Donnerstag, 18. Januar 2018

12. Januar 2018 06:00 Uhr

Reisen

Mit dem Fahrrad durch den Iran

Ein Paar macht auf ungewöhnliche Art Urlaub im Nahen Osten. Für Martina Reinwald und Jens Köstner führt der Weg von Shiraz nach Teheran. Sie erzählen, was sie an dem Land beeindruckt. Von Anahit Chachatryan

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Martina Reinwald und Jens Köster (links) habens ich an eine echte Abenteuer-Reise gewagt: Die beiden waren im Nahen Osten unterwegs – mit dem Fahrrad. Vier Wochen sind sie durch den Iran gereist, von Shiraz bis in die Hauptstadt Teheran. Was sie dort erlebten, beeindruckte sie. Oft wurden sie von Einheimischen begleitet.
Foto: Reinwald

Von Anahit Chachatryan

Urlaub im Iran? Für die meisten Deutschen wohl eher nicht vorstellbar. Vielen dürften Unruhen, Unsicherheiten und unbekannte Gefahren in den Sinn kommen, wenn sie an das Land denken. Martina Reinwald (39) trat die Reise trotzdem gemeinsam mit ihrem Freund, Jens Köstner (43), an. Statt eines All Inclusive-Urlaubs in schicken Hotels mit Touri-Ausflügen als Massenabfertigung entschieden sich die beiden für eine andere Form des Tourismus: Mit einem Zelt bepackt und auf ihren Fahrrädern reiste das Paar von Oktober bis November 2017 vier Wochen durch den Iran, von Shiraz nach Teheran. Was sie erlebten, hätten sie so nicht erwartet.

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Die Sicherheitswarnungen des Auswärtigen Amts machen keinen Mut. Öffentliche Plätze seien zu meiden, steht dort, der Internetzugang könne unterbrochen sein, soziale Netzwerke im Internet seien blockiert und man solle das Fotografieren in öffentlichen Gebäuden meiden, da es als Spionagetätigkeit gewertet werden könne. Was auch nicht gerade ermutigend klingt: Touristen, die sich nicht an die Regeln der Sittenpolizei halten, würden verhaftet. Iranischen Bürgern sei der Kontakt zu westlichen Organisationen und Medien verboten. Sie seien auch aufgefordert worden, keinen Kontakt zu Ausländern „über das normale Maß“ hinaus zu pflegen. Wer auf eigene Faust reisen will, wird ermahnt: „Individualreisende sollten grundsätzlich vermeiden, allein nachts oder in einsamen Gebieten zu reisen.“

„Du bist ja verrückt“

Reinwald und Köstner sind allerdings schon lange keine Pauschalurlauber mehr, sondern Individualreisende, die neue Länder mit ihrem Rucksack, zu Fuß oder auf dem Fahrrad erkunden. Auf dem Rückflug von einer Fahrrad-Reise durch Kuba entdeckte die 39-Jährige einen Artikel über den Iran als attraktives Urlaubsziel. Die Beschreibung gefiel den beiden so gut, dass sie trotz der Sicherheitswarnungen beschlossen, die Reise in den Iran anzutreten. Die Reaktionen ihrer Freunde schwankte zwischen.: „Ist das nicht gefährlich?“ und „Du bist ja verrückt!“, erzählen die beiden.

Grund für die Vorurteile sei, dass man so wenig über das Land wisse, vermutet Martina Reinwald, die beim Landesamt für Umwelt in Augsburg arbeitet. Sie sagt: „Wie unbegründet diese Zweifel waren, erfuhren wir bereits in den ersten Tagen unserer Reise.“ Da hatten sie schon zehn Telefonnummern von besorgten Iranern, bei denen sie sich im Falle eines Problems melden konnten: „Die Iraner hatten mehr Sorge darum, dass uns was passiert, als wir uns Sorgen machten.“

Die Offenheit gegenüber Ausländern sei überwältigend: Martina Reinwald und Jens Köstner berichten von zahlreichen Einladungen zum Essen und Angeboten, bei Iranern in deren Wohnungen zu übernachten. Einmal, als die beiden Fahrradfahrer ein Ehepaar auf dem Moped nach einem Bäcker und einen Gemüseladen fragten, bekamen sie nicht nur Brot und Bananen, Äpfel und Paprika, ohne dafür bezahlen zu dürfen, sondern wurden auch zum Tee nach Hause eingeladen. Etwas später gab es ein traditionelles Mittagessen. „Kurz darauf ging die Tür auf und die Mutter sowie mehrere Geschwister unserer Gastgeberin kamen herein“, erzählt Reinwald. „Sie wollten die deutschen Gäste sehen!“ Vor allem in ländlichen Gegenden erregten die europäischen Exoten viel Aufmerksamkeit. So führen sie zum Beispiel mit dem Schuldirektor in Sedeh, einem Ort mit nur 6000 Einwohnern, ein Interview mit dem Schuldirektor für das Lokalfernsehen.

Eine große Hilfsbereitschaft

Die Menschen, denen sie begegneten, nahmen zum Teil große Umwege in Kauf und begleiteten die Reisenden, damit sie auch sicher ihr Ziel erreichen konnten. Mehrmals hielten vorbeifahrende Autofahrer an und gaben ihnen Äpfel und Wasserflaschen.

Vieles, was medial vermittelt wehe, sehe vor Ort etwas anders aus. Das abenteuerlustige Paar hatte wider Erwarten überall Internetempfang. Internet-Plattformen wie Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram sind zwar offiziell blockiert; auch Textnachrichten-Dienste wie WhatsApp und Telegram sind nicht uneingeschränkt nutzbar. Über einen kleinen Trick, ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) nämlich, sei es trotzdem möglich, auf jegliche Inhalte im Internet zuzugreifen. Laut Reinwald nutzt sogar der Präsident diese Medien privat, die Iraner natürlich auch. Überhaupt sei ein großer Unterschied zwischen dem privaten und öffentlichen Raum wahrnehmbar. Drinnen trugen zum Beispiel viele, gerade junge Frauen, kein Kopftuch, draußen schon.

Die sogenannte Sittenpolizei sei gegenüber ausländischen Touristen lockerer gewesen als erwartet. „Ich habe zwar keine Frau draußen ohne Kopftuch gesehen, aber Flip Flops oder, dass man die Fuß- und Handgelenke sehen konnte – das war überhaupt kein Problem“, erzählt Martina Reinwald. Reinwald selbst trug allerdings während dieser Reise noch ein Kopftuch, es sei aber im Gespräch, die Verpflichtung dazu für Touristinnen aufzuheben.

Sich Zeit nehmen

Es sei spannend zu sehen, wie zufrieden die Iraner mit ihrem oft einfachen Leben seien. In Deutschland beschwerten sich die Menschen viel über Kleinigkeiten, findet Reinwald. In der Reise habe sie gelernt, wie wichtig es sei, sich Zeit für die Mitmenschen zu nehmen, um wenigstens Mal einen guten Tag zu wünschen. Man schätze nach der Reise aber auch alles, was man in Deutschland habe: „Wir haben sauberes Wasser, saubere Luft, grüne Städte, eine Rechtsstaatlichkeit und können unsere Meinung öffentlich frei vertreten.“

Seit Dezember 2017 sieht die Lage im Iran wiederum anders aus. Bei den landesweiten Protesten und Demonstrationen ist es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. Dabei starben auch Menschen.

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