Montag, 21. August 2017

13. August 2017 14:35 Uhr

Bahnhofsumbau

Tschüss Bahnhofstunnel! Seit Montagnacht ist die Röhre Geschichte

Die alte Gleisunterführung am Hauptbahnhof wurde in der Nacht auf Montag für immer geschlossen. Ein "Nachruf" auf einen Tunnel mit nur zwei Gepäckförderbändern an Gleis 1.

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Die Mittelpassage am Augsburger Hauptbahnhof ist nun gesperrt.
Foto: Peter Fastl

Ist es nicht traurig, von niemandem vermisst zu werden? In der Nacht auf Montag wurde die Unterführung am Augsburger Hauptbahnhof für immer geschlossen. Die Mittelpassage führte jahrzehntelang die Menschen zu allen neun Gleisen in die Welt hinaus. Oder zeigte ihnen den Weg in die Augsburger Innenstadt. Nun ist sie dem Bahnhofsumbau zum Opfer gefallen. Ein kleiner Nachruf auf einen Tunnel, um den es offenbar niemand schade findet.

Vielleicht sollte man der Unterführung an den Gleisen nicht böse sein, dass sie so aussieht, wie sie aussieht. So mitgenommen und trostlos. Die beigen Fliesen an den Wänden sind nun mal nicht schönheitspreisverdächtig. Dübellöcher, Kleberreste und Reste von Substanzen, über die man nichts Näheres wissen will, machen die Wandfließen nicht ansehnlicher. Zudem verleihen sie der Röhre den zweifelhaften Charme eines alten, leeren Schwimmbeckens in einem Hallenbad mit Neonröhren an der Decke. Wer will sich darin schon länger aufhalten, als er muss? Lieber schnell durch und die Seiten wechseln. In den Tunnel abtauchen und auf der anderen Seite empor kommen. Das mit dem schnell ist allerdings so eine Sache. Vor allem bei schwerem Gepäck.

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Desiree Kiening schleppt am Samstagvormittag ihren Koffer an Gleis 1 die Treppen hinunter in den Tunnel. Sie muss rüber zu Gleis 8. Dort fährt gleich ihr Zug ab nach München. Die Lufthansa-Stewardess fliegt heute noch nach Düsseldorf. Denn Koffer also hochheben, etwas seitlich vom Körper halten, damit die Knie beim Treppenlaufen nicht am Gepäck andotzen. Die Gepäckförderbänder, die es nur an den beiden Gleis 1-Treppen gibt, funktionieren nämlich nicht. Mal wieder nicht. Gefühlt haben sie eigentlich nie funktioniert.

"Das mit den Kofferbändern hat selten geklappt"

„Gepäckförderband defekt. Wir bitten um ihr Verständnis“, steht auf einem Blatt Papier. Es wurde schon oft um Verständnis gebeten. Das bestätigt auch Peter Boekstegers, der soeben mit dem Zug vom Ammersee angekommen ist: „Ganz was Neues. Das mit den Kofferbändern hat doch selten geklappt.“ Nun schleppt er sein Gepäck zu Gleis 1 hinauf. Den Koffer hochheben, etwas seitlich vom Körper halten, damit die Knie... „Das ist schon jedes Mal stressig“, meint der junge Mann, der oft in Augsburg zu Besuch ist.

Dass die Mittelpassage nun schließe, sei ihm „wumpe“. „Ich habe eh keine emotionale Bindung zu Augsburg.“ Stewardess Kiening freut sich richtig auf den neuen Bahnhof. So richtig richtig. Sie lebt in Augsburg und fährt viel Zug. „Ich wohne im Thelottviertel. Dann kann ich künftig gleich von dort zu den Gleisen gehen.“

 

Wie gesagt, man sollte der alten Gleisunterführung nicht böse sein, dass sie so aussieht, wie sie aussieht. Sie hat es nicht leicht. Einmal herrscht in ihr gähnende Leere. Dann aber spucken Züge jede Menge Menschen auf einmal aus. Sie alle hasten durch die Röhre. Telefonieren mit ihren Handys, haben Kopfhörer auf, wirken gehetzt. „Nein, keine Zeit“, winkt einer genervt ab. „Können Sie mal vorwärts kommen mit ihren Fragen? Ich muss weiter“, nörgelt eine Frau. In der Röhre herrscht kurzzeitig Stress.

Eine junge Zugfahrerin weist darauf hin, dass man nur in die Gesichter der Menschen im Tunnel zu schauen brauche. „Gerade unter der Woche sieht man ihnen an, ob die Leute in die Arbeit fahren oder ob sie frei haben und verreisen. Und es gibt so viele schlecht gelaunte Gesichter.“ So ein Karma muss man als Tunnel auch erst mal ertragen. Schließlich kommt man ja nicht vom Fleck. Man wird nur benutzt. Und verspottet. Wie nämlich von den Plakaten, die in den letzten Tagen der Gleisunterführung an ihren beigen Wandkacheln klebten.

„Tschüssikovsky Mittelpassage“, „Auf Nimmerwiedersehen“ oder „Der letzte macht das Licht aus“, steht darauf geschrieben. „Ein leichter Abschied. Seit dem heutigen Montag ist die Mittelpassage geschlossen. Die Südpassage (bei Mc Donald’s) übernimmt den Job. Nicht sooo schlimm“, heißt es auf einem weiteren Plakat. Offenbar findet es wirklich niemand schade, dass der Tunnel für immer schließt. Vielleicht der Herr in dem roten Pulli da hinten mit dem Fotoapparat in der Hand?

Der Augsburger Günther Herdin hat tatsächlich die Gleisunterführung aufgesucht, um zum Abschied ein paar letzte Bilder zu machen. Doch nicht, weil ihm der Tunnel besonders am Herzen liegt. Sondern weil der Augsburger generell großes Interesse am Bahnhofsumbau hegt. Er dokumentiert hier sämtliche Veränderungen. Höchste Zeit sei es seiner Meinung nach, dass am Bahnhof was passiert. Und der Tunnel? „Der ist herunter gekommen, verbraucht und nicht mehr attraktiv.“ Nostalgie ist in der Gleisunterführung offenbar fehl am Platz. Na gut, wir hatten es versucht - mit dem netten Nachruf.

Info: Jetzt stehen für den Zugang zu den Gleisen nur noch die Süd-Unterführung und der im Frühjahr reaktivierte Posttunnel (Eingang neben der Pferseer Unterführung) zur Verfügung. Bis Ende 2023 soll es dann die neue Röhre für Fußgänger und Straßenbahnen geben.

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