sich positiv entwickeln. Er ist kein Lothar Späth. Dem Cleverle, wie der frühere baden-württembergische Ministerpräsident genannt wurde, verdanken wir unter anderem, dass es eine Reinhold-Würth-Hochschule in Künzelsau gibt.
Bei allen Krisen unserer Zeit: Bleiben Sie Optimist?
WÜRTH (ZÖGERT): Ich bin ein moderater Optimist.
Was war die schmerzvollste Erfahrung Ihres Lebens?
WÜRTH: Zuletzt der Tod unserer ältesten Tochter Marion, die völlig unerwartet mit 66 Jahren starb. Meine Frau und ich hatten es in unseren 70 Jahren nicht immer leicht.
Ihre Anfangsjahre als Unternehmer waren hart.
WÜRTH: Ja, ich musste sehr aufs Geld achten. So habe ich mir bei geschäftlichen Reisen von meiner Mutter für mindestens drei Tage Vesper-Brote schmieren lassen, um zu verhindern, dass ich ins Restaurant gehen muss. Wenn ich mit meinem Opel Olympia den Berg runtergefahren bin, habe ich den Motor ausgeschaltet, um ein wenig Benzin zu sparen.
Mit Sparen kann man es weit bringen und wie Sie eine Kunstsammlung mit über 20.000 Werken aufbauen.
WÜRTH: Mit führenden deutschen Künstlern wie Anselm Kiefer bin ich per Du, mit anderen wie zum Beispiel Georg Baselitz pflege ich gute Kontakte. Im Herbst dieses Jahres werden wir die Erweiterung der Kunsthalle Würth mit einer monografischen Kiefer-Ausstellung eröffnen. Manchmal ist Kiefer schon ein wenig gigantomanisch. Ich habe ein Bild von ihm gekauft, das ist elf mal sieben Meter groß. Das passt in kein Schlafzimmer.
Wo hängen Sie das Bild auf, wenn Ihr Schlafzimmer nicht infrage kommt?
WÜRTH: Genau für dieses Kunstwerk planen wir in Künzelsau als Erweiterung des Museums Würth 2 einen extra Pavillon, der ebenfalls im Herbst dieses Jahres eröffnet wird.
Was ist Ihr Lieblingsbild unter den gut 20.000 Werken?
WÜRTH: Dazu kann ich keine Auskunft geben. Wenn ich einen Künstler nenne, sind andere sauer.
Zum Schluss die schwierigste Frage: Was ist Glück für Sie?
WÜRTH (DENKT LÄNGER NACH): Das ist ganz einfach: Glück ist, ausgeschlafen zu sein und in Frieden zu leben.
Zur Person
Reinhold Würth, 90, ist Ehrenvorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe. Die Entstehung des Konzerns zählt zu den Erfolgsgeschichten der deutschen Wirtschaft. Würth hat das Unternehmen von einem Zwei-Mann Betrieb in Künzelsau zu einem Weltkonzern mit mehr als 86.000 Beschäftigten geformt. Der Unternehmer geht immer noch regelmäßig ins Büro und erfreut sich seiner weiter wachsenden Kunstsammlung mit über 20.000 Werken.
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