Samstag, 22. Juli 2017

15. Juni 2017 13:56 Uhr

Augsburg

Missbrauchsprozess: Wie ein Zen-Priester zum Angeklagten wurde

Genpo D. ist ein geachteter buddhistischer Lehrer. Doch ein Anruf bei der Kripo ändert alles. Er gerät unter Verdacht, Kinder missbraucht zu haben. Am Freitag startet der Prozess.

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Am Freitag startet der Prozess gegen den Zen-Priester. (Archivbild)
Foto: Marcus Merk

Er weiß sofort, dass sein Doppelleben jetzt zu Ende ist. Es ist der Morgen des 27. Juli 2016, gegen 6.30 Uhr. Polizisten läuten bei Genpo D. an der Haustür. Der Zen-Priester betreibt hier, in der dörflichen Idylle von Dinkelscherben, seit über 20 Jahren einen buddhistischen Tempel. Die Beamten zeigen ihm einen Haftbefehl und einen Durchsuchungsbeschluss für sein Haus. Darin heißt es, er stehe unter dem dringenden Tatverdacht des „sexuellen Missbrauchs von Kindern“.

Genpo D. weiß, was das für ihn bedeutet. Er war in jungen Jahren selbst Polizist, bevor er sich dem Buddhismus zuwandte. Er ist ab jetzt nicht mehr der von vielen geachtete Meister, international respektiert als einer der Vizepräsidenten des Weltverbands der Buddhisten WFU. Er ist jetzt Beschuldigter in einem Strafverfahren, ein mutmaßlicher Krimineller.

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Eine Mutter meldete sich bei der Kripo

Beteiligte sagen, Genpo D. habe bei seiner Festnahme an jenem Morgen kurz genickt und „Ja“ gesagt, als er die Vorwürfe hörte. Womöglich hat er schon geahnt, dass sein Leben, so wie er es bisher führte, in sich zusammenbrechen wird. Denn die Risse in seiner nach außen hin scheinbar heilen Welt sind seit Wochen da. Die Mutter eines zu der Zeit elfjährigen Jungen hat Genpo D. schon mit dem Verdacht konfrontiert, dass er ihren Sohn wiederholt missbraucht haben könnte. Der Zen-Priester räumt der Mutter gegenüber sogar Übergriffe ein. Er verspricht, keine Veranstaltungen mehr für Kinder zu organisieren und eine Therapie zu beginnen.

Doch der Mutter lässt die Sache keine Ruhe. Sie meldet sich am 11. Juli 2016 telefonisch bei der Kriminalpolizei. Es ist der Beginn der Ermittlungen. Der Zen-Priester hatte die Frau und ihre Kinder im Rahmen einer Trauerbegleitung betreut. Deren Ehemann und Vater war einige Jahre zuvor gestorben. Es blieb nicht bei der Trauerarbeit. Genpo D. begann, obwohl er selbst Familienvater ist, eine Affäre mit der Frau. Für die Kinder, so sagt es die Frau, sei der Zen-Priester zu einer Art Ersatzvater geworden. Die Kinder durften auch ab und zu in D.s Anwesen am Waldrand von Dinkelscherben übernachten. Dabei vergriff sich Genpo D. den Ermittlungen zufolge immer wieder an den beiden Söhnen. Er vergewaltigte sie nicht. Das wirft die Staatsanwaltschaft dem heute 62-Jährigen in keinem Fall, der in der Anklageschrift aufgelistet wird, vor. Bei den beiden Brüdern sind es offenbar zunächst eher harmlose Streicheleinheiten, die sich dann zu sexuellen Übergriffen ausweiten. Einen der Jungen soll er auch mit dem Mund im Intimbereich berührt haben.

Als die Kripobeamten den Zen-Priester festnehmen und ihn ins Augsburger Polizeipräsidium bringen, wissen sie nur von den mutmaßlichen Übergriffen auf die Brüder. Es ist Genpo D. selbst, der noch am selben Vormittag im Verhör den Namen eines weiteren Missbrauchsopfers nennt. Es handelt sich um einen inzwischen 14-jährigen Flüchtlingsjungen. D. hatte die Familie – eine Mutter mit mehreren Kindern – ehrenamtlich betreut. Der Vater des Jungen war in der Heimat erschossen worden. Trotzdem drohte der Familie die Abschiebung aus dem sicheren Deutschland. Er übte der Anklage zufolge mit dem Jungen Oralverkehr aus und er fotografierte und filmte das Kind auch bei sexuellen Handlungen.

Missbrauchsvorwürfe gegen Zen-Priester: Fall ist brisant

Die Verantwortlichen bei Polizei und Staatsanwaltschaft wissen von Beginn an, dass der Fall brisant ist. Genpo D. – sein bürgerlicher Vorname lautet Hans Rudolf – ist in der Region nicht nur in buddhistischen Kreisen bekannt. In Augsburg ist er regelmäßiger Teilnehmer am „Runden Tisch der Religionen“ und gern gesehener Gast bei vielen Veranstaltungen. Er ist auch Teilnehmer an offiziellen Reisen der Augsburger Stadtspitze nach Asien. In Südkorea wird die Stadt Augsburg auf Vermittlung des Zen-Priesters im Jahr 2012 mit einem buddhistischen Friedenspreis geehrt. Auch Oberbürgermeister Kurt Gribl reist dazu an der Seite von D. in das ostasiatische Land. Die Ermittler gehen auch nach der Verhaftung des Mannes mit dem Fall nicht an der Öffentlichkeit. Erst im Oktober wird der Missbrauchsfall durch einen Bericht unserer Zeitung bekannt.

Durch den Bericht erfährt ein langjähriger enger Vertrauter des Zen-Priesters – zeitweise führten die Männer auch eine Beziehung – von der Tragweite der Vorwürfe. Er meldet sich bei den Ermittlern und gibt ihnen wichtige Hinweise, welche Opfer es noch geben könnte. Die Beamten forschen nach. In der Anklage stehen nun die Namen von sieben mutmaßlichen Missbrauchsopfern. Die Anklageschrift soll am Freitag nächster Woche in einem Saal des Strafjustizzentrums verlesen werden. An diesem Tag beginnt der Prozess gegen Genpo D. vor der Jugendkammer des Landgerichts. Das Gericht hat dafür Termine bis in den August festgelegt. Rund 40 Zeugen sollen befragt werden. Erwartet wird, dass sich der Angeklagte, der von Rechtsanwalt Hermann Kühn verteidigt wird, zu den Vorwürfen äußert. Schließlich hat er bereits gegenüber den Ermittlern eine Reihe von Übergriffen gestanden.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Zen-Priester gezielt Opfer auswählte, die sich in schwierigen Situationen befanden – etwa nach dem Tod des Vaters oder der Trennung der Eltern. Einen Jungen soll er bereits im Jahr 2001 missbraucht haben. Die Eltern hatten ihren damals 13-jährigen Sohn für rund zwei Wochen in den Dinkelscherbener Tempel geschickt, in der Hoffnung, er würde dort seine Drogenprobleme überwinden.

Die bekannte Opferanwältin Marion Zech vertritt im Prozess sechs Betroffene. Für die Opfer, so erklärt sie, sei meist nicht das genaue Strafmaß entscheidend. Viel wichtiger sei das Verhalten des Angeklagten. Sie sagt: „Wir erhoffen uns ein umfassendens Geständnis und das Signal, dass er Verantwortung für seine Taten übernimmt.“

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Jörg Heinzle

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