Dienstag, 28. Juni 2016

05. Februar 2016 20:55 Uhr

Kreis Augsburg

Warum Dinkelscherben ein Kunstwerk abreißt

18 Jahre lang stand die Plastik von Simon Müller im Rathausgarten von Dinkelscherben. Jetzt kam die Abbruchfirma. Die Familie ist entsetzt.

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Drei Jahre lang hat ein Bauzaun die Skulptur im Rathausgarten von Dinkelscherben gesichert. Jetzt wurde sie abgebaut. Die Familie ist empört.
Foto: Marcus Merk

Jahrelang war das Kunstwerk im Rathausgarten von Dinkelscherben mit einem Bauzaun gesichert. Kein schöner Anblick. Jetzt ist der Bauzaun weg – und mit ihm das Kunstwerk. Eine Abbruchfirma hat die tonnenschwere Skulptur gestern beseitigt. Der Marktrat hatte am Dienstagabend beschlossen, die Skulptur im Rathausgarten abreißen zu lassen – und schon Donnerstagfrüh kam der Bagger. „Die Metallteile wurden auf einem Lastwagen abtransportiert“, erzählt die Mutter des Künstlers, Edda Müller. Sie ist entsetzt und traurig, dass das Werk ihres Sohnes ein solches Ende nimmt. Drei Jahre lang haben sie und ihr Mann für das „Geschütz für den Frieden“ gekämpft, doch ohne Erfolg.

Simon Müller – ein Dinkelscherber, der damals Student an der Münchner Kunstakademie war – hat die Plastik im Rahmen des Markstoi 1998 kreiert. Sie besteht aus vielen Tonnen Stahl und Eisen und hat zudem ein schweres Betonfundament. Das Werk thematisiert Krieg und Frieden – und ist umstritten, so wie es mit Kunst oft ist. Doch Diskussionen gab es in Dinkelscherben nicht nur wegen verschiedener Geschmäcker. Im Laufe der Jahre kam ein weiteres Problem dazu: Einige Teile rosteten und fielen ab, erklärt Bürgermeister Edgar Kalb. Außerdem gebe es scharfkantige Stellen, an denen sich Kinder beim Spielen oder Betrunkene beim Feiern verletzen könnten.

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Drei Jahre lang war das Kunstwerk mit einem Bauzaun abgeschirmt

Ein Gutachten aus dem Jahr 2013 besagte schließlich, die Gemeinde müsse das Kunstwerk „wirksam abschirmen“, um ihrer Verkehrssicherungspflicht nachzukommen. Deshalb stellte sie den Bauzaun auf. Drei Jahre später war die Plastik nun also wieder Thema im Marktrat – auch, weil viele Bürger meinten, sie sehe „furchtbar“ aus, sagt Kalb. Er hatte zwei Vorschläge: Einen festen Zaun darum zu ziehen – mit Türchen, damit der Bauhof die Wiese mähen kann – würde 3500 bis 4000 Euro kosten, der Abriss etwa 2000 Euro.

Die Räte waren unterschiedlicher Meinung. Evi Madalenko-Stuhler (UW 14) sprach sich für die radikale Lösung aus: „Das erinnert an einen Panzer und löst Gedanken an Bedrohung und Krieg aus. Ich möchte im beschaulichen Rathausgarten etwas Positiveres haben.“ Annette Luckner (SPD) plädierte nicht nur für den Erhalt, sondern schlug sogar einen Skulpturenpark im Rathausgarten vor. Sie meinte, es müsse ja kein Zaun sein; man könne das Objekt auch mit Plexiglas abschirmen. Doch für die Sicherung gab es im Rat keine Mehrheit, genauso wenig wie für den Vorschlag von Peter Kraus (FW), die Plastik an anderer Stelle aufzubauen.

Die Entscheidung fiel schließlich mit elf zu sieben Stimmen für die Entsorgung. Und dann ging es schnell: Schon am Donnerstagmorgen rückte das Abbruchunternehmen mit dem Bagger an – um alles zu erledigen, bevor die Märzenbecher blühen, erklärt Kalb.

Der Vater des Künstlers spricht von einem "Kunstskandal"

Die Eltern des Künstlers sagen, sie hätten nur über Umwege erfahren, dass die Plastik schon abgerissen wird. „Die Begründung, dass sich ein Kind verletzen oder ein Betrunkener reinfallen könnte, stinkt zum Himmel“, findet Edda Müller. „Ein Schild hätte doch ausgereicht.“ Ihr Mann Anton Müller wird noch deutlicher. Er schimpft: „Kunstwerke reißt man nicht ab“ und spricht von einem „Kunstskandal“. Die Gemeinde, der die Plastik gehört, habe nicht nur eine Verantwortung, dass sich kein Kind verletzt, sondern auch eine für die Kunst. Schon 2013 hat der Kunsterzieher einen neunseitigen Brief an den damaligen Bürgermeister Peter Baumeister geschrieben, in dem er mit starken Worten den Erhalt fordert. Den Brief hat er vor der Sitzung auch noch dem aktuellen Bürgermeister Kalb vorbeigebracht. Darin steht zum Beispiel: „Wo bitte im weiten Umkreis finden Sie eine derartige Großplastik von solchem Ausdruck und künstlerischer Qualität? (...) Die Plastik ist für viele Generationen von Dinkelscherbern wie ein Tattoo für immer und ewig, bis zum Weltuntergang!“ Für die Eltern war der gestrige Tag ein bisschen wie der Weltuntergang.

Der Künstler selbst, der mittlerweile in München lebt, sieht es nicht ganz so emotional. „Einer vielschichtigen Lebenserfahrung habe ich es zu verdanken, dass mir meine Sentimentalität weitestgehend abhanden gekommen ist – ich bin Realist – und ich habe gelernt zu unterscheiden, wo und wann ein Miteinander möglich ist und wann eben nicht“, antwortet er schriftlich auf die Anfrage unserer Zeitung. „Ein wenig traurig bin ich trotzdem.“

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Ein Artikel von
Manuela Bauer

Augsburger Allgemeine Land
Ressort: Lokalnachrichten


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