Das Silicon Valley ist kein Ort für jemanden, der eher einen ruhigen Büro-Job sucht. Hier werden Ideen entwickelt, die einmal die Welt verändern sollen – und ihren Schöpfern Milliarden Dollar einbringen. Die Konkurrenz ist extrem und trotz des betont lässigen Auftretens vieler Tech-Milliardäre, wird unter der kalifornischen Sonne hart gearbeitet. Es ist ein Haifischbecken – nur mit etwas angenehmeren Wassertemperaturen. Einer der ganz großen Fische darin heißt Elon Musk. Seit er den Kurznachrichtendienst Twitter übernommen hat, ist der laut Forbes-Liste wohl reichste Mann der Welt wieder auf allen Kanälen präsent. Das Agieren im Verborgenen ist nicht Musks Ding. Er lebt im Rampenlicht und scheint sich dabei ganz wohlzufühlen. Dennoch fällt es nicht leicht, ihn zu charakterisieren. Zu widersprüchlich verhält er sich, zu ruhelos eilt er von Projekt zu Projekt. Darum nähert man sich ihm am besten wie er sich zeigt – als Mensch mit ganz verschiedenen Gesichtern:
Der Getriebene
Immer schon vorauszudenken, wer oder was hinter der nächsten Straßenecke warten könnte, lernt ein Junge, der regelmäßig Mobbingopfer ist. Elon Reeve Musk, erstes von drei Kindern eines südafrikanischen Maschinenbauingenieurs und eines kanadisch-stämmigen Models, hat während seiner Schulzeit in Südafrika viele Prügel eingesteckt. Der Vater des heute 51-Jährigen erzählte einem Journalisten sogar, er habe seinen eigenen Sohn im Krankenhaus nicht erkannt, so übel sei dieser nach einer Schlägerei zugerichtet gewesen. Doch viel Trost konnte der Junge Elon zu Hause nicht erwarten.
Die Eltern, schon zuvor oft abwesend, trennten sich, als er nicht einmal zehn Jahre alt war. "Ich wurde erzogen von Büchern, Büchern und erst dann meinen Eltern", sagte Musk dem Journalisten Neil Strauss, der aus mehreren Begegnungen mit Musk eine bemerkenswerte Titelgeschichte für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone Magazine gemacht hat. Weil die Kinder zunächst bei der Mutter blieben, wollte Elon zum Vater. Aus Mitleid, wie er Strauss erzählte. Eine Entscheidung, die er bald bereute.
Musk beschrieb seinen Vater Errol als einen schrecklichen Menschen, eine Person, die Böses will und Böses tut. Konfrontiert mit den Aussagen seines Sohnes, antwortete Musks Vater dem Journalisten schriftlich: Er habe niemals mit Absicht jemandem weh getan oder gar Schmerzen zugefügt. Außer in dem einen Fall, als fünf oder sechs bewaffnete Einbrecher in sein Haus einstiegen – und er drei von ihnen erschoss.
Sei kein Opfer. Diese Lektion lernte Elon Musk von seinem Vater. Denn nach den vielen Schlägen, die er einstecken musste, fing er an, Kampfsport zu betreiben. "Ich habe so hart ausgeteilt, wie sie es mir zuvor gegeben haben", erzählte Musk dem Reporter. Und noch etwas aus dieser miesen Kindheit trägt Musk nach Strauss' Interpretation bis heute mit sich herum: die Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe.
Der Visionär
Elon Musk hat Physik und Wirtschaft studiert – in dieser Schwerpunktsetzung. Als Ingenieur, der auch etwas von Wirtschaft versteht, führt er auch sein Firmenimperium. Von seinem Vater Errol, der mit einer Mine reich wurde und nach Musks eigener Aussage ein brillanter Ingenieur war, hat er das technische Verständnis. Als Kind war er erstaunt als er lernte, wie Musk dem Rolling Stones-Reporter Strauss erzählte, dass nicht alle von ihm als so banal empfundene Dinge wussten: Wie die Verkabelung in einem Haus funktioniert, wofür eine Sicherung ist oder mit welchen Zutaten man Sprengstoff mischt.
In der Welt von Elon Musk gelten die Naturgesetze - und sonst nur möglichst wenige andere. Das passt zur Internetindustrie im Silicon Valley, dem Wilden Westen des 21. Jahrhunderts. Mit zwölf entwickelt Musk ein erstes Videospiel, nachdem er sich mit einem Computer-Handbuch selbst etwas Programmieren beigebracht hatte. 500 Dollar soll er damit verdient haben, als er es an ein Computer-Magazin verkaufte. 1995 gründet er mit seinem Bruder Kimbal die Firma Zip2, die eine Mischung aus Gelben Seiten und Navigationssystem für das frühe Internet anbot. Vier Jahre später bezahlte Compaq 307 Millionen Dollar für das Unternehmen und Musk wird durch seinen Anteil mehrfacher Millionär. Dann geht es erst richtig los.
1999 gründet Musk einen Internetbezahldienst, aus dem später PayPal hervorgeht. Ebay kauft das Unternehmen 2002 für 1,5 Milliarden Dollar und Musk als größter Anteilseigner hat endlich so viel Geld, um wirklich Großes zu starten. Raketen entwickeln zum Beispiel, die viel billiger sind als alles, was es bislang gibt. SpaceX, 2002 gegründet, versorgt seit dem Jahr 2012 die Internationale Raumstation ISS. Oder Elektroautos, die mindestens so gut sind wie Benziner und für viele erschwinglich. 2004 steigt Musk bei Tesla ein und beweist, dass möglich ist, was viele damals als Hirngespinst abtun.
Es gibt noch eine Reihe anderer Musk-Unternehmen. Auch wenn nun alle Welt vor allem über Twitter spricht, wo sein Ruf als Jahrhundertunternehmer zunehmend in Gefahr gerät. Nützliche Dinge tun, Dinge, die einen Wert für die Gesellschaft haben, das hat Musk oft als seinen Antrieb genannt. Ein einsamer Cowboy, der für das Gute kämpft, so ähnlich klingt diese Selbststilisierung. Doch bei näherem Betrachten bröckelt diese Fassade gewaltig.
Der schwierige Chef
Es ist noch gar nicht so lange her, da fand man bei Twitter die Idee, dass Elon Musk das Unternehmen übernehmen könnte, ziemlich witzig. 2020 stand Twitter-Gründer Jack Dorsey auf einer Bühne, im Publikum saßen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Tech-Unternehmens. Dorsey rief während seines Vortrags Elon Musk an. Ob er nicht Lust habe, Chef der Plattform zu werden, fragte er den Multimilliardär. Alle lachten, so abwegig scheint die Idee.
Fast drei Jahre später hat sich die Stimmung zwischen den Twitter-Mitarbeitern und dem reichsten Menschen der Welt merklich abgekühlt, zumindest scheint es so. Musk hat den Konzern mittlerweile übernommen, die Hälfte der Belegschaft entlassen und einige von ihnen kurz darauf wieder eingestellt. Twitter und Musk – das ist keine Liebesgeschichte, der Multimilliardär allem Anschein nach schon jetzt der ungeliebte Chef.
Vielleicht hätte man das vorausahnen können. Musk galt noch nie als umgänglicher Boss, auch in der Vergangenheit fiel er vor allem durch Härte und Gnadenlosigkeit auf. Bei Tesla strich er den Beschäftigten im Sommer das Homeoffice. Arbeit von zu Hause? Höchstens in der eigenen Freizeit. "Jeder, der bei Tesla arbeitet, muss mindestens 40 Stunden in der Woche im Büro verbringen", gab er seinen Mitarbeitern vor. "Wenn jemand nicht erscheint, müssen wir davon ausgehen, dass diese Person das Unternehmen verlassen hat."
Musk ist bekannt dafür, dass er auch schon mal wütende Massenmails an die Belegschaft schickt und Manager Hals über Kopf feuert. Der Journalist Tim Higgins schreibt in einem Buch über den Multimilliardär, er verbreite in seinen Firmen eine "Atmosphäre der Angst". Musks Kommentar zu dem Enthüllungsbuch: "Er hat es geschafft, das Buch falsch und gleichzeitig langweilig zu machen."
Der Meinungsmacher
Elon Musk ist ein Freund direkter, klarer und knapper Ansprache. Credo: Was erklärt werden muss, behindert die Kommunikation. Für so jemanden sollte Twitter eigentlich die perfekte Plattform sein, allein: Die Realität des neuen Chief-Twit zeigt: Ganz so einfach ist das alles nicht.
Michael Seemann ist Medienwissenschaftler und Autor des Buches "Die Macht der Plattformen – Politik in Zeiten der Internetgiganten". Gefragt, ob Musk direkte Art, sein Kommunikationsstil, in der jetzigen Situation helfe, verneint der Experte, denn: "Jetzt versucht sein loses Mundwerk ein sehr komplexes Unternehmen und eine riesige Community zu managen, die für ihre scharfe Zunge und brachiale Kritik bekannt ist. Im Unternehmen geht es erwartungsgemäß Hü und Hott, hin und her, auf und ab und auf Twitter, der Community, lachen sich – auch erwartungsgemäß – hunderte Millionen Menschen über ihn kaputt."
Die Werbekunden hätten als erstes Reißaus genommen. Die gesamte Führungsriege springe ihm eine nach der anderen von der Stange. Und auch die Community wandere ab, oder schaffe sich zumindest Rückzugswege gen Mastodon. "Und all das passiert in dem vollen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit."
Twitter kommt jedenfalls nicht aus den Schlagzeilen, seit der Vogel frei ist. Seemann erwartet für den politischen Kurs mit Meinungsmacher Musk an der Twitter-Spitze das: "Musk hatte Twitter gekauft, gerade weil er dessen Politik verändern wollte. Er wollte bestimmte – meist rechte – Stimmen wieder auf die Plattform zurückholen und mehr an Äußerungen erlauben, auch wenn sie Hass schüren oder schlicht Desinformationen sind." Musk habe diese Pläne nicht aufgeben, auch wenn sich dessen Prioritäten wegen der finanziellen Situation verschoben hätten.
Der Privatmensch
Als Elon Musk im Frühjahr in der berühmten TV-Sendung "Saturday Night Live" auftrat, war eine Frau an seiner Seite: Maye Musk, die Mutter des Multi-Milliardärs. Die 74-Jährige hat ihre drei Kinder nach der Scheidung von ihrem Mann allein aufgezogen, arbeitete als Model und jobbte nebenbei in Forschungslaboren.
Zu seiner Mutter hat Musk ein enges Verhältnis, auch sie spricht stets in den höchsten Tönen von ihrem Sohn. Er sei stets "der jüngste und der kleinste seiner Klasse" gewesen. Sie hatte ihn schon sehr jung in die Schule geschickt, da er schon als kleines Kind "brillant" gewesen sei. Bereits als Junge brachte Musk sich das Programmieren bei, hatte mit 12 schon alle Science-Fiction-Bücher seiner Schulbibliothek gelesen. Manchmal, schreibt sein Biograf Ashlee Vance, sei Musk als Kind in einen tranceähnlichen Zustand verfallen – ein Umstand, der im Nachhinein mit Musks Asperger-Erkrankung, einer Form von Autismus, in Zusammenhang gebracht wird.
Seine Kinder sind dem Multi-Milliardär nach eigenem Bekunden enorm wichtig. Zehn Mal ist Musk bereits Vater geworden, sein erstes Kind starb jedoch im Säuglingsalter. Fünf Kinder hat der Unternehmer mit seiner ersten Frau, der kanadischen Autorin Justine Wilson, einmal Zwillinge und einmal Drillinge. Mit der Sängerin Grimes bekam Musk sein siebtes Kind, das den auffälligen Namen X Æ A-12 trägt. Im Dezember 2021 brachte eine Leihmutter das zweite Kind des Paares zur Welt, das nach eigener Aussage nicht mehr zusammen ist, aber auch nicht wirklich getrennt. Für ihren Beziehungsstatus gebe es kein Wort, hat Grimes einmal in einem Interview gesagt. Ungefähr zeitgleich wurde Musk ein weiteres Mal Vater, allerdings nicht gemeinsam mit der Sängerin: Im November 2021 brachte eine leitende Angestellte von Musks Gehirnchip-Start-ups Neuralink Zwillinge zur Welt. Musk selbst kann sich offenbar noch mehr Kinder vorstellen. Auf eine Frage des Online-Magazins Page Six danach, wie viele Kinder er gern hätte, antwortete Musk: "So viele, dass ich in der Lage bin, mit ihnen Zeit zu verbringen und ein guter Vater sein kann."