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Psychosomatik

03.02.2020

Zu viele Zahnärzte ignorieren psychische Ursachen für Beschwerden

Für viele beginnt die Hölle schon, wenn sie nur das Geräusch eines Zahnarztbohrers hören.
Bild: Rolf Vennenbernd, dpa (Symbol)

Psychosomatik spielt in der Zahnheilkunde eine nicht zu unterschätzende Rolle. Viele Beschwerden haben keine organische Ursache, können aber sehr heftig werden.

Die Mundschleimhaut brennt, als wenn ein inneres Feuer lodern würde, die Zunge kribbelt und schmerzt, der Mund fühlt sich wund an. Es beginnt morgens und steigert sich im Laufe des Tages. Müdigkeit und Abgeschlagenheit kommen hinzu. So oder ähnlich könnte die Schilderung einer Patientin sein, die am Burning-Mouth-Syndrom leidet. Doch trotz intensiver Suche finden oft weder Hausarzt noch Zahnarzt einen organischen oder zahnmedizinischen Grund für die Beschwerden. „Es herrscht eine Diskrepanz zwischen objektivem Befund und subjektiver Befindlichkeit“, sagt Anne Wolowski. Die Zahnmedizinerin ist Oberärztin der Poliklinik für Prothetische Zahnmedizin am Universitätsklinikum Münster und Vorsitzende des Arbeitskreises Psychologie und Psychosomatik der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK).

Sie befasst sich seit Jahren mit dem Thema, wie sehr psychische und soziale Faktoren in die Krankheitsbilder der Zahnmedizin hineinspielen. Wenn der Befund nicht zu den Beschwerden des Patienten passt, dann sollte der Blickwinkel erweitert und auch das seelische Befinden einbezogen werden. Darüber spricht niemand gern mit seinem Zahnarzt. Doch „es ist ganz wichtig, das Tabu zu brechen und die Selbstverständlichkeit hervorzuheben, dass auch solche Störungen in der Zahnmedizin häufig vorkommen“, betont Anne Wolowski.

Die Psychosomatik betrachtet den Menschen ganzheitlich und berücksichtigt seelische Aspekte bei der Entstehung von Krankheiten. Die aktuelle Lebenssituation mit Belastungen wie Scheidung, Tod eines Angehörigen oder Stress im Beruf, aber auch weit zurückliegende traumatische Erlebnisse können sich auf die Gesundheit auswirken. Auf dem Gebiet der Zahnmedizin sind infrage kommende Krankheitsbilder etwa die Prothesenunverträglichkeit, das Burning-Mouth-Syndrom, Zähneknirschen oder übersteigerte Angst beim Zahnarzt. Auch eine chronische Parodontitis und sogar Karies bei Kleinkindern können in Zusammenhang mit dem seelischen Befinden (der Eltern) stehen. Psychische Beschwerden können aber nicht nur als Auslöser körperlicher Erkrankungen auftreten, sondern auch als Folge.

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Psychosomatik beim Zahnarzt: Frauen wohl häufiger betroffen

Es gibt bislang keine Studien darüber, wie häufig psychosomatische Erkrankungen in der Zahnarztpraxis vorkommen. Man nimmt aber an, dass es der gleiche Prozentsatz ist wie in der Praxis eines Allgemeinmediziners – also etwa zwischen 20 und 30 Prozent. Frauen scheinen häufiger betroffen zu sein. Die Patienten klagen beim Zahnarzt über andauernde, quälende Schmerzen im Mund- und Kieferbereich, die häufig nach dem Ziehen eines Zahnes, einer Wurzelbehandlung oder nach dem Einsetzen einer Prothese entstehen. Im letzteren Fall beschreiben sie Druckschmerzen, Spannungsgefühle, Schleimhautbrennen oder Würgereize, obwohl der Zahnersatz technisch in Ordnung ist und keine organischen Ursachen für die Schmerzen gefunden werden. Dennoch sind die Beschwerden vorhanden und nicht etwa nur Einbildung. Mitunter fühlen sich Patienten von ihrem Zahnarzt nicht ernst genommen und wechseln zum nächsten Arzt oder stellen sich beim Notdienst vor. Viele klammern sich an die Hoffnung, dass bei der bisherigen Behandlung etwas falsch lief und der Fehler vom nächsten Arzt endlich gefunden wird.

Die Verunsicherung und Anspannung der Betroffenen ist groß, sodass häufig die Schmerzen noch stärker werden. „Die Beschwerden nehmen einen großen Bereich in ihrem Leben ein“, erklärt Wolowski. „Sie machen beispielsweise keinen Urlaub mehr, gehen nicht mehr zum Essen, treffen keine Freunde und ziehen sich total zurück.“

Damit den Patienten geholfen werden kann, muss auch bei manchen Zahnärzten ein Umdenken stattfinden. Während des Studiums erfahren die angehenden Zahnmediziner kaum etwas über psychosomatische Zusammenhänge.

„In Fortbildungen versuchen wir die Zahnärzte zu sensibilisieren, damit sie die betroffenen Patienten erkennen“, so Anne Wolowski. „Der Zahnarzt muss offen damit umgehen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Patienten ist ganz wichtig.“

Ausführliche Unterhaltungen beim Zahnarzt kaum möglich

Wenn ein Patient zum ersten Mal in die Praxis kommt, sollte sich der Zahnarzt auch ein Bild vom persönlichen Umfeld des Patienten machen, so die Empfehlung des Arbeitskreises Psychologie und Psychosomatik in der DGZMK. Oft ergeben sich dabei schon Anhaltspunkte dafür, dass psychische Faktoren an den Beschwerden beteiligt sein können. Eine ausführliche Unterhaltung ist aber heutzutage in der Zahnarztpraxis kaum möglich, sodass als Ergänzung eventuell Fragebögen, die der Patient vorher ausfüllen kann, verwendet werden können. Die Diagnose einer psychosomatischen Störung darf auf keinen Fall leichtfertig gestellt werden. Eine besonders gründliche Abklärung ist daher gerade bei – vermeintlich – schwierigen Patienten unabdingbar.

Die Therapie psychosomatischer Störungen ist nicht einfach, unabhängig davon, ob sich die Beschwerden im Mund oder anderswo bemerkbar machen. „Aufklärung ist der erste Weg in die Therapie“, erklärt Wolowski. „Die Diagnose muss für den Patienten nachvollziehbar sein. Er muss sehen, dass sich der Arzt ernsthaft bemüht, ihm zu helfen.“ Fingerspitzengefühl und subtile Gesprächsführung des Zahnarztes können dem Betroffenen Wege aufzeichnen, nicht ausschließlich körperliche Gründe für seine Erkrankung zu sehen und dies auch zu akzeptieren. Akut therapiebedürftige, körperliche Beschwerden müssen behandelt werden. Aber die Versorgung etwa mit einer neuen Prothese sollte nicht die erste Maßnahme sein.

„Eventuell kann der Zahnarzt die Zusammenarbeit mit dem Hausarzt oder einem Psychosomatiker oder Psychotherapeuten suchen, um bei der Diagnostik und Therapie kompetente Unterstützung zu bekommen. In jedem Fall muss der Zahnarzt die somatische Kompetenz in diese Zusammenarbeit einbringen. Auch die Überweisung in eine spezielle Sprechstunde, wie wir sie in Münster anbieten, ist eine Möglichkeit. Leider gibt es so etwas noch nicht überall“, ergänzt Anne Wolowski.

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