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Krieg in der Ukraine
01.03.2022

Atomkraftwerke: Experten halten längere Laufzeiten für machbar

Die deutschen Atomkraftwerke könnten länger laufen, sagen Forscher.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Der frühere EU-Kommissar Günther Oettinger fordert einen Weiterbetrieb deutscher Kernkraftwerke nach 2022. Professoren halten dies für machbar, aber die Zeit drängt.

Der Krieg in der Ukraine und die Abhängigkeit Deutschlands von Erdgas aus Russland haben die Debatte um die Energiewende neu angestoßen. Deutsche Fachleute halten es durchaus für machbar, dass die drei verbliebenen Kernkraftwerke über das Jahr hinaus in Betrieb bleiben könnten. „Unsere Kernkraftwerke sind sehr gut in Schuss“, sagt Professor Jörg Starflinger vom Institut für Kernenergetik und Energiesysteme der Universität Stuttgart. „Technisch spricht nichts dagegen. Die Anlagen sind in der Lage, noch mehrere Jahre sicher Strom zu liefern.“

Wissen muss man allerdings, dass pro Jahr in den Kraftwerken rund ein Drittel der Brennstäbe getauscht wird. Vor dieser Bestückung eines Reaktorkerns mit neuen Brennstäben sind beispielsweise Berechnungen nötig, die Zeit beanspruchen. „Eine Entscheidung für längere Laufzeiten müsste deshalb rasch kommen“, betont Starflinger, „sodass alles organisiert werden könnte. Im Herbst könnte es dafür vielleicht zu spät sein“.

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Professor Jörg Starflinger: "Kapazität der drei Kernkraftwerke könnte im kommenden Winter helfen"

Gäbe Deutschland der Kernkraft im Land eine Zukunft, käme dem Land sicher zugute, dass es in Lingen im Emsland eine Brennelemente-Fabrik gibt. Die Kapazität dafür ist im Land also vorhanden. „Wenn Deutschland unabhängiger von Erdgas werden will, muss man sehen, dass wir die Fertigungskapazitäten im eigenen Land haben“, sagt der Wissenschaftler. „Die Kapazität der drei Kernkraftwerke könnte uns im kommenden Winter bei der Stromversorgung durchaus helfen“, fügt er an.

Für eine Laufzeitverlängerung stellen sich allerdings noch organisatorische Hürden: Der Bundestag müsste das Atomgesetz ändern. Die Regierung müsste auch mit den Kraftwerksbetreibern zu einem neuen Einvernehmen finden, da diese ihre Unternehmenspläne auf eine Abschaltung am Jahresende ausgelegt haben. „Die Zeit droht uns davonzulaufen“, warnt auch Starflinger.

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Gleich mehrere Stimmen forderten zuletzt, angesichts des Ukraine-Krieges die Laufzeiten der verbliebenen drei deutschen Atomkraftwerke Isar II, Neckarwestheim und Emsland doch noch zu verlängern, die bis Ende 2022 vom Netz gehen sollen. „Wenn man die Abhängigkeit von russischen Gasimporten nicht noch weiter erhöhen will, wäre es sinnvoll, die letzten drei noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke in Deutschland Ende des Jahres nicht abzuschalten“, sagte der frühere EU-Kommissar Günther Oettinger, CDU. Auch Ifo-Chef Clemens Fuest plädierte dafür.

Professor Antonio Hurtado sieht es ähnlich, er ist Inhaber der Professur für Wasserstoff- und Kernenergietechnik an der Technischen Universität Dresden. „Die Frage, ob man die Kernkraftwerke aus sicherheitstechnischer Sicht über das Ende des Jahres hinaus betreiben könnte, muss mit Ja beantwortet werden“, sagte er unserer Redaktion.

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Es müssten mehrere Punkte geprüft werden: „Sind die Anlagen für eine längere Lebensdauer konzipiert? Ja.“, sagt Hurtago. Gebe es hinreichend Personal, um die Kernkraftwerke zu betreiben? „Ich gehe davon aus, dass das Personal, das für einen sicheren Betrieb bis Ende 2022 vorgesehen ist, auch danach noch zur Verfügung stehen würde.“ Und wie sieht es mit neuen Brennstäben aus? Er denke, dass die Kraftwerksbetreiber eine Bereitstellung von Brennelementen über 2022 hinaus gewährleisten könnten, eventuell mit finanzieller Unterstützung.

Für den Forscher wäre ein Weiterbetrieb sinnvoll, da Gewinne aus dem Betrieb zum Beispiel in einen Fonds zur Weiterentwicklung neuer Technologien fließen könnten: „Wir reden derzeit viel über Wasserstoff-Technologie, aber ob die Technik schon in Reife vorhanden ist, dahinter muss man ein Fragezeichen machen“, sagt Hurtago. Forschung sei nötig.

Eon bereit für Gespräche, Dena-Chef Andreas Kuhlmann ist skeptisch

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte zuvor angekündigt, angesichts des Krieges in der Ukraine mehrere Szenarien zu prüfen, um die Energieversorgung zu sichern. „Es gibt keine Denktabus“, sagte er. Könnte die Atomkraft also nochmals eine Chance bekommen?

Skeptisch hinsichtlich einer Verlängerung der Kernkraftwerk-Laufzeiten ist Andreas Kuhlmann, Chef der deutschen Energieagentur dena. „In dieser Situation muss man natürlich über alles nachdenken – das macht die Bundesregierung auch“, sagt er. „Eine derart kurzfristige Verlängerung für die Kernkraftwerke ist aber nach allem, was ich weiß, eher nicht machbar, wenn man verantwortlich mit der Sicherheit der Kraftwerke umgehen will“, erklärt er. „Allein für den Einkauf und die Einlagerung neuer Brennstäbe sind gewisse Vorlaufzeiten nötig“, sagt Kuhlmann.

Die Betreiber deutschen Kernkraftwerke hatten bisher kaum Interesse an längeren Laufzeiten gezeigt, nun deutet sich aber eine Kehrtwende an: „In dieser Ausnahmesituation sind wir als Eon bereit, darüber zu sprechen, unter welchen technischen, organisatorischen und regulatorischen Randbedingungen eine verlängerte Nutzung des Kernkraftwerks Isar 2 möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist“, sagte ein Eon-Sprecher am Montag dem Handelsblatt.

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