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Contergan-Skandal
31.08.2012

50 Jahre später: Entschuldigung an Contergan-Opfer

Contergan-Opfer warten heute noch darauf, dass sich die Familie Wirtz ihrer Verantwortung stellt. (Bild: Stefan Puchner/dpa)

Ein halbes Jahrhundert ist nach dem Contergan-Skandal vergangen. Jetzt hat sich der Hersteller bei einer öffentlichen Veranstaltung entschuldigt.

1961 erschütterte der Contergan-Skandal die Adenauer-Republik. Kinder mit stark verkrüppelten Armen wurden geboren. Zunächst hatte man damals geglaubt, die Missbildungen müssten an Atomwaffentests liegen. Doch dann zeigte sich: Das Schlafmittel Contergan war schuld. Und dessen Hersteller hieß Grünenthal.

Contergan: 10.000 verkrüppelte Babys geboren

Das Unternehmen hat ein schlechtes Image. Als damals, vor mehr als 50 Jahren, die ersten der insgesamt 10 000 verkrüppelten Babys geboren wurden, stritt es zunächst alles ab. Später im Prozess, einem der größten der Nachkriegsgeschichte, vermied es ein Schuldeingeständnis. Und noch vor fünf Jahren versuchte es mit allen juristischen Mitteln, die Ausstrahlung des WDR-Films "Eine einzige Tablette" zu verhindern. Der Film wurde später mehrfach preisgekrönt. Immerhin: Stocks Vorgänger Sebastian Wirtz hat sich erstmals mit Contergan-Opfern an einen Tisch gesetzt. Und jetzt hat das Unternehmen das wohl erste Denkmal für die Opfer gesponsert. Für 5000 Euro. Es steht - noch verhüllt - im Foyer.

Firma Grünenthal entschuldigt sich

Die Spannung ist spürbar, als Harald Stock, Geschäftsführer der Firma Grünenthal, die Bühne betritt. In den rot gepolsterten Sesseln des Theatersaals im Stolberger Kulturzentrum sitzen viele Männer und Frauen mit stark verkrüppelten Armen - Opfer des Conterganskandals.

Es ist sehr still im Saal. Alle Augen sind auf Stock gerichtet. Auch Ferdi Gatzweiler (SPD), der Stolberger Bürgermeister, hat ihn im Blick. Der schwergewichtige Mann hat zuvor in rheinischem Tonfall wortreich verteidigt, warum die Stadt der Aufstellung des Denkmals zugestimmt hat. "Allein die Medienpräsenz zeigt mir nochmals eindeutig die Wichtigkeit dieses Themas." Anfangs, das lässt er durchblicken, konnte er sich nicht so recht damit anfreunden. Aber der Initiator Johannes Igel, selbst ein Contergangeschädigter, hat ihn überzeugt. Tatsächlich war es allein Igel, der die Idee zu dem Denkmal gehabt und es dann auch durchgeboxt hat. Zum großen Ärger des Bundesverbands Contergangeschädigter. Der spricht von einer zynischen PR-Aktion Grünenthals.

Denkmal für Contergan-Opfer

Stock trägt als einer von nur sehr wenigen im Saal Anzug und Krawatte. Ein hagerer Managertyp. Aber er spricht mit bedächtiger, ruhiger Stimme. Er bedankt sich, an dieser Stelle reden zu dürfen. Die Bereitschaft, ihm, einem Grünenthal-Vertreter, zuzuhören, zeuge von Größe. Stock lobt Herrn Igel, der ein wirklich mutiger Mann sei. Das Denkmal sieht er als ein Symbol für eine "Entwicklung zu dauerhaftem Dialog".

Und dann kommt es: "Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, von Mensch zu Mensch, gefunden haben. Stattdessen haben wir geschwiegen." Hier und da hört man ein Raunen im Saal. Und als Stock Augenblicke später die Bühne verlässt, brandet Beifall auf.

Sobald es wieder still ist, meldet sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort. Sie ist keineswegs zufrieden mit der Erklärung. Schöne Reden seien das eine, aber was die Opfer wirklich bräuchten, sei Geld. Es ist eine Forderung, die die Geschädigten-Verbände seit langem erheben. Beispiel Zahnersatz: Viele Opfer kommen jetzt in das Alter, und sie brauchen, so sagen sie, Zahnersatz, der über das normale "AOK-Gebiss" hinausgeht. Weil sie sehr viel mit den Zähnen machen. Machen müssen. Flaschenöffnen zum Beispiel.

Die kurze Feierstunde ist zuende. Alle treten vor das Denkmal: Ein Mädchen mit verkrüppelten Armen auf einem Stuhl, daneben noch ein zweiter Stuhl, der leer ist. Konnte es nicht etwas größer ausfallen? Muss es hier stehen, an diesem wenig repräsentativen Ort? Herrn Stock kann man das leider nicht mehr fragen - er ist schon entschwunden, durch einen Nebeneingang. Für heute hat man genug getan. dpa/AZ

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