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Großbritannien
21.06.2022

Wegen eines Bahnstreiks steht in Großbritannien alles still

Nix geht, wenig rollt: Die Bahn-Mitarbeiter streiken im Vereinigten Königreich.
Foto: Stefan Rousseau, dpa, PA

Auf der Insel sind zehntausende Mitarbeiter britischer Bahnunternehmen in den Streik getreten. Über die Gründe und die Folgen des größten Ausstandes seit mehr als 30 Jahren.

Es galt für Bahnhöfe in Plymouth im Südwesten Großbritanniens bis Glasgow im Norden: Wo sich normalerweise hunderte Menschen drängen, herrschte gestern gähnende Leere. Denn im Vereinigten Königreich finden seit Dienstag die größten Streiks seit über 30 Jahren statt. Mehr als 50.000 Mitarbeitende des Infrastrukturunternehmens National Rail sowie von 15 Bahnunternehmen legten die Arbeit nieder. Die Streiks sollen am Donnerstag sowie am Samstag fortgesetzt werden. Und das könnte erst der Anfang sein.

Lehrer und Pflegepersonal wollen sich womöglich dem Ausstand anschließen. Die britische Boulevardzeitung The Daily Mail verglich die Situation mit einem „landesweiten Lockdown“. Tatsächlich wurde das Reisen sowohl in städtischen als auch ländlichen Regionen beträchtlich erschwert. Vor Busstationen bildeten sich riesige Menschentrauben und auf den Straßen entstanden lange Staus. Schüler hatten es schwer, zu ihren Prüfungen zu kommen. Viele Britinnen und Briten konnten gar nicht oder nur verspätet zu ihrer Arbeitsstelle gelangen.

Gewerkschafts-Boss Mike Lynch sieht keine andere Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen

Dies galt auch für Alice Aries. Die 30-jährige freiberufliche Gärtnerin habe nicht gewusst, dass die Streiks ihre Reise von Glasgow nach Ayr im Südwesten Schottlands beeinträchtigen würden, erzählte sie. „Wenn ich nicht zur Arbeit komme, werde ich nicht bezahlt.“ Sie verstehe den Streik, „aber er ist wirklich unpraktisch“. Nicht alle zeigten so viel Verständnis wie sie. Ty, ein junger Mann, der mit einem Zug von einem Bahnhof in London aus reisen wollte, bezeichnete die Streiks der Arbeiter als unsolidarisch mit jenen Menschen in der Gesellschaft, die auf Züge angewiesen seien.

Züge stehen auf den Gleisen im Bahnhof Waterloo bei einem landesweiten Streik der Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport (RMT), zusammen mit den Beschäftigten der Londoner U-Bahn.
Foto: Matt Dunham/AP, dpa

Der Chef der Gewerkschaft National Union of Rail, Maritime and Transport Workers (RMT), Mike Lynch, rechtfertigte die Maßnahme indes damit, dass sie keine andere Möglichkeit sehe, um sich Gehör zu verschaffen. Stellen würden abgebaut, Sicherheitsstandards reduziert und Fahrkartenverkaufsstellen geschlossen, zählte er die Gründe auf. Außerdem solle die Arbeitszeit verlängert werden. Auf einen Kompromiss konnte man sich bislang nicht einigen.

Boris Johnson bezeichnet die Streiks als "falsch und unnötig"

Premierminister Boris Johnson verurteilte die Streiks und bezeichnete sie als „falsch und unnötig“. Er betonte, dass die britische Regierung die Branche während der Pandemie mit mehreren Milliarden Pfund unterstützt habe und sagte, dass geplante Reformen die Komplexität des derzeitigen Eisenbahnsystems in Großbritannien verringern sollen.

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Zugespitzt hat sich die Lage in den letzten Monaten für die Mitarbeiter der Bahn vor allem infolge der Pandemie, wie Matthew Gill, Experte bei der Londoner Denkfabrik The Institute for Government, gegenüber unserer Redaktion erklärte: „Die Inflation in Großbritannien hat um rund zehn Prozent zugenommen.“ Dem stehe ein deutlich niedrigeres Lohnwachstum gegenüber. Das Problem sei, dass die Unternehmen in der Folge der Pandemie und den damit einhergehenden niedrigeren Fahrgastzahlen in einer finanziell sehr schlechten Situation seien und immer noch von Hilfsleistungen durch den Staat abhängig sind.

Streiken bald auch die Lehrer und die NHS-Mitarbeiter?

Und dieser zeigt sich bislang nicht verhandlungsbereit, die Subventionen zu erhöhen. Die Frage, ob die Streiks gerechtfertigt sind, ist Experten zufolge nicht einfach zu beantworten. Denn tatsächlich stehen die Mitarbeiter des Infrastrukturunternehmens National Rail vor demselben Problem wie aktuell fast alle Arbeiter und Angestellten in Großbritannien; mit dem Unterschied, dass sie eine starke Gewerkschaft im Rücken haben. Ein Generalstreik aller Arbeiter im Land ist deshalb unwahrscheinlich.

Lehrergewerkschaften und solche, die Pflegepersonal des Gesundheitssystems NHS vertreten, denken jedoch durchaus darüber nach, im Kampf um höhere Löhne ebenfalls in den Streik zu treten. Insbesondere für Letztere sei es jedoch deutlich schwieriger, da die Mitarbeiter dazu verpflichtet sind, eine Grundversorgung zu gewährleisten – ansonsten gilt der Streik als illegal. Aktuell werden ähnliche Bestimmungen auch für Mitarbeiter von Bahnbetrieben diskutiert. Wenn es so weit kommt, würden schließlich auch sie ihr stärkstes Druckmittel verlieren.

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