Montag, 11. Dezember 2017

29. August 2014 19:16 Uhr

Aichach

Familie suchte Ruhe auf dem Land - jetzt droht der "Rückschlag"

Angela Kersten zog mit ihrer Familie von München nach Blumenthal, um es ruhiger zu haben. Doch aus Sicht der Familie droht jetzt ein Rückschöag durch Windräder.

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Eine erneuerbare Energiequelle - Windkrafträder. Manche Menschen fühlen sich von ihnen belästigt.
Foto: Patrick Seeger (dpa)

Als Schlüsselerlebnis bezeichnet Angela Kersten die Nacht, in der sie erstmals seit langem wieder durchschlafen konnte. Etwa zweieinhalb Jahre ist es her, dass die 35-Jährige mit ihrem Mann Christian Krinninger, 43, und ihren beiden Söhnen Henri, 6, und Lysander, 4, von München nach Blumenthal zog. Grund sei gewesen, dass es der Familie in der Großstadt – am Isartor mit 60000 Fahrzeugen pro Tag – gesundheitlich nicht gut ging. Doch jetzt droht aus Sicht der Familie ein Rückschlag: die sechs zum Teil schon genehmigten Windräder im Landkreis Aichach-Friedberg.

Hypersensible Mensch reagieren auf jegliche Geräusche

Es war gewissermaßen eine Stadtflucht. Schlechter, unruhiger Schlaf, immer wiederkehrende kleinere und größere Krankheiten und „völlige Genervtheit“ vom ständigen Lärm der Stadt waren laut Kersten die Auslöser für diese Entscheidung. Auch 27 WLAN-Verbindungen in unmittelbarer Nachbarschaft hätten sich ausgewirkt. Es klinge absurd, sagt die Mutter, die von Hypersensibilität spricht. Den einen mache all das nichts aus, den anderen umso mehr. Sie selbst gehöre wohl zur zweiten Sorte. Ihr Körper reagiere auf das Klingeln des Mobiltelefons, selbst wenn es auf lautlos geschaltet sei. Es kribble bei einem Anruf in den Armen oder Beinen. Das jemandem begreiflich zu machen, dem es nicht so geht, sei ihr nie wirklich gelungen.

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Heute ist die Familie im Aichacher Ortsteil Blumenthal „extrem nah an der Natur“ und fühlt sich eigentlich „angekommen“. Sie versorgt sich mit Obst und Gemüse selbst und genießt die totale Ruhe ebenso wie die totale Dunkelheit. Allerdings wurden jetzt die ersten drei von sechs geplanten Windrädern genehmigt. Laut Christian Krinninger konkurrieren allem Anschein nach „Interessen wirtschaftlicher Natur“ mit „dem Schutz der Lebensqualität von Menschen und Tieren“.

Windräder sollen die Lebensqualität nicht beeinflussen

Auch Christine Helfer aus Rieden (Gemeinde Dasing) fürchtet sich vor der Windkraft in ihrer Nähe. Unangenehm ist ihr die Vorstellung, nachts nicht mehr bei offenem Fenster schlafen zu können. Ebenso wie Kersten schaut sie jeden Tag mit ihren Kindern Melina, 8, und Helena, 6, aus dem Fenster und „hofft, dass nichts passiert“. Denn die drei Windräder, die in ihrer Umgebung schon genehmigt sind, könnten täglich die Baumaschinen auf den Plan rufen. Und die Rodung des Geländes, denkt sie, könnte relativ zügig kommen. Ihre Ersparnisse stecken in ihrer Immobilie, weshalb sie gar nicht wegziehen könnte.

Windräder in unmittelbarer Nähe (1000 Meter Abstand) im Blumenthaler Forst sind für Angela Kersten, Christian Krinninger und Christine Helfer „technische Monster“ und „ein Schock“, wobei alle drei „nicht grundsätzlich gegen Windräder“ sind. Voraussetzung sei jedoch ein geeigneter Standort mit viel Wind und ohne Beeinträchtigung der Lebensqualität. Sie wollen aber nicht erst an den Punkt kommen, an dem für sie wieder Ruhelosigkeit, Unkonzentriertsein, Schlaflosigkeit und ein geschwächtes Immunsystem die Oberhand gewinnen. Kurios nennen es die Familien aus Blumenthal und Rieden, dass weiche Standortfaktoren wie Sichtanalysen oder der Tierschutz mehr auszurichten vermögen als das Wohlbefinden der Menschen.

Bichler: "Energie sollte dort erzeugt werden, wo sie verbraucht wird."

„Die Ängste sind unbegründet“, meint Florian Bichler von der Energiebauern GmbH, Betreiber und Projektentwickler der geplanten Windräder. Windenergie werde als ergänzende Energieform benötigt, wobei die Wege dorthin von der Politik „klar vorgegeben“ wurden, die Wahl der Standorte beziehungsweise die Ausweisung der Flächen wiederum der jeweiligen Kommune obliegen. Bichler selbst hätte eigener Auskunft nach keine Bedenken, neben einem Windrad zu wohnen. Er ist vielmehr davon überzeugt, dass Energie dort erzeugt werden sollte, wo sie verbraucht wird. Einen „Image-Schaden“ für die Vorzüge des Wittelsbacher Landes beziehungsweise dessen landschaftliche Schönheit sieht er nicht.

Die Interessengemeinschaft Bürger für Transparenz & Gesundheit übt ebenfalls Kritik an dem Windpark und will diese mit einer Wirtschaftlichkeitsberechnung untermauern, die zu eindeutigen Schlüssen kommt: „Insgesamt ist das Projekt als sehr renditeschwach einzustufen, was auf den windschwachen Standort zurückzuführen ist. Aus diesen Gründen ist von einem Investment abzuraten“, lautet die Zusammenfassung des Gutachtens, das die Firma CDF Consultants, ein Büro für Technologieberatung und Projektentwicklung, vorgelegt hat. Inzwischen gibt es auch Klagen gegen die Windräder.

Entscheidungen für den Standort ist von Ertrag abhängig

Ausschlaggebend für die Einschätzung des Windertrags sei der Bayerische Energieatlas, so Wolfgang Müller von der Pressestelle des Landratsamtes Aichach-Friedberg. Die maßgebliche Aussage zum Standort laute: „wirtschaftlicher Betrieb möglich“. Darüber hinaus prüft das Landratsamt mit den Fachbehörden, ob die Windkraftanlage an dieser Stelle nach den Gesetzen genehmigungsfähig ist. Falls dem so ist, habe der Antragsteller Anspruch auf Genehmigung.

Rotmilan und Wespenbussard, bestätigt Müller, könnten eine Windkraftanlage verhindern, falls durch die Rotoren ein „erhöhtes Tötungsrisiko“ bestehe. Die bisherigen Untersuchungen kämen jedoch zu dem Ergebnis, dass dies nicht der Fall ist. Trotzdem hoffen die Familien auf die Landung der Vögel – beziehungsweise auf Ansiedlung eines Milan- oder Wespenbussard-Horstes – in ihrer Nähe. Denn allein die gezählten 300 Sichtungen – von einem Schwarz- und zwei Rotmilan-Pärchen – der geschützten Vögel in unmittelbarer Nähe der geplanten Windräder reichten nicht unbedingt aus.

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Ein Artikel von
Silvia Kämpf

Augsburger Allgemeine
Ressort: Lokalnachrichten Augsburg

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