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Ernährung

17.03.2015

Macht Weizen dick und krank?

Nicht jeder Mensch verträgt Gluten. Deshalb müssen Lebensmittel entsprechend gekennzeichnet sein.
Bild: Peter Endig (dpa)

Weizen macht dick und krank sagen US-Mediziner. Dem widerspricht ein Deutscher Professor und sagt außerdem, dass nicht jede Art der Weizenunverträglichkeit mit Gluten zu tun hat.

Forever-young- Guru Dr. Ulrich Strunz geht wie gewohnt in die Vollen: „Unser täglich Brot macht uns blöd“, überschreibt er das erste Kapitel seines neuesten Werkes mit dem Titel „Warum macht die Nudel dumm?“. Darin führt er einen wahren Feldzug gegen Kohlenhydrate, egal ob in Brot oder Pasta: Nudeln machen nicht nur dumm, sondern auch dick und süchtig, behauptet der selbst ernannte „Frohmediziner“. Wer auf die Kohlenhydrate („Carbs“) verzichtet, dem stellt er in Aussicht, dass er nicht nur mühelos schlank, sondern auch Krankheiten wie Diabetes, Migräne oder Darmkrämpfe los wird.

These aus den USA: Weizen macht dick und krank

Mit solchen Thesen schwimmt er auf einer Welle, die aus Amerika herüberschwappte: „Weizenwampe“ heißt bezeichnenderweise das Buch des US-Mediziners und Kardiologen Dr. William Davis, das vor rund zwei Jahren auf den deutschen Markt kam. Darin erklärt Davis, weshalb Weizen – genauer, der „moderne“ Weizen – angeblich dick und krank macht. Er fördere nicht nur Übergewicht, sondern auch Alterungsprozesse und eine ganze Reihe von Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Arthrose, heißt es.

In dieselbe Kerbe schlägt US-Neurologe Dr. David Perlmutter in seinem Buch „Dumm wie Brot“. Er bezeichnet Weizen gar als eine Terroreinheit, die „unser kostbarstes Organ unter Beschuss“ nimmt – ein wahres Schreckenszenario. Hoffnungsvoll sei, dass Gehirnerkrankungen vermeidbar seien – durch Verzicht auf „modernen“ Weizen, auch in Form von Vollkornprodukten. – Der Weizen, ein Grundnahrungsmittel, scheint zum Feind geworden zu sein.

Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit

Dass Weizen manchen Menschen tatsächlich Probleme bereiten kann, ist unumstritten und lange bekannt. „Zöliakie“ heißt die wohl wichtigste Krankheit, bei der Weizen, aber auch andere, verwandte Getreide wie Roggen oder Gerste komplett vom Speiseplan gestrichen werden müssen. Denn das darin enthaltene Gluten oder „Klebereiweiß“, das für die Backeigenschaften eine wichtige Rolle spielt, wird von Zöliakiekranken lebenslang nicht vertragen. Nehmen sie Gluten auf, kommt es zu Entzündungsprozessen und zur Rückbildung der Darmzotten, was zu vielen Problemen führt.

Zöliakie sei das „Chamäleon“ der Inneren Medizin, warnte unlängst der Berufsverband der Internisten. Klassische Symptome der Krankheit seien Bauchbeschwerden, Verdauungsstörungen und Durchfall – aber auch Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Depressionen, Kopfschmerzen sowie unklare Leberwerterhöhungen oder Schilddrüsenfunktionsstörungen könnten darauf hinweisen. Eine Fehlannahme sei zudem, dass es sich bei Zöliakie vor allem um eine Erkrankung des Kindesalters handele. Laut Deutscher Gesellschaft für Zöliakie gibt es zwei Häufigkeitsgipfel: Der erste liegt zwischen dem ersten und dem achten, der zweite zwischen 20. und 50. Lebensjahr.

Trotz ihres vielfältigen Erscheinungsbildes kann eine Zöliakie üblicherweise diagnostiziert werden, wenn man denn daran denkt. Bei der Weizenallergie, einer immunologischen Reaktion gegen Weizenproteine, wird es schon schwieriger. Ein Nachweis über das Blut gelinge nur bei einem kleinen Teil der Patienten, sagt der Gastroenterologe Professor Detlef Schuppan, Direktor des Instituts für Translationale Immunologie und Direktor des klinischen Leberfibrose- und Zöliakie-Zentrums am Universitätsklinikum Mainz sowie Professor an der Harvard Medical School in Boston; hier müsse das klinische Bild zusätzliche Hinweise geben, an besseren Diagnostikmethoden werde aber in Mainz gearbeitet.

Glutensesitivität wird noch erforscht

Und die dritte durch Weizen verursachte Erkrankung, die Glutensensitivität, ist derzeit noch eine Ausschlussdiagnose, sprich, bei entsprechendem Verdacht müssten zuvor eine Allergie oder eine Zöliakie ausgeschlossen worden sein. Das Team von Schuppan, der sich seit Jahren mit diesem Krankheitsbild beschäftigt, arbeitet derzeit an einem Test, der Signale im Blut nach einer gezielten Gabe von Weizen („Provokation“ genannt) nachweisen soll.

Obwohl in aller Munde und derzeit sehr populär, ist die Glutensensitivität eine insgesamt noch wenig erforschte Erkrankung. Erste Berichte, da es da neben Zöliakie und Weizenallergie noch etwas anderes geben müsse, tauchten nach Angaben des Mediziners erstmals Anfang der 1980er Jahre auf. Und auch über die Verbreitung weiß man bislang nichts Konkretes. Laut Schuppan könnten jedoch fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung von einer Glutensensitivität betroffen sein – wobei der Experte statt von Glutensensitivität lieber von „Weizensensitivität“ spricht.

Nicht das Gluten soll schuld sein

Die Deutsche Gesellschaft für Zöliakie nennt das Krankheitsbild gar etwas umständlich „Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizensensitivität“. Denn das Gluten scheint nicht der Übeltäter zu sein. Man vermutet vielmehr, dass andere Eiweißstoffe – sogenannte alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren, abgekürzt ATIs, welche die Arbeitsgruppe von Professor Schuppan an der Harvard Medical School in Boston identifiziert hat – bei manchen Leuten zur Weizenunverträglichkeit führen. ATIs, das sind Stoffe, die die Pflanze natürlicherweise unter anderem zur Abwehr gegen Krankheiten, Parasiten oder Insekten herstellt. Es handelt sich um eine andere Klasse von Proteinen als das Gluten, weshalb der Begriff „Glutensensitivität“ bislang nur aus praktischen Gründen (glutenhaltige Getreide als Ursache) beibehalten wurde.

Es ist ein Krankheitsbild, das wissenschaftlich gerade erst konkretisiert und definiert wird. Hat die Weizenunverträglichkeit mancher Menschen damit zu tun, dass heute ATIs in einigen Weizensorten häufiger vorkommen? Spielen moderne Backtechniken, der Trend zu immer schneller und billiger hergestellten Backwaren, eine Rolle? Oder die jeweiligen individuellen Darm-Mikroben? „Wir sind gerade dabei, das auseinanderzudividieren“, sagt Schuppan. Der wichtigste Aspekt aus tierexperimentellen Daten scheine aber zu sein, dass ATIs chronisch-entzündliche Krankheiten verstärken könnten; noch heuer sollen dazu in Mainz auch klinische Studien beginnen.

Bei Weizenunverträglichkeit sind viele Symptome möglich

Wie äußert sich eine Weizensensitivität? Es könne alle möglichen Symptome geben, erklärt Schuppan; aber: „Verdauungsbeschwerden stehen absolut im Hintergrund.“ Im Fall einer Patientin, den er unlängst im Hessischen Rundfunk vorstellte, war es vielmehr unter anderem zu Hautekzemen, Gelenkschmerzen und Müdigkeit gekommen, zum Teil also zu schwerwiegende, aber nicht selten auch unspezifischen Symptomen. Noch hält es Schuppan für verfrüht, allen Menschen, die unter rätselhaften Symptomen leiden, zu einem Selbstversuch mit weizenfreier Kost zu raten. Auf alle Fälle müssten, wie er betont, bei unklaren Beschwerden ernste Erkrankungen ausgeschlossen sein.

Auch wenn vermutlich eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Menschen von einem Verzicht auf Weizen profitieren könnte, hält Schuppan den Trend, Weizen generell zu verteufeln, für Unsinn. „Gesunde werden nicht von einem Verzicht auf Weizen profitieren“, erklärt er. Klar, wer Kohlenhydrate reduziere, für die Weizen eine Hauptquelle sei, werde natürlich abnehmen – und sich durch das verminderte Gewicht dann auch besser fühlen. Doch dies sei eine „Binsenweisheit“, so Schuppan. „Nicht mehr.“

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