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Pflanzenschutzmittel
16.05.2016

Wie gefährlich ist Glyphosat? Was wir wissen - und was nicht

Kontroverser Unkrautkiller Glyphosat: In der EU läuft die Zulassung aus. Die Krebsforschungsagentur der WHO hatte Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft.
Foto: Patrick Pleul/Symbol (dpa)

Der Streit um Glyphosat geht in die nächste Runde. Bleibt das Pflanzenschutzmittel nun zugelassen oder nicht? Und wie gefährlich ist es wirklich? Die wichtigsten Fragen.

Vertreter der EU-Mitgliedstaaten sollen in der kommenden Woche darüber entscheiden, ob die Zulassung für das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat in Europa verlängert wird. Die Abstimmung stand ursprünglich bereits im März auf der Tagesordnung, war aber noch einmal vertagt worden. Bislang ist offen, wie sich die Bundesregierung verhält.

Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in unterschiedlichen Pflanzenschutzmitteln und dient als sogenanntes Herbizid der Unkrautvernichtung. Es kommt weltweit zum Einsatz und wird unter verschiedenen Namen von verschiedenen Firmen vermarktet. Der US-Konzern Monsanto hat Glyphosat in den 70er Jahren zum Herbizid entwickelt. Heute gilt das Mittel als eines der weltweit meistverkauften Wirkstoffe zum Pflanzenschutz. Die Zulassung von Glyphosat in der EU läuft Ende Juni aus. Deshalb muss nun über die weitere Zulassung entschieden werden.

Wie und warum wird das Mittel eingesetzt?

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Glyphosathaltige Mittel sollen die Äcker von unerwünschten Unkräutern freihalten. Sie hemmen ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Ausgebracht wird es in erster Linie kurz vor oder nach der Ernte. In der europäischen Landwirtschaft wird Glyphosat unter anderem beim Anbau von Getreide, Raps, Wein, Oliven und Zitrusfrüchten angewendet.

In Deutschland werden einer vor einigen Jahren veröffentlichten Studie zufolge knapp 40 Prozent aller Anbauflächen damit behandelt. Der Vorteil für Landwirte liegt auch in Zeit- und Kostenersparnissen: Felder müssen nicht mehr umgepflügt werden. Hersteller und Bauern verweisen in diesem Zusammenhang auch darauf, dass dies der Bodenerosion entgegenwirkt.

Warum gibt es Streit?

Der Streit dreht sich um mögliche Gesundheitsgefahren des Mittels. Kritiker warnen davor, dass Glyphosat krebserregend sein könnte. Das Thema ist Teil einer größeren und teils emotional geführten Debatte um einen Kurswechsel weg von der industriellen Landwirtschaft. Es gibt immer wieder Berichte und Studien dazu, die aber umstritten sind.

Was steht in diesen Untersuchungen?

Sehr häufig herangezogen wird ein Bericht der zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC), die erst im März diesen Jahres erklärte, Glyphosat sei "wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen". Den Herstellern zufolge handelte es sich dabei jedoch nur um "theoretische Überlegungen" ohne Bezug zu den realen Verbraucherrisiken.

UN-Experten wiederum kamen jetzt zur Einschätzung, dass Glyphosat wahrscheinlich doch nicht krebserregend sei. Tiertests mit für Menschen relevanten Dosen des Mittels hätten gezeigt, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme nicht zu genetischen Zellveränderungen führe.  In dem Bericht werden Ergebnisse eines Arbeitstreffens von Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zusammengefasst, das vom 9. bis 13. Mai in Genf stattfand. Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass es bei Tests mit Mäusen bei sehr hohen Dosen Krebsverdacht gab.

Was sagen die Behörden in Deutschland und der EU zu Glyphosat?

Aufsichtsbehörden in Deutschland und der EU kamen zu dem Schluss, dass von Glyphosat keine Gefahr für die Gesundheit von Menschen ausgeht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) gab der EU-Kommission grünes Licht für eine erneute Zulassung. Über den Vorschlag werden die Vertreter der Mitgliedstaaten nun abstimmen.

Wie kann es zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen?

Darüber gibt es letztlich nur Spekulationen. Von Seiten der Umweltschützer und anderer Glyphosat-Gegner wird behauptet, die Efsa und weitere Behörden wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fällten ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Auf der anderen Seite werfen Hersteller den Kritikern vor, eine "Angstkampagne" zu inszenieren.

Wie wird Deutschland abstimmen?

Das ist bislang unklar; innerhalb der Berliner Regierungskoalition gibt es heftigen Streit. Während Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) die Zulassung verlängern will, sind die SPD-geführten Ministerien strikt dagegen. Unter solchen Umständen muss sich Deutschland der Stimme enthalten. Am Freitag schaltete sich aber das Bundeskanzleramt ein, um eine einheitliche Position zu finden.

Wie läuft das Entscheidungsverfahren?

Die Entscheidung fällt in einem Fachausschuss hinter verschlossenen Türen. Das hat nichts mit dem Thema zu tun, sondern ist bei sogenannten Komitologie-Verfahren üblich. Für eine sofortige Glyphosat-Neuzulassung ist eine qualifzierte Mehrheit nötig: Das sind  55 Prozent der Mitgliedstaaten, die gleichzeitig mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren. Lehnt eine qualifizierte Mehrheit die Neuzulassung ab, muss die EU-Kommission einen neuen Vorschlag machen. (afp)

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