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Gesundheit

10.12.2014

Interview: Ist die Haut wirklich der Spiegel der Seele?

Die Haut ist ein sensibles Organ. Erkrankungen wirken sich oft auch auf die Psyche aus - und umgekehrt.
Bild: Friso Gentsch (dpa)

Psychodermatologe Professor Uwe Gieler von der Uniklinik Gießen erklärt, wie Haut und Seele miteinander verknüpft sind – und wie selbst Fußpilz psychische Probleme verursachen kann.

Man sagt, die Haut sei der Spiegel der Seele. Gibt es wirklich eine enge Verbindung zwischen Haut und Psyche?

Prof. Uwe Gieler: Ja, zwischen Haut und Psyche besteht auf jeden Fall eine enge Verbindung. Haut, Gehirn und Nervensystem entstehen beim Embryo aus dem gleichen Keimblatt, dem Ektoderm. Man weiß heute, dass die Nervenenden in die Haut hineinragen, dort Botenstoffe ausschütten und direkten Kontakt zu den Abwehrzellen der Haut haben. Bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis, Schuppenflechte, Nesselsucht und Akne wird besonders deutlich, wie eng Haut und Psyche miteinander verknüpft sind.

Wie hoch ist der Anteil der Hautkrankheiten, die mit psychischen Problemen einhergehen?

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Gieler: Da gibt es inzwischen recht gute Zahlen. Etwa 20 bis 25 Prozent der Patienten, die an einer Hauterkrankung leiden, haben psychische Probleme wie Depressionen und Angststörungen. Das ist also etwa jeder Vierte.

Experte: Jeder vierte Patient mit Hauterkrankung hat psychische Probleme

Das heißt aber nicht, dass psychische Faktoren auch der Auslöser ihrer Krankheit sind.

Gieler: Richtig, da muss man unterscheiden. Es kann auch sein, dass Hautkrankheit und psychische Probleme parallel auftreten und nichts miteinander zu tun haben. Ein geschulter Arzt oder Therapeut muss herausfinden, ob es einen Zusammenhang gibt. Klar ist aber, dass eine psychische Störung sehr häufig Folge einer Hautkrankheit ist. Zum Beispiel trauen sich mehr als 30 Prozent der Menschen, die an einer Schuppenflechte leiden, nicht mehr ins Schwimmbad oder in den Sportverein. Das kann zu einem sozialen Rückzug führen, der emotionalen Stress bedeutet und so wiederum die Schuppenflechte verstärken kann.

Wie entkommt man diesem Teufelskreis? Ist es dann nicht doch gut, erst mal dick Cortison-Creme aufzutragen, damit sich die Haut schnell bessert?

Gieler: Auf jeden Fall, aber nicht „dick“, sondern nach Anweisung der Hautärzte gezielt und mit Planung, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Eine adäquate dermatologische Behandlung ist Grundvoraussetzung dafür, dass sich die Lebenssituation bessert. Aber sie ist manchmal nicht alles. Zum Beispiel kann es sein, dass sich ein Patient mit Schuppenflechte weiter stigmatisiert fühlt, weil seine Symptome dadurch nicht zu hundert Prozent verschwinden. Da ist es wichtig, nach den Begleitfaktoren zu suchen.

Ist es von Mensch zu Mensch unterschiedlich, wie stark man über die Haut reagiert?

Gieler: Natürlich. Es gibt persönlichkeitsbedingte Eigenschaften, die eine wichtige Rolle spielen. Für manche Menschen ist das Wasserglas immer halb voll, für andere immer halb leer. So gibt es auch Familien, die grundsätzlich ängstlich sind und für die jede kleine Schnittwunde gleich eine Katastrophe ist. Das wirkt sich bei Hauterkrankungen aus. Zum Beispiel fragt man sich bei einer nachgewiesenen Allergie, was da noch alles sein könnte. Solche Ängste können wiederum die Allergien verstärken. Es hängt also viel davon ab, wie stark die neurotische Grundbelastung ist.

Nur wenige Dermatologen haben psychosomatische Grundausbildung

Bei welchen Krankheiten ist der psychische Einfluss besonders groß? Neurodermitis?

Gieler: Neurodermitis wird gerne als Prototyp genannt, weil die Zusammenhänge zwischen Psyche und Erkrankung hier am besten nachgewiesen sind. In der Tat ist klar, dass hier Stresssituationen zu einer Verschlechterung des Hautbilds führen können. Das haben wir auch bei einer Studie an unserer Klinik sehen können, bei der dadurch, dass die Teilnehmer frei sprechen mussten, eine Stresssituation erzeugt wurde. Ich meine aber, dass auch bei allen anderen Hauterkrankungen psychische Faktoren im gleichen Ausmaß eine Rolle spielen können.

Fußpilz hat aber doch wohl kaum etwas mit der Psyche zu tun.

Gieler: Das stimmt schon, aber es gibt Ausnahmesituationen. Ich kannte zum Beispiel Patienten, die so extreme Angst vor einer Fußpilzinfektion hatten, dass sie keine Schuhe mehr anziehen wollten. Insofern kann auch daraus ein psychisches Problem werden.

Hautärzte stehen meist unter Druck, die Praxen sind stark überlaufen. Können sie auf die Psyche eingehen?

Gieler: In den fünf bis acht Minuten, die ein Hautarzt für einen Patienten hat, kann er keine therapeutischen Maßnahmen umsetzen. Die Zeit reicht aber, um psychische Faktoren zu erkennen und den Patienten zusätzliche Therapien zu empfehlen. Sie zu erkennen, ist keine Frage der Intuition, sondern erfordert eine Ausbildung. Und die haben definitiv zu wenige. Nur etwa fünf Prozent der Dermatologen haben eine Zusatzausbildung in psychosomatischer Grundversorgung. Das sind wesentlich weniger als etwa bei Allgemeinmedizinern.

Entspannungstechniken wie Yoga können gegen Hauterkrankungen helfen

Gibt es Medikamente, die psychische Reaktionen des Körpers so dämpfen, dass sich das Hautbild verbessert?

Gieler: Wir nutzen in der Dermatologie bereits Psychopharmaka, zum Beispiel Anti-Depressiva und Neuroleptika, um quälenden Juckreiz zu lindern. Die Mittel haben aber viele Nebenwirkungen, die man als Arzt kennen muss. Auch hier fehlt es oft an der nötigen Ausbildung.

Was kann man als Patient tun, wenn man eine psychische Beteiligung vermutet? Muss man gleich zur Therapie?

Gieler: Zuerst kann man selber schauen: Ist die Psyche für mich ein Einflussfaktor? Kann ich leicht etwas ändern? Außerdem ist es oft hilfreich, mit einer vertrauten Person zu sprechen. Ein weiterer Schritt wäre, auf die Lebensbilanz zu schauen: Steht zum Beispiel der Beruf zu sehr im Vordergrund? Als nächste Stufe kommen Entspannungstechniken infrage, etwa Yoga, Pilates, Feldenkrais oder Autogenes Training. Oft sind auch Berührungsmaßnahmen wie Massagen und Physiotherapie sinnvoll. Eine weitere Möglichkeit wäre, eine Selbsthilfe-Gruppe aufzusuchen – wenn es denn für diese Hauterkrankung eine gibt. Dann erst kommt die Möglichkeit einer ambulanten oder stationären Psychotherapie.

Sie sagen, Berührungen seien hilfreich. Haben Menschen mit Hautleiden nicht ein zwiespältiges Verhältnis dazu?

Gieler: Ja, dennoch sind Berührungen und Massagen oft hilfreich. Gerade hat eine japanische Arbeitsgruppe beobachtet, dass Babys, die ein sehr hohes Neurodermitis-Risiko haben, seltener erkranken, wenn sie konsequent eingecremt werden. Das Cremen ist immer zugleich Massage. Auch bei unserer Neurodermitis-Schulung an der Uni Gießen zeigen wir Babymassagetechniken und empfehlen sie. Dadurch verbessert sich zumindest die Eltern-Kind-Beziehung. Und auch für Erwachsene gilt: Berührung ist ein wichtiges Gefühl, das uns in unserer eigenen Haut bestätigt und unser Wohlbefinden steigert.

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