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Coronavirus

20.06.2020

Impfstoff, Medikamente, Antikörpertest: Wo stehen wir im Kampf gegen die Pandemie?

Weltweit arbeiten Forschungseinrichtungen an einem wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus.
Bild: Britta Pedersen, dpa

Plus Ob eine zweite Welle von Corona-Infizierten kommt, ist unklar. Wir wären aber besser gerüstet als zuvor. So weit ist die Wissenschaft bei Impfstoff, Medikamenten, Antikörpertests.

Aus dem Archiv: Das Leben in der Pandemie ist ein ständiger Kampf. Um gegen das Virus zu bestehen, tragen wir Masken, halten Abstand, verzichten auf den Besuch bei Verwandten. Und damit ist Deutschland bisher glimpflich durch die Krise gekommen. Die Reproduktionszahl lag nach den Maßnahmen fast immer unter eins, die Neufiniziertenzahl ging zurück und das Gesundheitssystem konnte der Pandemie standhalten. Die Zahl der Infizierten steht laut Johns-Hopkins-Universität bei etwa 195.000, die Zahl der Toten bei knapp 9000. Länder wie Frankreich, das Vereinigte Königreich oder Spanien zählen mehr Infizierte und fast vier Mal so viele Tote - bei geringeren Einwohnerzahlen. Ob jetzt eine zweite Welle kommt, hängt auch von unserem Verhalten ab. Wir sind aber definitiv besser gerüstet.

 

Coronavirus: Ob eine zweite Welle kommt, hängt von unserem Verhalten ab

Es ist schwer zu sagen, wie sich die Pandemie in Zukunft entwickelt. Auch Forscher sind sich uneins. Klar ist aber: Es liegt ein Stück weit in unserer Hand. „Wenn jetzt alle Leute anfangen, sich in großen Gruppen zu treffen, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass eine zweite Welle kommt“, sagt der Virologe Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Institut in Braunschweig. Bleibt alles so wie jetzt, haben wir eine gute Chance, das Virus in Schach zu halten.

Falls sie aber kommt, die zweite Welle, sind wir besser vorbereitet als noch im März. Der entscheidende Vorteil: Wissen. „Bei der ersten Welle haben wir verstanden, womit wir sie bekämpfen können. Wir wissen, wir müssen zwei Meter Abstand halten, eine Maske tragen und in den Ellenbogen niesen“, sagt Cicin-Sain.

Dabei unterstützen uns in Zukunft drei entscheidende Waffen. Die Corona-App, der Antikörpertests und final ein Impfstoff. Die App ist seit zwei Wochen verfügbar. Mit ihr können wir eben jenen Vorteil an Wissen, den wir heute haben, vertiefen. „Die Idee dieser Apps ist ja, den Fluss der Informationen zu beschleunigen. Und damit besser informiert zu sein, wer tatsächlich infiziert ist und wer die Kontaktpersonen waren.” Über Bluetooth registriert die App die Kontaktpersonen des Users. Ist davon eine als infiziert gemeldet, wird der User benachrichtigt.

Antikörpertests vertiefen das Wissen über die Infektionskette

Auch die zweite Waffe, der Antikörpertest, ist darauf ausgelegt, unser Wissen über die Infektionskette zu vergrößern. Er soll zeigen, wer das Virus schon in sich getragen hat. Die Schweizer Firma Roche hat den bisher genauesten Antikörpertest auf den Markt gebracht. Verglichen mit früheren Epidemien wurde er in Rekordzeit entwickelt. „Wir haben in den letzten dreißig Jahren eine ganze Palette von Antikörpertests für verschiedene Infektionskrankheiten erstellt. Die Entwicklungszeit war da typischerweise zwei bis drei Jahre, manchmal auch länger“, sagt Beatus Ofenloch-Haehnle, Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung bei Roche. Die Arbeit an diesem Test ist im Februar gestartet, eingeführt wurde er Ende April. „Ich habe noch nie eine solche Entwicklung erlebt. Viele Dinge, die früher viel länger gedauert haben, bekommt man heute schnell hin.“

Die Frage ist jetzt, wie der Antikörpertest eingesetzt werden sollte. Flächendeckend die gesamte Bevölkerung zu testen ist wegen statistischer Abweichungen schwierig. „Meiner Meinung nach macht ein Einsatz im Rahmen epidemologischer Studien Sinn, um die Realsituation zu erfassen“, sagt Ofenloch-Haehnle. Eine solche Studie führen Forscher der Ludwig-Maximilian-Universität aktuell in München durch. Sie testen dort die Bewohner von 3000 zufällig ausgewählten Haushalten auf Antikörper. Damit wollen die Forscher Erkenntnisse über die Höhe der Dunkelziffer gewinnen.

 

Wer mit dem Coronavirus infiziert wurde, könnte immun sein

Ein anderes Anwendungsgebiet für den Antikörpertest könnten Menschen sein, die sich beruflich dem Virus aussetzen. „In Krankenhäusern oder Pflegeheimen könnte das Personal getestet werden, um abzuschätzen, wie hoch das Risiko ist.”

Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Menschen mit Antikörpern immun gegen Covid-19 sind. Dieser Zusammenhang ist aber noch nicht endgültig bewiesen. Die Forschung dazu verläuft grob in zwei Schritten. Wissenschaftler untersuchen zunächst in der Petrischale, ob die Anwesenheit von Antikörpern die Ausbreitung des Virus stoppt. „Diesen Zusammenhang kann man fast als gesichert annehmen“, sagt Ofenloch-Haehnle.

Das Verhalten in der Petrischale lässt sich aber nicht zwangsläufig auf den menschlichen Körper übertragen. „Der nächste Schritt ist deshalb zu untersuchen, ob die betreffende Person dann auch geschützt ist. Diese Frage lässt sich nur in sogenannten Immunitätsstudien beantworten.“ Die Forscher schauen dabei auf das natürliche Infektionsgeschehen. Sie vergleichen die Verbreitung der Krankheit bei Menschen, die positiv getestet wurden, mit jenen, die keine Antikörper in sich tragen. Und das kann dauern.

 

So weit ist die Forschung bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs

Die letzte wichtige Waffe gegen das Virus ist ein Impfstoff. Derzeit laufen dazu weltweit etwa 150 Forschungsprojekte. Die Forscher analysieren das Virus und designen einen Impfstoff, der zunächst an Tieren getestet wird. Ist er ungefährlich, wird der Stoff auch an Menschen untersucht. Das läuft in drei Phasen. Zunächst wird in einer kleinen Gruppe die Verträglichkeit getestet, dann in einer etwas Größeren die Immunität und in der letzten Phase wird an einer großen Fallzahl untersucht, ob der Schutz zuverlässig ist. Erst dann kann eine Zulassung beantragt werden.

„Die wichtigsten Fortschritte in letzter Zeit waren, dass einige Impfstoff-Projekte in die klinische Erprobung gegangen sind. Das heißt, man konnte die Tierversuchsphase positiv abschließen“, sagt Dr. Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA). Aktuell befinden sich 14 dieser Projekte in Phase zwei der Erprobung am Menschen. „Man kann sagen, für diese Projekte ist die Hürde der Verträglichkeit genommen. Jetzt muss sich zeigen, wie gut die Impfstoffe den menschlichen Körper schützen.“ Aus Deutschland sind die Firmen Biontech und Curevac mit einem Impfstoff unter diesen führenden 14 Unternehmen vertreten.

Wissenschaftler testen neue Medikamente gegen Corona

In den Laboren wird aber nicht nur nach einem Impfstoff gesucht, sondern auch nach Medikamenten. “Da wissen wir ja jetzt seit relativ kurzer Zeit von einem Medikament, dass die Krankheitszeit verkürzen kann”, sagt Hömke. In Europa läuft dazu aktuell ein Zulassungsverfahren für das gescheiterte Ebola-Medikament Remedesivir. Außerdem arbeiten Forscher daran, gänzlich neue Medikamente zu entwickeln. Einige dieser Studien sind inzwischen soweit, dass man sie am Menschen erproben kann. Der Erfolg ist noch ungewiss. “Wenn es da aber gute Ergebnisse gibt, wird man wahrscheinlich schon in einigen Monaten ein zugelassenes Medikament haben”, sagt Hömke.

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