Sonntag, 19. November 2017

15. November 2017 00:31 Uhr

Geschichte

Gedenken ohne Augenzeugen

Die Erinnerung an die 600 während des Nationalsozialismus ermordeten und etwa 560 vertriebenen Augsburger Juden steht vor neuen Herausforderungen Von Stefanie Schoene

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Nach 15 Jahren erstmals ohne Zeitzeugen: Bei der diesjährigen Matinee zu den „Lebenslinien“ stand die Neuorientierung in der Erinnerungsarbeit im Mittelpunkt. Etwa 70 Gäste folgten der Einladung des Jüdischen Kulturmuseums und des Sensemble Theaters. Zwar gebe es noch Juden, die aus eigenem Erleben über die Reichspogromnacht 1938, über die Ausgrenzung, Enteignung und Deportationen in Augsburg berichten könnten, erklärt Benigna Schönhagen vom Jüdischen Museum. Allerdings sei die Anreise aus dem Ausland für die Hochbetagten inzwischen zu beschwerlich.

Die wissenschaftliche Forschung sehe drei Phasen der Erinnerungskultur: Während die erste Generation noch den Schmerz abkoppelte, stellte die zweite Generation Fragen. Sie rekonstruierte das Geschehen, rührte jedoch nicht an den Gefühlen der Eltern. Erst die Enkel fragen nach der persönlichen Bedeutung des Erlebten, nach den Auswirkungen des Holocaust auf die heutige, eigene Identität.

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Und so wendet sich das Museum seit diesem Jahr den Nachfahren der Augsburger Familien zu, die das Team im Verlauf der letzten 15 Jahre im Rahmen der „Lebenslinien“ und anderer Projekte recherchiert und erforscht hat. Aus diesem weltumspannenden Netzwerk organisierte das Museum in diesem Sommer ein „Reunion“-Treffen, zu dem im Juni 99 Kinder, Enkel und Urenkel ermordeter, verschollener oder überlebender jüdischer Augsburger aus allen Teilen der Welt anreisten. Höhepunkt des Treffens war der Festakt zum 100-jährigen Geburtstag der Synagoge, an dem auch Bundespräsident Walter Steinmeier teilnahm.

Während des sechstägigen Aufenthalts der Familien entstand ein Dokumentarfilm, dessen Uraufführung im Mittelpunkt der Matinee am Sonntag stand. „Finding Memories“ von Pola Sell ist eine 30-minütige, intime und anrührende Dokumentation dieses bundesweit einmaligen Treffens. Da ist Henry Stern, der bereits 2013 Gast der „Lebenslinien“ war. Er kehrte in diesem Jahr als einziger Zeitzeuge in die Heimat seiner Eltern zurück. In der Mozartstraße 7 blickt er an dem einst elterlichen Haus hoch und erzählt. Von dem Priester, der in der unteren Wohnung lebte. „Hier“, sagt Stern, dessen Familie 1938 nach Gefängnis und Folter gerade noch die Ausreise nach England schaffte, „hier am Eingang standen mein Bruder und ich und er hat uns gesegnet. Wir waren gesegnet!“ Die Erinnerungen überwältigen ihn, er weint. Tante, Onkel und zwei Cousinen überlebten den Holocaust nicht.

Neben einem Ur- sowie einem Ururenkel des berühmten Augsburger Synagogen-Architekten Fritz Landauer werden auch Howard und Steven, Söhne aus der Familie der sieben Einstein-Brüder, die im Vieh- und Schlachthandel Kriegshabers bekannt waren, gezeigt. Die dritte Einstein-Generation ist mit den Enkelinnen Talia und Loren vertreten. Die Kamera begleitet sie zur Installation eines Erinnerungsbandes für Max, Johanna, Heinrich, Isaak, Ida, Moritz und Lydia Einstein in der Ulmer Straße. Die stärkste Sequenz des Films. Das Verkehrschaos ist alles andere als friedlich, doch die Bedeutung des Rituals ist deutlich spürbar. „Ihre Leben sind durch die Krematoriumsschornsteine ausgelöscht worden, und es gab auf Erden keinen Ort, an dem ihr Name stand. Jetzt sind sie wieder zurück“, erklärt Howard.

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