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Neonicotinoid

30.06.2017

Insektizide gefährden Bienenpopulation

Zwei neue Studien belegen die schädliche Wirkung von Neonicotinoiden. In Deutschland ist die Gesundheit der Bienen wohl besser als bei unseren Nachbarn.
Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Dass die Bienenpopulationen seit Jahren zurückggehen, ist ein großes Problem. Jetzt belegen zwei neue Studien: Neonicotinoid-Insektizide sind gefährden die Bienen.

Die Bienenpopulationen gehen seit Jahren zurück- das ist ein Fakt und ein großes Problem. Allein Bienen bestäuben 71 der 100 Feldfrüchte, aus denen 90 Prozent der Nahrungsmittel weltweit erzeugt werden, schreibt etwa die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) unter Berufung auf Angaben der Welternährungsorganisation (FAO). Deshalb wird seit Jahren diskutiert, ob gewisse Insektizide den kleinen Nützlingen schaden. Für Randolf Menzel ist die Sache ziemlich klar: Insektenvernichtungsmittel aus der Gruppe der Neonicotinoide schaden Bienen und Hummeln. Der Neurobiologe von der FU Berlin hat fast sein ganzes Wissenschaftlerleben der Erforschung dieser Insekten gewidmet. In mehreren Untersuchungen hat er gezeigt, dass die Substanzen unter anderem die Navigationsleistung der Insekten stören und ihr Gedächtnis beeinträchtigen.

Dieser Meinung schließen sich auch viele Umweltschützer und Imker an. Zwei im Fachmagazin "Science" veröffentlichte Studien aus Großbritannien und Kanada scheinen ihnen nun Recht zu geben: Sie kommen zu dem Schluss, dass Neonicotinoid-Insektizide (NNI) die Gesundheit von Bienen und Hummeln beeinträchtigen.

So schaden die Insektizide den Bienen

Neonicotinoide sind synthetisch hergestellte Insektengifte. Die Substanzen binden sich an einen Rezeptor auf Nervenzellen und stören so die Weiterleitung von Nervenreizen. Häufig werden sie als Saatgutbeizmittel eingesetzt, beim Wachsen verteilt sich das Gift dann in der Pflanze - bis in Pollen und Nektar. So können auch nützliche Insekten wie Bienen und Hummeln die Stoffe aufnehmen.

Die Frage, inwieweit dies den Nutzinsekten schadet, bewegt die Gemüter seit langem. Studien, die negative Auswirkungen auf Bienen und Hummeln fanden, gibt es zuhauf. So zeigten Schweizer Forscher 2016, dass bestimmte NNI die Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen verringern und deren Lebensspanne senken können. Eine andere Studie zeigte, dass Bienen mit NNI behandelte Pflanzen nicht etwa meiden, sondern sogar bevorzugt ansteuern. Aufgrund mehrerer Untersuchungen beschloss die Europäische Kommission 2013 ein Moratorium, das die Anwendung der drei als besonders gefährlich erachteten NNI in der EU stark einschränkt.

Obwohl diese Einschränkung prinzipiell eine positive Sache ist, bemängeln Kritiker des Moratoriums, die wohl angeblich unrealistischen Bedingungen der Studien. Sie behaupten, dass die Belastungen der Insekten bei den Bedingungen der Studien viel höher waren, als  es im Freiland zu erwarten wäre. Sie führen Studien an, in denen Forscher keine oder nur geringfügige negative Effekte fanden. Die beiden aktuellen Studien dürften die Diskussion um die Substanzen nun weiter anheizen.

Erste Studie untersucht Insektizide in Deutschland, Großbritannien und Ungarn

Ein Wissenschaftlerteam um Ben Woodcock vom britischen Natural Environment Research Council führte Freilandversuche in drei Ländern durch, in Deutschland, Ungarn und in Großbritannien. Finanziert wurde diese Studie von Bayer CropScience und Syngenta, den jeweiligen Herstellern der getesteten Neonicotinoide Clothianidin und Thiamethoxam.

Die Wissenschaftler setzten in den drei Ländern Honigbienen, Erdhummeln und Rote Mauerbienen neben Rapsfeldern aus, bei dem ein Teil  der Pflanzensamen, mit NNIs behandelt worden war. Ein Ergebnis: In Großbritannien und in Ungarn sank die Überwinterungsfähigkeit der Honigbienen neben den NNI-Feldern.

In Deutschland fanden die Forscher diesen Effekt nicht. Warum, können sie nicht genau erklären. Sie vermuten, dass verschiedene Umweltbedingungen in den einzelnen Ländern die Unterschiede hervorrufen. Denkbar sei auch, dass der Gesundheitszustand der deutschen Bienen insgesamt besser ist, sie damit nicht so empfindlich auf eine NNI-Belastung reagieren. In allen drei Ländern schmälerten Neonicotinoid-Rückstände in den Nestern den Fortpflanzungserfolg der Hummel und der Wildbienen-Art.

Auch hier äußern unabhängige Fachkollegen Kritik, da die erste Studie in Teilen wohl problematisch ist. Es gebe methodische Schwächen, die gemessenen Parameter seien sehr grob. "Die Menge an Neonicotinoiden, die in der Studie ausgebracht wurden, variieren und es ist auch unklar, warum verschieden hohe Saatgutkonzentrationen ausgebracht wurden, beziehungsweise, wie realistisch die sind", sagt etwa der Ökotoxikologe Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau. Dennoch zeige die Studie klare Effekte sowohl auf Honig- als auch auf Wildbienen. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig ergänzt: "Die Studie scheint mir bezüglich des Versuchsaufbaus nicht angemessen gut vorbereitet worden zu sein."

Zweite Studie untersucht Insektizid-Belastung in Nordamerika

In der zweiten Studie hatten kanadische Forscher um Nadia Tsvetkov von der York University in Toronto die NNI-Belastung in Kolonien von Honigbienen gemessen, die neben landwirtschaftlichen Feldern oder fernab davon lebten. In den Kolonien neben den Feldern fanden sie in Tieren, Pollen und Honig deutlich häufiger NNIs und andere Chemikalien. Am stärksten belastet waren die Pollen, und zwar erstaunlicherweise zumeist die von Wildpflanzen. Dies deute daraufhin, dass sich die wasserlöslichen NNI von den Feldern in die Umgebung ausbreiten, schreiben die Forscher. Sie zeigten desweiteren, dass unter anderem das Hygieneverhalten der Bienen beeinträchtigt wurde und dass Fungizide die toxische Wirkung der Neonicotinoide verstärken.

Alles in allem scheinen die beiden Studien die Vorbehalte gegenüber den NNI zu bekräftigen. "Beide Studien liefern keinerlei Anhaltspunkte für eine Entwarnung, ganz im Gegenteil", sagt etwa Menzel. Die Studien zeigten erneut die negativen Auswirkungen auf Nützlinge wie Bienen und Hummeln, was in politische Entscheidungen zum vollständigen Neonicotinoidverbot in der EU einbezogen werden sollte, sagt auch Brühl.

Ob die wissenschaftlichen Daten in absehbarer Zeit zu einem dauerhaften Verbot der Substanzen führen, ist noch offen. Eine endgültige Bewertung durch die Zulassungsbehörden steht aus, ebenso wie das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zu einer Klage von Bayer CropScience und Syngenta gegen die Anwendungsbeschränkung. dpa

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