Donnerstag, 18. Januar 2018

12. Januar 2018 00:30 Uhr

Theater Augsburg

Ein Stück wie eine antike Tragödie

Erstmals kommt Hanoch Levins „Das Kind träumt“ in Deutschland auf eine Bühne.

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Natalie Hünig und Marlene Hoffmann (rechts) vor dem großen Gemälde von Andrea Huyoff, das als Bühnenbild von „Das Kind träumt“ dient.
Foto: Jan-Pieter Fuhr

Von einem Augenblick auf den anderen zerbricht das Familienglück: Eben stehen Vater und Mutter noch glückselig beisammen und schauen ihrem schlafenden Kind zu, dann brechen bewaffnete Soldaten in die Wohnung ein und die Situation eskaliert. Schließlich muss die Frau mit dem Kind auf einem Schiff in ein fernes Land fliehen – von heute auf morgen und ohne Vorwarnung.

Als die Regisseurin Antje Thoms diesen Stoff das erste Mal in den Händen hielt, noch zum Teil in einer englischsprachigen Übersetzung, war sie angetan. „Das Stück hat mir gefallen“, sagt sie. Andernfalls würde sie jetzt nicht in der Brechtbühne die Endproben zur deutschsprachigen Erstaufführung von Hanoch Levins „Das Kind träumt“ leiten. Sie inszeniert nur das, von dem sie überzeugt ist und zu dem sie etwas zu sagen hat.

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Ein Stück mit klassischen Rollen

Mit „Das Kind träumt“ arbeitet Thoms das erste Mal für das Theater Augsburg. Den Text lobt sie in den höchsten Tönen. „Er ist komprimiert, sprachlich dicht und wirkt wie eine antike Tragödie“, sagt die Regisseurin, die in Göttingen lebt. Von deutscher Gegenwartsdramatik hebe er sich dadurch positiv ab, diese sei sprachlich oft dürftig oder aber nur noch Textfläche. Levin habe dagegen ein Stück mit klassischen Rollen und kunstvoller Sprache vorgelegt.

Ausgangspunkt für den israelischen Dramatiker war die Irrfahrt der St. Louis, die 1939 in Hamburg mit 937 jüdischen Flüchtlingen in See stach. Ursprünglich sollten sie in Kuba an Land gehen und von dort in die USA gelangen, doch verweigerten sowohl Kuba als auch die USA den Flüchtlingen die Einreise. Letztlich musste der Kapitän die Flüchtlinge wieder nach Europa bringen.

Offenheit in der Inszenierung

Levin hat den Stoff 1993 verarbeitet, aber so, dass die zeitgeschichtlichen und historischen Referenzen in den Hintergrund treten. Das Drama der Familie ist im Stück ein Zeitloses. Diese Offenheit möchte auch die Augsburger Inszenierung behalten. Thoms verlagert das Ganze nicht an das naheliegende Mittelmeer, sondern in ein Atelier. Bühnenbild und Hintergrund des Stücks ist ein überdimensionales Gemälde. Mit diesem Bild hat es etwas Besonderes auf sich, es ist erst im Lauf des Probenprozesses entstanden. Die bildende Künstlerin Andrea Huyoff ist dafür von Thoms gefragt worden. Mit ihrem Gemälde hat Huyoff auch auf die Probenarbeit reagiert.

Auf dieses noch nie in Deutschland gespielte Stück ist der leitende Dramaturg Lutz Keßler gestoßen. Seine erste Begegnung mit den Werken des israelischen Dramatikers Levin (1943–1999) liegt schon eine Weile zurück. Diese fand in Keßlers Zeit an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main statt. Dort schrieb ein Studienkollege von Keßler eine Magisterarbeit über Levin und machte Keßler auf den in Deutschland weitgehend unbekannten Dramatiker aufmerksam. Dieser Studienkollege, Matthias Naumann, leitet heute in Berlin den Neofelis Verlag. Und nebenbei hat er das Stück „Das Kind träumt“ aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt – für die Augsburger Inszenierung.

Der Chefdramaturg rannte offene Türen ein

Keßler, der auch die Übertragung des Stücks ins Englische kennt, ist glücklich mit der deutschen Fassung. Das Kunstvolle der Sprache sei darin transportiert worden. „Eigentlich wollte ich dieses Stück schon am Deutschen Theater in Göttingen spielen lassen“, sagt Keßler, dann sei es dort aber nicht mehr dazu gekommen. Nun ist die Levin-Inszenierung in der Brechtbühne zu sehen.

Als Keßler mit der Levin-Gesellschaft in Israel über die Aufführungsrechte verhandelte, rannte er offene Türen ein. Denn die Verantwortlichen in Israel hatten das Theater Augsburg und die Brechtbühne in guter Erinnerung behalten. Das Theater hatte bereits 2012 einmal um Inszenierungsrechte in Israel gebeten, damals für „Israel mon Amour“. Dieser Abend war übrigens die erste eigens für die Brechtbühne inszenierte Produktion des Theaters. Und nun – in der letzten Spielzeit der Brechtbühne – gebe es noch einmal ein Stück aus Israel dort zu sehen. „Das kann doch kein Zufall sein“, sagt Keßler.

Der leitende Dramaturg des Schauspiels glaubt, dass das Stück in absehbarer Zeit auch an anderen deutschen Theatern gespielt werde. Es sei ein starker Text zu einem aktuellen Thema. Der Theaterverlag, in dem die Übersetzung von Levins „Das Kind träumt“ herausgekommen ist, hat sich für die deutschsprachige Erstaufführung in Augsburg schon mehrere Plätze reserviert. Und einige Vertreter anderer Theater werden laut Keßler auch erwartet.

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Richard Mayr

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