Samstag, 29. April 2017

13. April 2016 15:31 Uhr

Interview

So will Patrick Wengenroth das Brechtfestival umkrempeln

Dem Regisseur und Schauspieler Patrick Wengenroth, 40, eilt in der Theaterszene der Ruf voraus, Experte für unspielbare Texte zu sein. Für das Brechtfestival hat er neue Ideen.

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Patrick Wengenroth ist der neue Leiter des Brechtfestivals.
Foto: Theater Bonn

Herr Wengenroth, Sie sind der künstlerische Leiter des Brechtfestivals 2017. Sie leben in Berlin, arbeiten als Regisseur und Schauspieler: Das heißt, Sie machen am liebsten alles gleichzeitig.

Patrick Wengenroth: Das hat sich so entwickelt. Ich habe keine akademische Ausbildung, ich habe nach dem Zivildienst direkt mit dem Theater angefangen in Hamburg, als Hospitant, dann als Regieassistent, als Dramaturgieassistent bei Tom Stromberg am Schauspielhaus Hamburg. Ich bin nach Berlin gezogen, mit meiner Frau, die auch Regisseurin ist, Friederike Heller – und mit der „Dreigroschenoper“ aus Dresden vor ein paar Jahren in Augsburg war.

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Sie haben sich einfach hineingearbeitet in die Theaterwelt?

Patrick Wengenroth: Über einen längeren Zeitraum war Dimiter Gotscheff in Berlin mein Regie-Mentor, mit dem ich diverse Produktionen als Regie-Assistent gemacht habe. Dann war ich Regieassistent an der Volksbühne bei Frank Castorf – eine gute Schule. Parallel haben wir in Berlin ein freies Theater gegründet, den Theaterdiscounter. Von dort ging es als Regisseur an die Theater. Seit 2009 arbeite ich regelmäßig an der Schaubühne Berlin.

Gerade haben Sie mit dem Schauspieler Thomas Thieme einen Udo-Jürgens-Abend an der Schaubühne Berlin gegeben. Was ist Ihr nächstes Projekt?

Patrick Wengenroth: Ein Fußball-Musical am Hebbel am Ufer in Berlin.

So etwas ging in Augsburg auf der Freilichtbühne mit der „Abseitsfalle“ einmal richtig schief. Sie lassen da nicht Fußballspielen auf der Bühne?

Patrick Wengenroth: Unser Motto ist „Fußball als Realitätsmodell“. Es geht um die bundesrepublikanische Verfasstheit, um Alltagsphänomene, um die Korruption im Sport, aber auch auf menschlicher Seite um die Depression, etwa bei den Spielern Sebastian Deisler und Robert Enke. Und es geht um Fußball als den Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Auf welchen Stoffen lag Ihr Hauptaugenmerk?

Patrick Wengenroth: Ich habe selten Stücke inszeniert, sondern meistens selbst geschriebene oder zusammengestellte Projekte. Ich habe Texte auf die Bühne gebracht, die nicht für die Bühne vorgesehen sind: etwa Nietzsches „Zarathustra“, Klaus Theweleits „Männerphantasien“, Peter Sloterdijks „Du musst dein Leben ändern“. Das ist mein Label geworden.

Wie kommt es, dass Sie selbst auf der Bühne stehen?

Patrick Wengenroth: Als wir mit dem Theaterdiscounter angefangen haben und ich dort zum ersten Mal eine eigene Sache gemacht habe, hat ein männlicher Darsteller gefehlt, der es für das wenige Geld gemacht hätte. Die beiden Schauspielerinnen, die mitgewirkt haben, meinten: Dann machst du das jetzt.

Vergangenes Jahr sind Sie vom Theater Augsburg gefragt worden, eine Brecht-Revue zu inszenieren?

Patrick Wengenroth: Seit anderthalb Jahren bin ich mit Maria Linke und Oliver Brunner im Kontakt. Aus dem heraus ist das entstanden.

Und dann sind Sie gefragt worden, ob Sie sich vorstellen können, das Festival zu leiten?

Patrick Wengenroth: Genau. Als es darum ging, nach sieben Jahren die Handschrift zu verändern. Es geht ja nicht darum, alles auf den Kopf zu stellen. Aber so ein wenig schon.

Wie haben Sie die politische Diskussion um die Zukunft des Festivals verfolgt?

Patrick Wengenroth: Ich habe es sportlich genommen. Ich kann den Menschen hier nicht vorschreiben, was sie wollen sollen.

Keine Furcht davor, jetzt in ein Haifischbecken zu steigen?

Patrick Wengenroth: Nein, ich habe keine Angst. Es war ja eh schon klar, dass ich die Revue mache, auch wenn Herr Lang bleibt.

Ihr Brecht-Bezug?

Patrick Wengenroth: Ich habe eine große Affinität zu Brecht. Ich habe mich mit der Theaterpraxis und Ästhetik von Brecht auseinandergesetzt. Inszeniert habe ich Brecht zwar nur einmal, nicht ein Stück, sondern einen theoretischen Text, aber Brechts anti-illusionistischer Zugang zum Theater liegt mir sehr.

Für Ihr Konzept haben Sie geschaut, was gut lief?

Patrick Wengenroth: Ich bin ja erst einmal für ein Jahr da, für 2017. Ich finde, dass es notwendig ist, dass das Festival sich verändert – sonst hätte es der frühere Leiter weitermachen können. Es gibt bestimmte Formate, die sich etabliert haben, die ich behalten möchte. Die Elemente, die Girisha Fernando beigesteuert hat: Die Lange Brechtnacht, den Poetry Slam und die Organisation größerer Konzerte soll er weiter kuratieren. Ein, zwei Sachen will ich neu versuchen.

Was haben Sie vor?

Patrick Wengenroth: Ich will weiterhin ein bis zwei größere Gastspiele einladen: eines aus dem europäischen Ausland, eines aus dem deutschsprachigen Raum. Das muss nicht zwangsläufig ein Brechtstück sein. Ich finde es spannend, wenn das aktuelle Stück im Sinne Brechts funktioniert. Oder aber, dass es sich theatertheoretisch mit Brecht auseinandersetzt. Das Grundprinzip bei mir ist, Brecht mit der Gegenwart zu beschießen und gleichzeitig muss man Brecht mit seinen Thesen auf die Gegenwart loslassen.

In Ihrem Konzept für das Brechtfestival 2017 finden sich auch zwei wissenschaftliche Blöcke.

Patrick Wengenroth: Das ist der zweite Strang, den ich verfolge. Ich möchte ein bis zwei Brecht-Werkstatt-Tage ins Programm holen. Sie sollen so eine Mischung aus theaterpraktischen und theatertheoretischen und gesellschaftstheoretischen Ansätzen sein, und Brecht auf seine Aussagekraft und Tauglichkeit für das Heute untersuchen. Dazu sollen Autoren und Wissenschaftler eingeladen werden. Das soll keinen Vortragscharakter haben, sondern ein aktiver Austausch sein und kann ruhig auch eine Runde kritischer für Brecht ausfallen. Man nimmt Brecht viel ernster, wenn man nach Fehlern in seinem System sucht.

Wie soll das dann thematisch aussehen?

Patrick Wengenroth: Die Schwerpunkte könnten sein: die Arbeits- und Freundschaftsbeziehung Walter Benjamin und Bertolt Brecht. Das andere soll eine Untersuchung des Werkes von Bertolt Brecht auf die Fragestellung Chauvinismus/Feminismus sein.

Man zuckt bei den Themen aber erst einmal zusammen. Das klingt nach hartem Brot.

Patrick Wengenroth: Ich glaube, dass bestimmte Sachen, so ein Werk wie das von Walter Benjamin, viel Aufmerksamkeit und Beschäftigung erfordern. Seine Thesen zur Politik finde ich sehr relevant. Die Zielstellung von dem Werkstatttag ist, dass es am Ende einen sinnlichen Theaterabend gibt, in dem der Diskurs abgebildet ist. Da kann ich mir zwei Schauspieler vorstellen: Der eine spielt Brecht, der andere Benjamin. Das ist nicht anstrengender als Wallenstein“ oder „Maria Stuart“.

Und Sie glauben, dass die Zuschauer kommen?

Patrick Wengenroth: Ich zitiere aus meinem Konzept: „Eine Erhöhung der intellektuellen und diskursiven Qualität des Festivals muss keinesfalls zu einem Abfallen des Publikumsinteresses führen.“ Man kann mit der Idee scheitern. Aber ich kann nicht von vornherein sagen: Helene Fischer soll die „Seeräuber-Jenny“ singen.

Und Sie verpflichten die Schaubühne-Stars Mark Waschke und Lars Eidinger als Brecht und Benjamin?

Patrick Wengenroth: Das kann durchaus sein. Das sind ja Kollegen von mir. Ich bin auch von den Stadträten gefragt worden, welche prominenten Schauspieler ich verpflichte. Ich habe nichts gegen Prominenz, viele sind zu Recht prominent, schlichtweg weil sie etwas können in ihrem Beruf: Wenn sie dann eine relevante künstlerische Position zu Brecht beziehen können, wunderbar. Wenn es sich um reines Interpretentum handelt, interessiert es mich nur bedingt. Es muss immer eine persönliche Positionierung zu dem Phänomen Brecht geben.

Wie haben Sie vor, mit der Freien Szene in Augsburg zusammenzuarbeiten?

Patrick Wengenroth: Ähnlich wie bei den prominenten Schauspielern. Ich möchte mit ihnen gemeinsam Ideen entwickeln, damit das Festival für sie nicht nur eine Präsentationsplattform ist. Im besten Fall treffen sich alle Einzelpartikel des Festivals und ergeben am Ende ein Ganzes.

Und Sie lernen die Akteure jetzt erst einmal kennen?

Patrick Wengenroth: Ja, das werde ich bei meinen nächsten Augsburg-Besuchen machen.

Und werden Sie auch Nein sagen?

Patrick Wengenroth: Die Mittel sind immer begrenzt. Da komme ich nicht drum herum. Kann sein, dass ich dann für Einzelne als blöder arroganter Heini dastehe. Aber man kann es eh nie allen recht machen. Und ein Festival organisieren, heißt nicht per se, es allen recht zu machen. Es muss in sich schlüssig sein. Und es soll sein Publikum finden.
Interview: Richard Mayr

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