Mittwoch, 23. August 2017

06. Mai 2017 00:32 Uhr

Geschichte

Malen nach Worten

Wie illustriert der Cartoonist Bulo den Vortrag des Historikers Heinz Schilling über das Lutherjahr 1517? Von Stefanie Schoene

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„Ich fühle mich wie Luther im Auge von Lucas Cranach. Bei dessen Bildern hat man auch das Gefühl, er hätte beim Malen direkt hinter Martin Luther gestanden.“ Zu ungewöhnlich ist das Veranstaltungsformat, das sich die Fugger’schen Stiftungen für diesen Abend ausgedacht haben. Während der Autor und Historiker Heinz Schilling im Vortrag durch das Epochenjahr 1517 pflügt, fügen sich hinter ihm auf der Leinwand feine Striche und dicke Linien zu einem Wimmelbild. Simultan zum Vortrag streichen die Stifte des Cartoonisten Bulo (Peter Böhling) über den Zeichenblock. Eine Kamera überträgt den Prozess direkt auf die Leinwand. 200 Besucher, darunter Mitglieder der Fugger-Familien, verfolgten das Zusammenspiel von Kunst und Geschichte im Jakob-Fugger-Saal der IHK.

Schilling spricht von verschränkten historischen Prozessen, die 1517 nicht nur in Wittenberg, sondern in ganz Europa für einen Perspektivwechsel sorgten. Auf dem Cartoon schälen sich rechts oben die typische Mütze samt Bob-Frisur und Doppelkinn des Reformators heraus. Doch Luther war nicht allein. Dass sich das Marketing der drei nationalen Lutherausstellungen 2017 wieder auf den Hammer-Mythos und die Kirchentür fixiert, sei ein Rückschritt. Protestantisch-nationale Geschichtsdeutungen, die mit der Lupe auf ein einziges Ereignis blickten, erklärten die Welt nicht. Bulo malt: kopfgroßer Hammer „made in Germany“. „Es spielt doch keine Rolle, ob die Thesen angeschlagen, angeklebt oder einfach nur verschickt wurden. Erst wenn man durchs Fernrohr schaut, den Blick weitet, erschließt sich die Vielfalt der damaligen Zeit. Die vielen Ängste und Hoffnungen der Menschen, die auch Luther umtrieben“, referiert Heinz Schilling.

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Der Erzbischof von Toledo, Francisco Jimenez, ließ 1517 die erste Edition des Alten Testaments in den Ursprachen drucken und gründete erste humanistisch-wissenschaftliche Studien – zeitgleich nahm die erste humanistische Universität des Deutschen Reiches in Wittenberg ihre Arbeit auf. Cartoonist Bulo nimmt die Hörer bildlich mit: Bischof samt Bibel rutscht auf Lupe. Diese ist kontraststark schraffiert und eben jenes Instrument, durch das man die Welt besser nicht betrachten sollte.

Mit Tempo geht der Blick über den europäischen Tellerrand. Der Weltmacht Portugal verpasst Bulo eine Extraportion Schwarz, ebenso dem Knöchel des Italien-Stiefels, dem Machtzentrum der Kirche. Es folgen die Eroberung Kairos durch die Osmanen 1517, die erste Annäherung Europas mit dem Zarenhof, die Vernichtung der Maya und Azteken durch die spanische Hochkultur nach der Eroberung der Halbinsel Yucatan 1517, die erste Hexenjagd in Straßburg und die erste Treibjagd gegen Juden in Regensburg. Bulo füllt die Umrisse seines Kosmos: ein entsetzter Azteke links, der Reiter mit spitzen Schuhen und Turban auf dem Weg nach Ägypten, ein verloren wirkendes Schiff von „China Tours“.

Mit Kairo 1517 stand der christlich-habsburgischen Macht ein islamischer Block gegenüber. Die Osmanen wachten über die heiligen Städte Mekka und Medina und durchkreuzten die lukrativen Handelswege der europäischen Kaufleute. Ab jetzt führte der Weg nach China nur noch um Afrika herum statt durch das Mittelmeer und die Levante.

Und das traurige Rhinozeros, das Albrecht Dürer im Jahr 1515 porträtierte? Es steht für die aufkommende Neugier auf fremde Welten. Sein Name war Odysseus und es kam als Geschenk für Portugals König Manuel aus Indien nach Europa. Später sollte das exotische Tier als Geschenk zu Papst Leo X. fahren. Doch das Schiff sank und Odysseus erreichte Rom nur noch als präparierter Kadaver.

Für Bulo, den Künstler aus München, war der Abend so etwas wie eine Premiere. „Dass osmanische Reiter spitze Schuhe trugen und ihr Wappen schon ein Halbmond mit Stern war – das musste ich vorher nachschlagen.“ Selbst das Fernglas, das Schilling anfangs zur Weltsicht empfahl, ging nicht verloren. Der Cartoonist nahm es ganz zum Schluss auf und drückte es dem bekanntesten Augsburger Kaufmann am unteren Bildrand in die Hand.

, C. H. Beck Verlag, 364 Seiten, 24,95 Euro.

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