Herr Stoll, die neue Frühjahrsfinanzschätzung der Deutschen Rentenversicherung sorgt für Schlagzeilen: Ab 2028 steigen die Rentenbeiträge von 18,6 auf 19,9 Prozent, bis 2040 sogar auf über 21 Prozent. Kanzler Friedrich Merz sagt, die staatliche Rente werde künftig nur noch Basisabsicherung sein. Was heißt das für die Versicherten?
THOMAS STOLL: Merz spricht aus, was die Zahlen seit Jahren zeigen. Der sogenannte Eckrentner – also jemand mit 45 Beitragsjahren zum Durchschnittsverdienst – kommt rechnerisch auf eine Standardrente, die etwa 48 Prozent des durchschnittlichen Arbeitseinkommens nach Sozialabgaben und vor Steuern entspricht. Wer weniger Beitragsjahre oder geringere beitragspflichtige Einkommen hat, bleibt in der gesetzlichen Rente deutlich darunter. Umgekehrt können höhere Einkommen und zusätzliche Rentenpunkte die Lage verbessern.
Können Sie uns das in konkreten Zahlen erläutern?
STOLL: Im Rentenbestand lagen die durchschnittlichen monatlichen Zahlbeträge der gesetzlichen Altersrenten nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge und vor Steuern Ende 2024 bei rund 1405 Euro für Männer und 955 Euro für Frauen. Die Schlussfolgerung für jeden Berufstätigen ist klar: Wer im Alter seinen Lebensstandard halten will, muss selbst aktiv werden. Als Faustregel gilt: 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens sollten im Ruhestand zur Verfügung stehen. Was die gesetzliche Rente nicht abdeckt, ist die persönliche Vorsorgelücke – und die zu schließen ist die zentrale Aufgabe.
Kassensturz ist der Beginn für eine Renten-Planung
Viele Menschen schieben das Thema Altersvorsorge weit von sich. Sie haben Angst vor Fehlentscheidungen, vieles erscheint kompliziert. Was empfehlen Sie als ersten Schritt?
STOLL: Altersvorsorge ist wie der regelmäßige Zahnarzttermin: Die meisten wissen, dass er nötig ist – und viele schieben ihn auf, bis es schmerzhaft wird. Dabei ist der erste Schritt einfacher als gedacht. Machen Sie einen Kassensturz: Schauen Sie, was monatlich reinkommt und was rausgeht. Dann holen Sie Ihre letzte Renteninformation aus der Schublade. Die zeigt, welche Rente Sie bisher erworben haben. Damit können Sie Ihre persönliche Vorsorgelücke grob einschätzen. Im Stiftung-Warentest-Ratgeber „Altersvorsorge: Das Set“ habe ich versucht, diesen Einstieg so konkret wie möglich zu machen – mit Checklisten, einem interaktiven Rentenlückenrechner und einem Budgetplaner. Wer die eigene Situation erst einmal schwarz auf weiß vor sich hat, verliert sehr schnell die Scheu und kommt ins Handeln.
Banken und Berater bieten Produkte für die Altersvorsorge an. Doch dahinter verstecken sich auch Kostenfallen. Wo muss ich hellhörig werden?
STOLL: Zunächst eine wichtige Unterscheidung: In Deutschland sind die meisten Finanzberater in erster Linie Produktverkäufer. Ihr Verdienst kommt durch Provisionen beim Vertragsabschluss, die je nach Produkt mehrere Tausend Euro betragen können. Auch Bankberater haben meist Vertriebsvorgaben und erfolgsabhängige Gehaltsbestandteile. Das ist nicht automatisch unseriös, schafft aber Interessenkonflikte: Komplexe und teure Produkte bringen ihnen mehr als einfache und günstige Lösungen.
Worauf kommt es dabei an?
STOLL: Es gibt vier Warnsignale, bei denen man aufhorchen sollte: erstens, wenn fast ausschließlich über Steuervorteile oder staatliche Zulagen gesprochen wird – das ist oft das Sahnehäubchen, aber niemals ein eigenständiger Kaufgrund. Zweitens, wenn nur Produkte einer einzigen Bank oder Versicherungsgesellschaft präsentiert werden. Drittens, wenn Kosten und Entgelte nicht offen und vollständig erklärt werden. Und viertens, wenn Zeitdruck entsteht – „das Angebot gilt nur bis Ende des Monats“. Besonders teuer werden oft aktiv gemanagte Investmentfonds mit hohen Ausgabeaufschlägen und laufenden Entgelten. Nur 5,4 Prozent der Fondsmanager, die den Weltaktienindex MSCI World als Messlatte gewählt haben, schlagen ihn auf Sicht von fünf Jahren. Trotzdem kosten ihre Fonds im Vergleich zu ETF ein Mehrfaches. Wer sich neutral informieren möchte, kann eine Verbraucherzentrale aufsuchen. Dort zahlt man 50 bis 90 Euro pro Stunde und bekommt eine unabhängige Einschätzung.
Vermögenswirksame Leistungen nicht verfallen lassen
Der Staat versucht, mit Förderprogrammen zu unterstützen. Welche würden Sie als empfehlenswert betrachten?
STOLL: Beginnen wir mit den Arbeitnehmern: Sehr attraktiv kann die betriebliche Altersvorsorge mit Arbeitgeberzuschuss sein. Seit 2019 müssen Arbeitgeber mindestens 15 Prozent des umgewandelten Betrags zuzahlen, sofern sie Sozialabgaben sparen – viele geben mehr. Gegenrechnen muss man allerdings Produktkosten, geringere Sozialversicherungsansprüche und Abgaben in der Auszahlphase. Ähnliches gilt für die Vermögenswirksamen Leistungen: Millionen von Beschäftigten lassen hier Geld liegen, das ihnen nach Tarif- oder Arbeitsvertrag zusteht – bis zu 40 Euro monatlich vom Arbeitgeber. Hinzu kommt die Arbeitnehmersparzulage von bis zu 80 Euro für Alleinstehende mit einem zu versteuernden Einkommen bis 40.000 Euro. Für Verheiratete gelten gemeinsam die doppelten Werte. In Kombination mit einem ETF-Sparplan auf einen Weltaktienindex können sich daraus über die Jahre beachtliche Beträge entwickeln.
Was ist mit der Riester-Rente?
STOLL: Die Riester-Rente empfehle ich nur in Ausnahmefällen: Sie lohnt sich vor allem für Familien mit mehreren Kindern und geringem Einkommen, wenn die staatlichen Zulagen einen Großteil des Eigenbeitrags abdecken. Für alle anderen sind die Produkte meist zu teuer und zu unflexibel. Außerdem ist Riester ein Auslaufmodell: Ab 2027 wird ein neues, gefördertes Altersvorsorgedepot die Riester-Rente ablösen – mit gedeckelten Kosten und Garantien für diejenigen, die das wünschen. Bestehende Riester-Verträge sollte man aber nicht vorschnell kündigen, sondern auf Umstiegsmöglichkeiten warten oder gegebenenfalls stilllegen. Die Rürup-Rente lohnt sich vor allem für Selbstständige und gutverdienende Angestellte und Beamte, die ihre Steuerlast senken wollen.
Viele Menschen denken erst mit einem gewissen Alter über die Rente nach. Ist es mit 50 zu spät, fürs Alter vorzusorgen?
STOLL: Nein, definitiv nicht, aber der Aufwand steigt. Wer mit 50 beginnt, braucht bei gleichem Sparziel und vier Prozent Zinsen nach Kosten und Steuern das 3,7-Fache an monatlicher Sparrate gegenüber jemandem, der mit 30 angefangen hat, wenn beide mit 65 in Rente gehen wollen. Das bedeutet aber nicht, dass der Zug abgefahren ist. Selbst 100 oder 200 Euro zusätzlich im Monat können am Ende den Unterschied machen zwischen knapp und ausreichend.
Besonders Frauen müssen für die Rente vorsorgen
Worauf muss ich achten?
STOLL: Zwei Punkte sind besonders relevant: Erstens können Versicherte ab 50 freiwillige Ausgleichszahlungen an die gesetzliche Rentenversicherung leisten, um spätere Abzüge bei einem vorzeitigen Rentenbeginn ganz oder teilweise zu kompensieren. Solche Zahlungen können steuerlich und rentenstrategisch attraktiv sein. Entscheidend sind Grenzsteuersatz, Liquidität, Gesundheitszustand, geplanter Rentenbeginn und alternative Anlagemöglichkeiten. Zweitens gibt es seit Januar 2026 die Aktivrente: Wer das gesetzliche Rentenalter erreicht hat und sozialversicherungspflichtig weiterarbeitet, darf bis zu 2000 Euro monatlich aus dieser Tätigkeit steuerfrei hinzuverdienen. Selbstständige und Minijobber sind davon ausgenommen.
Vor allem Frauen stehen im Alter häufig mit wenig Geld da. Was würden Sie speziell ihnen raten?
STOLL: Das ist eines der dringendsten Probleme bei der Rente in Deutschland. Frauen erhalten im Schnitt rund 450 Euro weniger Nettorente als Männer. Der Grund liegt meistens nicht in schlechter Vorsorge, sondern in strukturellen Benachteiligungen: Teilzeitarbeit, Elternzeiten, Phasen der Angehörigenpflege, unterbrochene Erwerbsbiografien, schlechtere Bezahlung von Frauen im Vergleich zu Männern bei gleicher Tätigkeit. Doch es gibt zumindest eine gute Nachricht für Mütter: Für ab 1992 geborene Kinder werden bis zu drei Jahre Kindererziehungszeit anerkannt. Bei älteren Kindern bringt die Mütterrente III die volle Gleichstellung. Drei Jahre entsprechen drei Rentenpunkten und bei zwei Kindern nach heutigem Rentenwert 255 Euro Monatsrente.
Welche Möglichkeiten gibt es darüber hinaus?
STOLL: Paare sollten das Thema Altersvorsorge gemeinsam planen und fair aufteilen. Wer in Teilzeit geht, um Familienarbeit zu leisten, erwirbt weniger Rentenpunkte. Wenn der besserverdienende Partner hier keinen Ausgleich schafft – etwa durch einen zusätzlichen Sparplan – entstehen im Alter Lücken. Ich empfehle, das offen anzusprechen und wenn nötig vertraglich zu regeln. Gerade bei unverheirateten Paaren ist ein vertraglicher Ausgleich besonders wichtig, weil gesetzliche Schutzmechanismen wie Versorgungsausgleich oder Zugewinnausgleich nicht automatisch greifen. Und schließlich: Frauen sollten unbedingt ein eigenes Depot führen. Das erleichtert vieles, vor allem im Trennungsfall.
Je stärker das Renteneintrittsalter angehoben wird, umso größer der Wunsch, vorher aus dem Beruf auszusteigen. Aber wann kann man sich das leisten – und wann sollte man besser weiterarbeiten?
STOLL: Früher aufhören zu wollen ist verständlich – aber es hat einen Preis. Für jeden Monat, den man vor der Regelaltersgrenze in Rente geht, werden 0,3 Prozent dauerhaft von der Monatsrente abgezogen. Vier Jahre früher bedeuten 14,4 Prozent weniger Rente – und zwar lebenslang. Dazu kommt: Wer früher aufhört, zahlt weniger ein und sammelt weniger Rentenpunkte, gerade in den letzten Erwerbsjahren, wenn das Einkommen oft am höchsten ist. Rechnet man beide Effekte zusammen, übersteigt die regulär bezogene Rente ab 67 die früh begonnene Rente ab 63 beim Eckrentner in Summe dennoch erst im 82. Lebensjahr.
Experte rät zu Investitionen in ETF
Heißt das, die Frührente lohnt fast immer?
STOLL: Die Frage lautet eigentlich: Reicht das Geld jeden Monat, auch wenn es 14,4 Prozent weniger Rente sind? Die Frührente kann die richtige Entscheidung sein, wenn gesetzliche Rente, private Ersparnisse und gegebenenfalls Mieteinnahmen die laufenden Kosten dauerhaft decken – unter Berücksichtigung der Inflation und möglicher Pflegekosten im hohen Alter. Bei alledem gilt: Planen Sie für einen Rentenbezug eher mindestens bis 85, nicht bis 75. Die Lebenserwartung steigt, und das Kapital muss länger reichen. Wer dagegen wenig gespart hat, tut gut daran, die letzten Erwerbsjahre voll mitzunehmen – oder mithilfe der Aktivrente über das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten.
Altersvorsorge ohne Aktien oder ETF – geht das überhaupt noch? Oder sollten die Deutschen ihre Scheu vor Aktien ablegen?
STOLL: Technisch gesehen: Ja, es geht auch ohne Aktien. Bei einem langfristigen Vermögensaufbau schwächt ein vollständiger Verzicht auf Aktien jedoch die Renditechancen und erfordert höhere Sparraten. Je kürzer der Anlagehorizont und je geringer die Risikotragfähigkeit, desto wichtiger wird aber ein Sicherheitsbaustein auf Zinsbasis, wie ihn auch das Pantoffel-Portfolio der Stiftung Warentest vorsieht. Dieses Anlagekonzept heißt so, weil es wenig Arbeit macht und daher bequem ist wie ein Pantoffel.
Was kam dabei für Anlegerinnen und Anleger konkret raus?
STOLL: Die Zahlen sprechen für sich: Über die letzten 30 Jahre brachte ein ETF-Sparplan auf den MSCI World nach Kosten 9 Prozent Rendite pro Jahr. Das ausgewogene Pantoffel-Portfolio der Stiftung Warentest – zur Hälfte in ETF, zur Hälfte in Zinsanlagen – kam nach Kosten und vor Steuern auf 6,3 Prozent. Aus 200 Euro Sparrate über 30 Jahre wurden beim ausgewogenen Portfolio rund 206.100 Euro, beim offensiven mit 75 Prozent ETF sogar 273.200 Euro. Tagesgeld allein hätte mit knapp 102.200 Euro deutlich schlechter abgeschnitten.
Zur Person
Thomas Stoll (60) ist Wirtschaftsjournalist und Autor des Stiftung-Warentest-Ratgebers „Altersvorsorge: Das Set“. Das Buch führt in fünf Schritten zur persönlichen Vorsorgestrategie und enthält unter anderem einen interaktiven Rentenlückenrechner, einen Budgetplaner und konkrete Empfehlungen zu staatlicher Förderung. Mehr Information finden Sie unter altersvorsorge-set.de.
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